3. Advent: Adventsandacht aus der Marienkirche Osnabrück

Nachricht 12. Dezember 2009

Darf ich Ihnen eine Frau vorstellen? Maria heißt sie. „Die kennen wir doch“, sagen Sie. Natürlich kennen wir Maria - als „Jungfrau zart“ aus Weihnachtsliedern, als Gottesmutter aus der katholischen Heiligenverehrung, als Madonna mit Engelhaar, als Himmelskönigin mit Heiligenschein und verklärtem Blick. Abgehoben, fast schwebend - als sei sie nicht so ganz von dieser Welt!

Aber Maria ist keine weltentrückte Heilige. Maria, Miriam, ist ein schlichtes israelitisches Landmädchen. Sie ist weder schöner noch frömmer, weder reiner noch heiliger als wir. Was Maria zu einem besonderen Menschen macht, ist dies: Gott zieht sie in seine Geschichte mit den Menschen hinein. Und diese Geschichte trägt die Überschrift: Gott will zur Welt kommen. Das ist sein sehnlichster Wunsch. Er will kein menschenferner Gott sein, damit wir keine gottfernen Menschen sein müssen. Und er will nicht göttlich zur Welt kommen – will nicht auf einer goldenen Himmelsleiter zu uns heruntersteigen wie ein Showmaster im Fernsehen. Nein, Gott will ganz und gar menschlich zur Welt kommen.

Wie kommt denn ein Mensch zur Welt? Indem ihn jemand zur Welt bringt. Jede Mutter weiß: Ein Kind zur Welt bringen, das ist kein Kinderspiel. Das ist Schwerstarbeit. Ein Kind wird „ausgetragen“. Da braucht es ei-nen Menschen, der neues Leben in sich wachsen lässt, der zulässt, dass sein eigenes Leben dadurch in Mitlei-denschaft gerät. Gott kommt zur Welt, indem er sich Maria, dem Mädchen vom Lande, anvertraut. Welche Verantwortung für Maria! 

„Du hast Gnade bei Gott gefunden“, sagt ihr der Bote Gottes. Und Maria erschrickt, als sie erfährt, dass sie Jesus zur Welt bringen soll. Ohne Mann? Das geht doch nicht! Ohne Mann kein Kind. Ohne ihn kommt die Geschichte nicht in Gang. So denken viele. Gott macht Geschichte am starken Mann vorbei. Das ist die eigentliche Pointe der Jungfrauengeburt. Hier geht es nicht um ein biologisches Mirakel. Für jüdisch-biblisches Denken wäre es völlig absurd, dass Gott eine se-xuelle Beziehung zu einer Frau eingeht. Nein, das Motiv der Jungfrauengeburt zeigt uns: Heil wird diese Welt nicht durch die Macher, die Handlungstollen, die powervollen Strategen. 

Heilvolles kommt in diese Welt durch Menschen, die wie Maria Gnade bei Gott finden, die Gottes Güte austra-gen wie eine Frau ihr Kind. Wir müssen wie Maria empfängnisbereit werden für Gottes guten Geist, der Leben schenkt. Dürfen uns nicht dagegen sperren, Gott zu empfangen. Maria lässt sich auf Gottes Geist ein. Sie öffnet sich ihm. Sie tut gar nichts: Sie gibt Gott nur Raum in sich.

Maria ist ein adventlicher Mensch. Adventliche Menschen vertrauen auf das neue Leben, das Gott durch sein Wort in ihnen zeugt. Darum sind sie guter Hoffnung. Gott sucht Maria-Menschen. Menschen, die mit seinen Zusagen schwanger gehen, die etwas Neues in sich heranreifen lassen wie einen Embryo im Mutterleib. Men-schen, die Gott zur Welt bringen, ihn austragen, seine Liebe hineintragen in diese Welt.

Nein, Maria ist keine weltentrückte Himmelskönigin. Sie ist das Urbild eines adventlichen Menschen, weil sie Gott bei sich ankommen lässt. Nichts braucht unsere Kirche dringender als solche adventlichen Menschen, die sich Gottes Wirken öffnen und vertrauensvoll wie Maria sagen: „Mir geschehe, wie du gesagt hast“.

Landessuperintendent Dr. Burghard Krause, Sprengel Osnabrück