EKD-Ratsvorsitzende Käßmann fordert geordneten Abzug aus Afghanistan / Militärbischof für Debatte über Ziele des Afghanistan-Einsatzes

Nachricht 27. Dezember 2009

Hannover/Berlin (epd). Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, hat sich für einen geordneten Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan ausgesprochen. "Es gibt keinen gerechten Krieg", sagte Käßmann in Interviews der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" und der "Berliner Zeitung" (Donnerstagsausgabe). Sie forderte eine zivile Lösungsstrategie für Afghanistan. Eine solche Strategie werde aber bislang nicht einmal gesucht.



Was in Afghanistan geschieht, sei aus christlicher Sicht "in keiner Weise zu rechtfertigen", sagte die hannoversche Landesbischöfin. Die Zivilbevölkerung leide unendlich. "Am Ende sagen immer alle, jetzt müssen wir mit Waffengewalt eingreifen, dann wird es Frieden geben", kritisierte die Bischöfin. Für Konflikte gebe es andere Vermittlungsformen. "Was ich befürworten könnte, wäre eine Art Polizeigewalt." Dies wäre auch auf Weltebene, etwa bei den Vereinten Nationen denkbar.



Krieg habe Unrecht, Zerstörung und Vergewaltigungen im Schlepptau, warnte Käßmann. Deutschland stelle nicht nur das drittgrößte Kontingent der Streitkräfte in Afghanistan, sondern sei auch der drittgrößte Rüstungsexporteur. "Wir verdienen auch noch an den Kriegen, die wir dann beklagen", sagte die EKD-Ratsvorsitzende.



Die Bischöfin verwies auch auf die schweren seelischen Erschütterungen von Bundeswehrsoldaten, die mit den Erinnerungen an ihren Einsatz in Afghanistan nicht fertig würden: "Es ist gut, dass es zu diesen Weihnachten ein verstärktes Bewusstsein dafür gibt."



In der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" begründete Käßmann den Einsatz von Militärseelsorgern in dem Land. Die Pastorinnen und Pastoren, die die Auslandseinsätze begleiteten, seien Seelsorger für die Soldaten. Durch ihr Engagement werde kein Krieg abgesegnet. Sie habe große Mühe zu akzeptieren, dass deutsche Soldaten außerhalb des Landes und der Nato eingesetzt würden, sagte Käßmann: "Aber ich stehe dazu, dass unsere evangelische Kirche sagt, wir begleiten die Menschen und lassen sie auch dort nicht allein."



epd lnb bas/mil / 24./27.12.2009

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Militärbischof für Debatte über Ziele des Afghanistan-Einsatzes



Detmold/Hannover (epd). Der Militärbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Martin Dutzmann, hat sich gegen ein konkretes Datum für den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan ausgesprochen. Es gehe nicht primär um eine Rückzugsdebatte, sondern um eine Zieldebatte - an deren Ende allerdings dann der Rückzug zu stehen habe, sagte Dutzmann am Sonntag in einem Interview auf NDR Info. Notwendige Konsequenz sei, dass "die politisch Verantwortlichen die Ziele dieses
Einsatzes sehr klar und sehr präzise beschreiben".



Zugleich müsse deutlicher gesagt werden, wie zivile und militärische Aktivitäten zusammengeführt werden könnten, sagte der Theologe, der auch leitender Theologe der lippischen Landeskirche ist. "Wenn das nicht geschieht, gewinnt das Militärische die Oberhand." Eine Strategie des schlichten "Weiter so" reiche nicht aus.



Die Situation in Afghanistan sei zwar im völkerrechtlichen Sinne nicht als Krieg zu verstehen, sagte der Militärbischof. "Aber was Soldaten und Zivilbevölkerung erleben, ist Krieg." Dabei empfänden die Soldaten in Deutschland keinen wirklichen Rückhalt. Das habe damit zu tun, dass die Rolle der Streitkräfte in der Bundesrepublik nicht mehr klar sei. Während die Bundeswehr im Kalten Krieg noch als Verteidigungsarmee wahrgenommen worden sei, zeige sich auf einmal, dass Soldaten getötet würden und wirklich Krieg sei. Daraus resultiere die Unsicherheit innerhalb der Gesellschaft. Eine richtige Debatte darüber stehe noch aus.



epd lnb bas mig / 27.12.2009

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