Buß- und Bettag: Ein Geheimnis mit Gott

Nachricht 16. November 2009

Psychologe: Beten tut Kindern gut

Von Karen Miether (epd)



Hannover/Lüneburg (epd). Die Box mit Kindergebeten steht im Bücherbord bereit, doch Sinem kennt die Worte längst auswendig. Die Fünfjährige und ihr Kindergartenfreund Daniel melden sich mit weit gestreckten Armen, um laut für alle vor der Mahlzeit Gott zu danken: "Wir gehen Herr zum Essen und wollen nicht vergessen, dass wir die guten Gaben aus Deinen Händen haben." Erst nach dem Gebet greifen die Mädchen und Jungen in der Paul-Gerhardt-Tagesstätte zu Backkartoffeln und Quark.



In dem evangelischen Kindergarten in Lüneburg gehören Tischgebete fest zum Tagesablauf. Finn kennt das auch von zuhause. "Das Essen schmeckt lecker, deshalb betet man", erklärt der Neunjährige kurz und knapp. Doch längst nicht alle der rund 100 Kita- und Hortkinder sprechen auch zu Hause ein Tischgebet. Noch weniger wenden sich nach Beobachtungen der Erzieherinnen mit ihren persönlichen Sorgen oder Freuden im Gebet an Gott.



Eine Umfrage der Zeitschrift "Eltern for familiy" ergab noch 2006, dass zwei Drittel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland zumindest hin und wieder beten. Doch die Zahl geht nach Einschätzung von Experten zurück. "In unserer technokratischen und individualisierten Kultur nimmt das ab", sagt der Kinderpsychologe und Buchautor Wolfgang Bergmann aus Hannover.



Dabei ist Bergmann ebenso wie die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland Margot Käßmann überzeugt davon, dass Beten gut tut. "Das Gebet spendet Trost und versöhnt mit dem Schrecken", sagt er. Zumindest dann, wenn es richtig verstanden werde. Bergmann warnt vor ängstigenden Ermahnungen wie "Gott sieht alles" und dem Zwang zur Beichte im Gebet. "Das Bild vom strafenden Gott hat in der Kinderwelt überhaupt nichts verloren." Es sei ebenso unchristlich und veraltet wie eine Strafpädagogik, die auf Disziplin setze.



Bergmann rät Eltern sogar dann dazu, mit ihren Kindern zu beten, wenn sie selbst gar nicht gläubig sind. "Die Kindervorstellung vom lieben Gott soll man nicht stören. Sie gehört zur Poesie der Kindheit", sagt er. Im Gebet wendeten sich Kinder an ein beschützendes Wesen, das Väterliches und Mütterliches vereine: "Da muss man keinen skeptischen Erwachsenenverstand ins Spiel bringen." Auch die Eltern profitieren vom Gebet mit ihrem Kind, ist er überzeugt. "Gebete sind immer Zeichen der Liebe zwischen Eltern und Kind."



Die hannoversche Landeskirche hat vor einigen Jahren unter Schirmherrschaft von Landesbischöfin Margot Käßmann Kinder eingeladen, für ein Buch ihre eigenen Gebete aufzuschreiben. Dabei sei deutlich geworden, dass Beten etwas Erleichterndes sei, sagt die Bischöfin. "Lieber Gott! Ich habe Mist gebaut, bitte gebe mir deinen Segen, damit ich Mut habe, es zu sagen!", so liest sich das in den Worten von Franzis, einem der jungen Buchautoren. Als ein Geheimnis, das Gott bewahrt, sieht ein anderer Junge das Gebet an.



Neugierig und ernsthaft, so hat die Bischöfin die jungen Verfasser von Gebeten erlebt. Ihre Worte seien tief berührend. Auch um Ängste und Erfahrungen mit dem Tod geliebter Menschen gehe es in den Texten. Kevin sorgt sich um seinen Opa, der einen Herzinfarkt hatte. Der Junge schreibt, er könne gut einschlafen, wenn er gebetet hat: "Ich bitte dich, schütze Opa. Das ist mir erstmal am wichtigsten. Amen."



Die Mädchen und Jungen akzeptieren nach Erfahrungen Bergmanns durchaus, dass sich ihre Bitten nicht automatisch erfüllten. "Ein Gebet ist keine Wunschliste, und der liebe Gott ist nicht der Weihnachtsmann. Darüber kann man mit den Kindern reden", sagt der Kinderpsychologe.



Käßmann betont: Auch, wenn nicht alle Gebete erhört würden, so höre Gott doch alle Gebete. Traurigen und verzweifelten Menschen stehe er bei. Kinder seien offen für religiöse Fragen, sagt die Bischöfin: "Sie haben Sehnsucht nach dem Gebet. Aber sie brauchen Anleitung, das Ritual kennenzulernen." Es helfe ihnen zu lernen, den Tag abends in Gottes Hand zu legen oder vor dem Essen kurz innezuhalten.



Selbst in manchen kirchlichen Tagesstätten tun sich jedoch nach Erfahrung der Bremer Frühpädagogin Ilse Wehrmann Erzieher schwer mit Gebeten, besonders wenn diese frei formuliert werden. "Das ist etwas Intimes und für manche auch ein Tabuthema, an das sie sich nicht rantrauen", sagt die langjährige Vorsitzende der Bundesvereinigung Evangelischer Tageseinrichtungen.



In der Lüneburger Paul-Gerhardt-Tagesstätte ist das anders, dort gibt es zum Beispiel für Geburtstage ein besonderes Gebetsritual. Lenja, die gerade sechs geworden ist, sitzt auf einem hohen Erwachsenen-Stuhl mit rotem Samtkissen. Rund um sie blicken die anderen Kinder zu ihr auf und beten für sie. Weil das Mädchen bald in die erste Klasse kommt und schon einen Ranzen hat, bitten sie für sie um "viele gute Freunde in der Schule". Auch "Glück und Segen" und "viel zum Lachen" wünschen sie ihr, und ein Kind gibt ihr den Wunsch mit: "Dass Du beim Turnen nicht vom Klettergerüst fällst."




epd lnb mir mil / 12./16.11.2009

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