Was hat denn das mit Advent zu tun? - Andacht über Jesaja 11, 1-9

Nachricht 19. Dezember 2009

Von Susanne Briese, Pastorin in Wunstorf-Luthe

„Möchtest Du noch Kaffee, Schatz?“ „Hmhm.“ Alfred nickt mit einem wohligen Seufzer und schlägt die Zeitung auf. „Ach ja, gemütlich frühstücken, das ist gut. Adventszeit ist doch nett so“, denkt er. Seine Frau gießt ihm Kaffee nach, Musik klingt aus dem Radio.



„Das wird auch niemals anders...“ hört sie Alfred grummeln.

„Was wird nicht anders, Alfred?“

„Na das hier: Stop bombing Bethlehem! steht hier auf der ersten Seite und dann geht das so weiter - hier: Raubüberfall auf Rentnerin. Die ganze Zeitung voll davon. Mann, Mann, Mann, wo soll das noch hingehen!? Die sind doch alle verrückt geworden!“



„Tja, Alfred, “ sie trinkt weiter ihren Kaffee.



Sie denkt an den letzten Nachmittag im Frauenkreis. Der Pastor da. Sie haben Adventslieder gesungen und dann hat er mit ihnen über ein paar Bibelverse gesprochen. „Da war am Ende alles gut. Richtig schön klang das“, denkt sie.



Plötzlich legt sie ihr Brot aus der Hand: „Alfred, ich hole mal grad die Bibel aus dem Schrank. Ich will dir mal was vorlesen.“ – „Die Bibel? Mitten im Frühstück?“



„Hier ist sie. Mittwoch hat der Pastor uns was aus der Bibel vorgelesen. ... Jesaja ... Wo steht das denn? Ah, hier ist Kapitel 11. Hör mal.“ Und sie liest:



„Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht tragen …“ (Jesaja 11, 1-4)



Alfred hat seine Zeitung inzwischen auf den Schoß gelegt. „Das mit `aus einer Wurzel´, das kenne ich. Wart mal, ... das ist doch `Es ist ein Ros entsprungen´, ja, da kommt das drin vor: `Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart´. Aber das andere, das passt doch gar nicht da rein.“ Und sie liest weiter:



„Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen …“ (Jesaja 11, 5-9)



Sie legt die Bibel auf den Tisch. Alfred sieht nicht von der Zeitung auf. „Ich habe im Zoo noch keinen vegetarischen Panther gesehen. - Und? Wieso hast Du mir das jetzt vorgelesen?“



„Ach, weißt du, Alfred, bei den Schlagzeilen aus der Zeitung, da fiel mir das eben wieder ein.“ - „Und was hat das mit der Bibel zu tun?“ - „Naja, ist doch klar! Das mit dem Schluss, den ich so schön finde, weißt du, dass Löwen Stroh fressen und dass kleine Kinder mit Schlangen spielen, ohne dass man um sie Angst haben muss, das klingt doch wie im Paradies, findest du nicht?“ – „Wie im Paradies! Und? Da läuft noch viel Wasser den Bach runter, bis das so weit ist.“



„Ach, Alfred, das muss man als Bild verstehen. So ein Symbol, das eigentlich für was anderes steht. Das ist ein Bild für das, was Menschen sich erhofft haben von dem, den Gott zu ihnen schicken wird. Und das haben sie aufgeschrieben. Heute würde man das wahrscheinlich anders ausdrücken, was wir brauchen, damit es bei uns auf der Erde endlich mal anders zugeht.“

„Das ist ja interessant.“

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„Wir im Frauenkreis sollten mal überlegen, wie wir das sagen würden.“

„Ach ja? Und was habt ihr da gesagt?“

„Naja, das fiel mir eben wieder ein, bei deiner Zeitung. Wir möchten ja alle, das sich da mal was ändert. Und da haben wir zum Beispiel statt `Kühe und Bären werden zusammen weiden´ und `Löwen fressen Stroh´ gewünscht `Alte Menschen sind zu Hause sicher´, `Kinder werden nicht misshandelt´ und `Ausländer müssen sich nicht vor Neonazis fürchten´.“



„Was hat denn das mit Advent zu tun?“



„Nun sei doch nicht gleich so. Das hat doch natürlich was mit Advent zu tun. `Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart´, das hast du doch selbst gesagt, dass das auch in dieser Bibelstelle vorkommt und das ist nun mal ein Weihnachtslied. Und sowas sagt ja auch schon der Engel in der Weihnachtsgeschichte: „Ich verkünde euch eine große Freude, die allem Volk widerfahren soll. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids.“



„Donnerwetter, wo haste denn das gelernt?“ – „Alfred, ich habe doch als Kind mal den beim Krippenspiel mitgemacht. Sowas vergisst man eben nicht. Aber das spielt doch keine Rolle. Wichtig ist: Jesus soll das Friedensreich von Gott her bringen. Nur – es ist noch nicht da. Wir müssen noch warten und hoffen. Aber vor allem brauchen wir nicht die Flinte ins Korn zu werfen.“



„Ach, Heide, ich weiß ehrlich gesagt nicht, was wir schon groß dazu beitragen können. Die Welt ist doch wie sie ist. Du kannst es ja selbst lesen.“ Alfred vertieft sich wieder in seine Zeitung.



„Aber Alfred. Du musst doch nicht immer gleich denken, dass man sowieso nichts ändern kann. Dann ändert sich nämlich garantiert nichts. Man kann doch mindestens Hoffnung haben, dass es anders wird und mit anderen darüber sprechen. Das bringt auch schon was. Du wirst lachen: So ging es mir am Mittwoch. Und seit ich weiß, wie andere Frauen darüber denken, fühle ich mich irgendwie schon mutiger.



„Klar kann man nicht einfach den Kopf in den Sand stecken. Und ohne Hoffnung, dass es anders wird, kann man ja auch schlecht auskommen. Du mit deinem Frauenkreis. Finde ich gut, dass du da hingehst. Sag mal, warum gibt es das hier eigentlich nicht auch für Männer?“




Im Internet: Pastorin Susanne Briese