"zuhause" - Weihnachtsgedanken von Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann

Nachricht 23. Dezember 2009

Ein Schlüsselbund: „zuhause“. Das ist eine zentrale Sehnsucht von uns. Immer wieder im Leben. Wir wollen irgendwohin gehören. An einem gedeckten Tisch willkommen, ja erwartet sein. Einfach nach Hause kommen. Geliebt werden, da sein, uns angenommen wissen. So wie du bist, jetzt und heute. Da gibt es die alte biblische Geschichte vom Vater, der den Sohn wieder aufnimmt. Ohne jeden Vorwurf. Einfach nur so, weil er ihn liebt. Gut, der ältere Sohn ist eifersüchtig.

Auch das kennen wir. Bei anderen, aber auch bei uns selbst. Es ist menschlich, dieses Gefühl: Ich habe immer treu alles getan, was gefordert wurde. Und trotzdem geht es mir nicht besser als anderen. Warum wird er geliebt und ich nicht so, wie ich es aus meiner Sicht verdient hätte? Ist das nicht ungerecht? Wo gehöre ich dann hin mit meiner Sehnsucht, meinem Wunsch nach Angenommensein, nach einem „zuhause“?

„Sie hatten keinen Raum in der Herberge“, heißt es bei Lukas (2,7) in der Weihnachtsgeschichte, die auch heute Abend wieder in vielen Kirchen gelesen wird. Keinen Raum, keine Herberge, kein „zuhause“. Deshalb, so weiß der Evangelist, wickelt Maria das Kind in Windeln und legt es in eine Krippe. Da ist noch gar keine Rede von einem Stall, der ein Dach bietet und eventuell sogar die Wärme der Tiere. Vielleicht war es nur eine Vertiefung oder ein schlichter Holztrog. Wie auch immer es gewesen sein mag: Heimelig war es sicher nicht. Und eben auch nicht das, was wir uns unter einem „zuhause“ vorstellen. Der Ort, an dem uns Jesu Geburt geschildert wird, war nicht frisch geputzt, nicht vorzeigbar oder gar romantisch. Maria und Josef waren unterwegs, am Ende mit dem Neugeborenen auf dem Weg nach Ägypten. Schwanger auf dem Weg in die Fremde, später auf der Flucht ins Ausland – Was heißt das für eine junge Frau? Wieviele Ängste gibt es da!

Die Erzählung des Evangelisten Lukas zeigt deutlich: Gott kam nicht in eine ideale Welt. An diesem Ort der Geburt Jesu ist nichts perfekt – und genau das finde ich bewegend. Gott kommt in eine Wirklichkeit, die nicht poliert und aufbereitet ist, sondern bodenständig und echt, mit Ecken und Kanten, mit Fragen und Zweifeln, mit Dreck und Gestank. Gott hat kein wohliges „zuhause“, zumindest keines, das menschlichen Idealvorstellungen entspricht. Jesus selbst hat später einmal von sich gesagt: „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ (Lk 9,58).

Doch genau von diesem Leben, das nach menschlichen Maßstäben so heimatlos scheint, wird der Impuls für ein ganz neues Miteinander unter den Menschen ausgehen. Jesus wird deutlich machen: Gerade weil Gott in die Tiefe gekommen ist und alles Menschenmögliche durchlebt, erlitten und schließlich überwunden hat, muss auch in unserem Leben, in unserer Welt nichts so bleiben, wie es war. So kommt es sicher nicht von ungefähr, dass der, der unbeheimatet zur Welt kam, uns später den Auftrag gegeben hat, anderen Menschen Heimat und Schutz zu bieten. In seinen Abschiedsreden spricht Jesus davon, dass wir Hungrige speisen, Durstige versorgen, Fremdlinge beherbergen, Nackte kleiden, Kranke und Gefangene besuchen sollen und so für die Umkehrung bestehender Verhältnisse sorgen können (Mt. 25, 35ff). Dass Menschen in innerer und äußerer Heimatlosigkeit eine Beheimatung möglich wird, diese Botschaft geht von dem Leben aus, das selbst so unbeheimatet begann.

„zuhause“ – ein Schlüsselbund auf den ersten Blick ist sicher kein sehr weihnachtliches Motiv im gewohnten Sinne. Und doch drückt es die Sehnsucht der Heiligen Nacht aus. Ich bin überzeugt, viele Menschen haben eine solche Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft, nach Ankommen und Beheimatung. Du darfst dich fallen lassen. Musst nicht mehr scheinen als sein. Angenommen, angesehen, weil du angenommen und angesehen bist.

Dass viele von Ihnen unsere Kirchen in dieser Heiligen Nacht und darüber hinaus als ein solches Zuhause wahrnehmen können, das wünsche ich mir! Ankommen, geborgen sein, willkommen geheißen. Ja, die Familie kann das nicht immer leisten. Die Gesellschaft auch nicht. Aber unsere christliche Gemeinschaft bietet offene Türen! Da können Verschiedene zusammenkommen, Junge und Alte, Reiche und Arme, Männer und Frauen.

Und von Anfang an ist es nicht nur eine Elitetruppe, die zusammenkommt. Petrus verleugnet Jesus, kaum ist der verhaftet. Maria Magdalena hat einen zweifelhaften Ruf. Paulus hat Christen verfolgt, bevor er selbst einer wurde. Das ist für uns doch auch ermutigend! Wir können mit unseren kleinen Mitteln etwas tun! Wir können für unseren Glauben einstehen in der Nachbarschaft, in der Schule, am Arbeitsplatz. Wir dürfen wissen: Ich bin eine angesehene Person, weil Gott mich ansieht. Mit all meinen Fragen, Problemen, mit all meinem Scheitern bin ich willkommen bei Gott. Der Schlüssel meines Glaubens schließt die Tür auf. Bei Gott kann ich zu Hause sein. Ich darf ankommen, zu Hause sein. Und ich kann anderen die Tür öffnen.

Ich wünsche Ihnen gesegnete Weihnachten!

Ihre Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann