Diakonie-Direktor warnt vor Ruin der Altenpflege

Nachricht 01. Januar 2010

Hannover (epd). Der hannoversche Diakonie-Direktor Christoph Künkel hat vor einem ruinösen Wettbewerb in der Altenpflege gewarnt. "Wir fordern die Politik auf, sich im neuen Jahr bei den Pflegekassen und Kommunen dafür einzusetzen, dass die Pflege angemessen vergütet wird", sagte Künkel am Freitag im epd-Gespräch in Hannover. Nur so ließe sich eine weitere Verschärfung der bereits vorhandenen Missstände vermeiden. Der derzeitige Preiskampf zwischen privaten und freien Pflegeanbietern wie der Diakonie werde auf dem Rücken der Pflegekräfte ausgetragen und gehe zulasten der Qualität, betonte der Theologe: "Deshalb brauchen wir dringend einen Mindestlohn."



Die Pflegemindestlohn-Kommission in Berlin will Anfang des Jahres weiter über die Lohnhöhe verhandeln. Bisher wollen die privaten Arbeitgeber 7,50 Euro im Osten und 8,50 Euro pro Stunde im Westen zahlen. Die Vertreter der Gewerkschaft ver.di verlangen eine Lohnuntergrenze von mindestens 9,50 Euro, ebenso wie die meisten kirchlichen Pflegeanbieter. Nach Künkels Ansicht muss der Mindestlohn bei 10,50 Euro liegen: "Nur so ist er für die Beschäftigten auch auskömmlich."



Die Pflege sei ein extrem anstrengender Beruf. Die qualitativen und besonders die psychischen Anforderungen stiegen ständig, betonte der evangelische Theologe. Zwar hänge die Qualität der Arbeit nicht am Stundenlohn: "Das zu behaupten, wäre eine Diskreditierung der Menschen, die dort mit hohem Einsatz arbeiten." Dennoch gebe es aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen kaum noch Fachkräfte. Noch argumentierten die Pflegekassen damit, dass der Markt die niedrigen Entgelte hergebe: "Das tut er in der Tat", sagte Künkel: "Die Frage ist nur, wie lange noch?"



Wie viele Altenpflegerinnen überhaupt nach Tarif bezahlt werden, weiß Experten zufolge, niemand. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe kennt ambulante Dienste, die selbst einer Pflegefachkraft nur 4,50 Euro die Stunde bezahlen. Von unten kommen die Löhne durch die Pflege-Schwarzarbeit in Hunderttausenden deutschen Haushalten unter Druck. Die kirchlichen Arbeitgeber, bei denen mehr als die Hälfte der rund 600.000 Pflegekräfte beschäftigt sind, befänden sich in einem Dilemma, sagte Künkel weiter. "Wir vertreten die klare Position, dass bestimmte Löhne gezahlt werden müssen, sonst werden die Bedingungen menschenunwürdig."


Gleichzeitig gebe es aber immer mehr gering qualifizierte Menschen, die gar keine Arbeit mehr fänden. Die Alternative könne nicht sein, ein Heer von Dauerarbeitslosen zu produzieren. "Die Diakonie muss auch für Menschen in prekären Arbeitsbedingungen Arbeit schaffen und ihnen helfen, ihren Alltag zu regeln", sagte Künkel. Wenn dies nur bei schlechterer Bezahlung möglich sein sollte, müssten die Kirchen genau dies öffentlich anprangern: "Wir könnten die Menschen zu Bedingungen, die wir für falsch halten, in Lohn und Brot stellen und müssten gleichzeitig mit all unserem Gewicht genau gegen diese Bedingungen in der Öffentlichkeit protestieren."



Ein solches Vorgehen brauchte aber auf jeden Fall beständige Korrekturmechanismen, betonte Künkel. "Wir müssen verhindern, dass wir das, was wir nicht wollen, auf Dauer stellen." Er halte es deshalb zum Beispiel für zwingend notwendig, dass Mitarbeitervertreter auch in den Aufsichtsgremien einen Sitz hätten. Die Verantwortung müsse gemeinsam wahrgenommen werden. "Das entspricht einer erneuerten Dienstgemeinschaft, die gerade in schwierigen Zeiten nötig ist", sagte Künkel: "Oft wird aber auch bei uns so getan, als wäre alles in Ordnung."




epd lnb mil / 1.1.2010

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