EKD-Ratsvorsitzende zu 20 Jahre Mauerfall

Nachricht 07. November 2009

Die Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischöfin Margot Käßmann, erklärt zum zwanzigsten Jahrestag des Falles der Berliner Mauer am 9. November 2009:



"Der zwanzigste Jahrestag des Mauerfalls erfüllt mich mit großer Freude und
Dankbarkeit. Am späten Abend des 9. November 1989 geschah das damals Undenkbare: Die für unüberwindbar gehaltene innerdeutsche Grenze wurde geöffnet, und auf dem einstigen Todesstreifen feierten die Menschen ihre neu gewonnene Freiheit. Es ging ein Traum in Erfüllung, den viele nicht mehr zu träumen gewagt hatten. Die Bilder der fröhlichen Menschen auf der Mauer von Berlin haben sich vielen von uns tief eingeprägt.



Mutige Frauen und Männer aus der Bürgerrechtsbewegung in der damaligen DDR haben die Fundamente für diesen Tag gelegt, indem sie sich dem Regime entgegenstellten und durch ihr Vorbild immer mehr Menschen inspirierten, es ebenso zu tun. Ich bin dankbar für die aktive und entscheidende Rolle der evangelischen Kirche in der DDR in dieser Zeit, die sich öffnete und Raum gab für notwendige Debatten. Die Friedensgebete in überfüllten Kirchen werden als Symbol einer Bewegung im Gedächtnis bleiben, die den Namen "friedliche Revolution" wirklich verdient.



Der Ruf "Keine Gewalt" wurde aus den Kirchen auf die Straßen von Leipzig, Dresden und Ostberlin getragen. Und er wurde auch von den bewaffneten Organen der DDR gehört. Nachdem ich die Spannung in Magdeburg und Dresden selbst erlebt hatte, nach den furchtbaren Nachrichten von der blutigen Niederschlagung der chinesischen Befreiungsbewegung auf dem Tienamenplatz, war ich mit vielen anderen dankbar und erleichtert, dass es zu keinem Blutvergießen kam!



Gemessen an all dem Leid, dass auf unserer Welt bis heute herrscht, erscheinen mir dieser 9. November 1989 und die Wochen der friedlichen Massendemonstration im Herbst davor immer noch wie ein Wunder.



Das Jahr 1989 war aber nicht nur für die Ostdeutschen ein Jahr der Befreiung. Ganz Mittel- und Osteuropa erlebte einen demokratischen Aufbruch und die Befreiung von Diktaturen. Erst das couragierte Aufbegehren der unter Unfreiheit leidenden Völker Mittel- und Osteuropas machte Europa zu dem, was es heute ist, eine Gemeinschaft der europäischen Staaten, die nicht an einem Eisernen Vorhang in der Mitte des Kontinents endet. Schon im Mai waren die Kirchen Europas in Basel zusammen gekommen.



Der Vers aus Psalm 85, "...das Gerechtigkeit und Friede sich küssen", war das Leitmotiv. Die Kirchen haben mit ihrem konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung viel zu den Veränderungen 1989 beigetragen.



Die damaligen Ereignisse können uns Mut machen für den weiteren Weg in die Zukunft Europas. Die kürzlich erfolgte Ratifizierung des Lissabonner Vertrages, der zum weiteren Zusammenwachsen in der europäischen Union beiträgt, ist dafür ein ermutigendes Zeichen.



Dass der 9. November auch der Tag ist, an dem die Reichspogromnacht stattfand, in der Synagogen in Deutschland zerstört wurden und damit der Beginn eines dramatischen, Europa zerstörenden Prozesses markiert war, der von Deutschland ausging, werden wir an diesem Datum nicht vergessen. Versöhnung wird deshalb zentrale Aufgabe für uns als Kirchen bleiben, Versöhnung zwischen den Völkern Europas und Versöhnung mit Menschen jüdischen Glaubens. Der 9. November sollte zentraler Feiertag sein, weil er die Höhen und die Tiefen unserer Geschichte verbindet, weil er Mahnung und Ermutigung zugleich ist.



Eingedenk des Mauerfalls, der Erinnerung an die Reichspogromnacht und der Entwicklung seither hätte die Herrnhuter Losung für den 9. November 2009 aus dem Buch Jesaja nicht treffender sein können: Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. (Jesaja 9,1)"




Hannover, 7.11. 2009

Pressestelle der EKD

Reinhard Mawick