Pausbackige Engel und Maria auf der Unterhose: Religiöser Kitsch ist vor allem in der Weihnachtszeit angesagt

Nachricht 03. Dezember 2009

Von Judith Kubitscheck (epd)

Stuttgart/Berlin/Hannover (epd). Die Hochsaison des religiösen Kitsches hat wieder begonnen: Aus Lautsprechern diverser Weihnachtsmärkte scheppert in der Endlosschleife "Jingle bells". An den Ständen sind Plastikschneekugeln mit der heiligen Familie und pausbackige Engel erhältlich. Religiöser Kitsch liegt im Trend - vor allem in der Plätzchen- und Lametta-Zeit.

Dagmar Bayer hat sich mit dem umstrittenen Kunstgeschmack befasst, den immer mehr Menschen mögen. In den Räumen der hochsakralen Kunst des württembergischen Landesmuseums in Stuttgart präsentiert sie zwischen wertvollen Gemälden ein Frühstücksbrettchen, auf dem ein weich gezeichneter, zerbrechlich wirkender Jesus zu sehen ist. Auch das strombetriebene Christusbild passt nicht so richtig in diese vor Kultur nur so strotzenden Räume.

Sie unterscheidet zwei verschiedene Kitschrichtungen: Einerseits gibt es die religiösen Souvenirs, die an Wallfahrtsorten wie Lourdes oder dem Passionsspielort Oberammergau verkauft werden. Dieser Devotionalienhandel habe eine lange Tradition, manche behaupten sogar, der religiöse Kitsch sei der Ursprung allen Ungeschmackes, weil es ihn schon seit Jahrhunderten an Wallfahrtsorten gäbe.

Die religiösen Souvenirs stellen laut Bayer eine ohne Rücksicht auf das Material gefertigte Pseudokunst dar, die ins Dekorative abgleite. Außerdem gebe es Alltagsgegenstände, die mit einem religiösen Motiv geschmückt sind und es damit herabwürdigen.

Doch Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Institutes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover, hält abfälliges Gerede über Kitsch für unzulässig. Kunst, mit der sich Menschen identifizieren und die sie schön finden, werde aus der Sicht der Hochkultur als Geschmacksverirrung abgetan, sagt Wegner.

Die Berliner Designerin Simone Franze wurde durch diese polarisierende Art von Kunst berühmt: Ihre provokante Unterwäschenkollektion "Vive Maria" bewirbt sich selbst als "verführerisch-perfekte Kombination aus Heiligenkult und verspielten Rüschen". Unter ihren textilen Werken sind Tangas zu finden, die von Mutter-Gottes-Bildchen geziert werden, ein Jesus mit Dornenkrone prangt in bunten Farben auf einem Männer T-Shirt und Boxer Shorts.

Ein Modetrend, der bei Jugendlichen in ganz Europa ankommt. Mit Slogans wie "sündhaft charmant" und "almost innocent" spielt sie mit der Unschuld einer unbefleckten Maria und den körperlichen Reizen, die in modischen Schnitten sexy in Szene gesetzt werden.

"Ich finde die bunten Bilder einfach schön. Ich ziehe sie nicht in den Schmutz", sagt Simone Franze arglos. Sie wolle nicht provozieren, das leicht Kitschige hätte ihr gefallen. Doch provoziert hat sie: Als die Produktionsfirma in Schwenningen 1996 die ersten Wäschesets mit Heiligenmotiven auf den Markt brachte, erhielt die Designerin Drohbriefe von Gläubigen und Pfarrer warfen der Firma Blasphemie vor.

"Das Verwenden religiöse Symbole ist der kleine kalkulierte Tabubruch", sagt Gerhard Wegner zu dieser "kultigen" Kleidermarke. Heute würden von Jugendlichen alle ansprechenden Gegenstände gekauft. Dabei achteten sie nicht auf die übergreifende symbolische Bedeutung, sondern auf ihre individuelle Performance.

Der Kunstbeauftragte der württembergischen evangelischen Landeskirche, Kirchenrat Reinhard Lambert Auer, ist anderer Meinung: Für ihn ist die "heilige" Unterwäsche kein Vermarktungsgag.

Ob kalkulierter Tabubruch oder magischer Schutz, wichtig ist der Erfinderin der heißdiskutierten Textilien, dass sie ankommen. Es müssen ihrer Meinung nach nicht nur christliche Motive sein. Auch Buddha-Figuren könnte sie sich vorstellen. Islamische Motive wird sie aber nicht verwenden. "Das ist mir zu stressig. Ich hätte zu viel Angst vor den Reaktionen", sagt Franze. Deshalb wird es in der nächsten Sommerkollektion lieber wieder eine bunte Heiligenfigur mit gestickten Rosen im mexikanischen Stil geben.

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