Landesbischöfin: Kirche und Medien müssen Vorbehalte überwinden - 180 Journalisten bei "Loccumer Gesprächen 2009"

Nachricht 16. August 2009

Loccum/Kr. Nienburg (epd). Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann hat dafür geworben, gegenseitige Vorbehalte zwischen Kirche und Medien zu überwinden. Oft begegneten sich hier zwei Welten, sagte Käßmann vor rund 180 Journalisten am Sonnabend im Kloster Loccum bei Nienburg: "Die eine weiß nicht, was die andere tut." Die Medien seien auf kurze Beiträge eingestellt, bei der Kirche hingegen dauere eine Predigt mindestens 15 Minuten. So redeten beide Seiten häufig aneinander vorbei. Die evangelische Bischöfin sprach bei den 3. "Loccumer Gesprächen" zum Thema "Die Lust am Leid - Ethik und Verantwortung im Journalismus".



Medienvertreter beachteten oft nicht, dass zwei Drittel der deutschen Bevölkerung zu einer Kirche gehörten und dass jeden Sonntag rund fünf Millionen Menschen zum Gottesdienst kämen, sagte Käßmann. Kirchenvertreter wiederum dächten oft, dass Journalisten nur auf Sensationen aus seien und nicht sorgfältig recherchierten.



Beide Seiten müssten mehr voneinander wissen, sagte Käßmann. Nötig sei mehr Transparenz: "Wenn ich nichts zu verbergen habe, kann ich auch offen sagen, was los ist." Die Kirchen müssten sich den kritischen Fragen der Medien stellen. "Ich erwarte von den Medien aber auch einen gewissen Respekt vor dem christlichen Glauben", betonte die Bischöfin.



Die Leiterin der Deutschen Presseagentur (dpa) für Norddeutschland, Christina Freitag, berichtete von einem "Hang zum Infotainment" in den Medien: "Es muss menscheln, es muss Prominente geben." Zudem sei im Internet durch Blogs und den Kurznachrichtendienst "Twitter" eine neue Art der Öffentlichkeit entstanden, in der in hoher Geschwindigkeit alles Mögliche verbreitet werde. "Die Entblößung im Internet ist relativ groß", sagte sie kritisch. "Jeder, der eine Kamera halten kann, macht Nachrichten." Bei "Twitter" finde sich häufig "eine Ansammlung von Banalitäten".



Die neue Chefredakteurin der "tageszeitung", Ines Pohl, sah in den neuen Internet-Diensten dagegen eine nützliche Recherchequelle. "Da sind Gefahren drin, aber auch Chancen", sagte sie. "Man sollte das nicht verdammen." Über "Twitter" habe die taz etwa Informationen aus Krisengebieten im Nahen Osten bekommen, die sie sonst nie erhalten hätte. Mit Blick auf die Berichterstattung über Gewalt und Leid nannte sie das Beispiel zweier konkurrierender Lokalzeitungen. Die eine bringe Fotos von Unfällen mit Todesopfern regelmäßig auf der Titelseite, die andere nicht. Die erste habe ihre Auflage gesteigert, die zweite sei in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Das seien die ökonomischen Bedingungen, unter denen die Medien heute stünden. Die taz könne sich diesem Druck als alternatives Zeitungsprojekt zwar entziehen, aber nur um den Preis, dass die Redakteure deutlich weniger Geld verdienten.



Der Fernsehpastor und Leiter der Evangelischen Fernsehkirche im NDR, Jan Dieckmann, kritisierte den hohen Zeitdruck in den Redaktionen. "Je mehr Geschwindigkeit, desto mehr Qualität geht automatisch verloren", sagte er. Der Deutsche Presserat habe nur wenig Möglichkeiten, wirksam einzuschreiten, wenn Medien bei ihrer Berichterstattung über Gewalttaten die Würde der Opfer verletzten. "Eine Rüge ist ein Instrument, das relativ stumpf ist", sagte Dieckmann.



Die Reihe "Loccumer Gespräche" wird von der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Akademie Loccum, dem Kloster Loccum und der Hanns-Lilje-Stiftung jährlich veranstaltet, um mit bestimmten Berufsgruppen ins Gespräch zu kommen und strittige berufsethische Fragen zu diskutieren. In den vergangen beiden Jahren waren Ärzte und Unternehmer zu Gast im Kloster Loccum. Eine Zusammenfassung der Diskussion mit den Journalisten wird an diesem Montag um 20.30 Uhr vom Hörfunk-Sender NDR Info ausgestrahlt.




epd lnb mig mil /16.8.2009

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