"Eine Bischöfin kann nicht autoritär von oben bestimmen" - Landesbischöfin Margot Käßmann ist am 4. September zehn Jahre im Amt

Nachricht 28. August 2009

Hannover (epd). Die Führungsstile in der Wirtschaft und der Kirche unterscheiden sich nach Ansicht der hannoverschen Landerbischöfin Margot Käßmann erheblich. Das geistliche Leiten einer Bischöfin könne nicht autoritär von oben geschehen, sagte Käßmann am Freitag im epd-Interview in Hannover. Die 51-jährige promovierte Theologin ist am 4. September zehn Jahre als Bischöfin der mit knapp drei Millionen Mitgliedern größten evangelischen Landeskirche in Deutschland im Amt.

Protestanten dürften nicht durch Macht und Gewalt leiten, sondern allein durch das Wort, sagte Käßmann. Sie habe als Bischöfin mehr als 500 Predigten und noch einmal so viele Vorträge gehalten: "Das zeigt, wie ungeheuer wichtig das Wirken durch das Wort ist." Brennende gesellschaftliche Themen sollten auch auf der Kanzel angesprochen werden: "Wenn eine Gemeinde sich um eine Iranerin kümmert, die abgeschoben werden soll, kann ich nicht ignorieren, dass in der Bibel steht 'Den Fremdling, der unter euch wohnt, den sollt ihr schützen'."



In den vergangenen sechs Jahren war Käßmann auch Mitglied des höchsten Leitungsgremiums der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dem Rat. Die gebürtige Marburgerin gilt als mögliche Nachfolgerin des Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber. Käßmann selbst äußert sich zu diesen Spekulationen nicht. Der neue Rat wird bei der EKD-Synode Ende Oktober in Ulm gewählt.



Als mögliche Themen für die nächste Ratsperiode nannte sie Bildung und Ethik. Palliativmedizin, Hospize und christliche Patientenverfügungen seien ebenfalls ein Dauerthema. Dies gelte auch für die Entwicklung rund um die Pflege. Im Gespräch mit den Muslimen müsse die evangelische Kirche ihre Klarheit behalten und weiter eine gute Nachbarschaft pflegen. "Mir liegt daran, sowohl einen Dialog des Respekts in Deutschland zu führen, als auch für Religionsfreiheit in anderen Ländern einzutreten."



Zu einer künftigen Strukturreform der 22 evangelischen Mitgliedskirchen in Deutschland sagte Käßmann, eine Zusammenlegung von Landeskirchen an sich sei noch kein geistliches Erfolgmodell: "Aber sie kann nützlich sein." Sie hätte eine niedersächsische Kirche für sinnvoll gehalten, wie sie der braunschweigische Landesbischof Friedrich Weber im Frühjahr vorgeschlagen habe. Während die hannoversche Synode einstimmig dafür gewesen sei, hätten die vier kleineren Kirchen jedoch dagegen gestimmt: "Wir werden sie natürlich nicht dazu drängen."



Kirchliche Vielfalt könne sehr kreativ sein, sagte Käßmann mit Blick auf die katholische Kirche: "Aber für mich wäre es ein Modell versöhnter Verschiedenheit zu sagen, wir erkennen uns gegenseitig als Kirchen an. Wir erkennen unsere jeweiligen Ämter an und können deshalb das Abendmahl als Symbol der Einheit miteinander feiern." Sie wisse, dass dies für die Katholiken zurzeit kein gangbarer Weg sei, aber für sie wäre es einer, sagte Käßmann. Ökumene bedeute jedoch nicht Gleichmacherei: "Ich möchte nicht katholisch werden, und ich verlange von keinem katholischen Christen, dass er lutherisch wird."



Sehr viel bedeuteten ihr Netzwerke, betonte Käßmann: "Wenn die Bischöfin eine Idee hat, aber keine Netzwerke und damit Mitstreiter, die diese Idee aufgreifen und umsetzen, kann sie keinen Boden gewinnen." So sei das "Netzwerk Mirjam" entstanden, das seit fast zehn Jahren Müttern in Not helfe. Die Kampagne "Advent ist im Dezember" gegen den vorweihnachtlichen Einkaufsrummel zähle ebenfalls dazu, die auch von der EKD aufgegriffen worden sei.



Höhepunkte ihrer bisherigen Amtszeit seien die Expo 2000 mit dem Christus-Pavillon und der Kirchentag 2005 in Hannover gewesen. Zu den schwierigen persönlichen Entscheidungen gehörten ihre Krebserkrankung 2006 und ihre Ehescheidung 2007, sagte Käßmann, die vier Töchter hat: "Vor allem meine Scheidung hat mich extrem belastet. Ich bin meiner Landeskirche dankbar, dass sie mich durch diese Zeit getragen hat."



epd lnb mil mig / 28.8.2009

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