Landesbischöfin: Gesellschaft darf suchtkranke Menschen nicht ausgrenzen

Nachricht 05. August 2009

Hannover (epd). Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann hat sich dagegen ausgesprochen, suchtkranke Menschen aus der Gesellschaft auszugrenzen. "Alkohol- oder Drogenabhängigen mit Verachtung zu begegnen, ist der falsche Weg", sagte Käßmann am Mittwoch in der neuen Sendereihe "12 Orte - 12 Gespräche" der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Die Sendung wurde live und in Fernsehqualität im Internet übertragen.



In der ersten Ausgabe des neuen Formats sprach Käßmann mit der hannoverschen Internistin und Suchtexpertin Stefanie Holm über "Abhängigkeiten und Süchte". Die Medizinerin arbeitet seit 20 Jahren mit süchtigen Menschen. "Suchtkranke leiden an der schlimmsten Krankheit, die man haben kann", sagte Holm.



Ihre langjährige Erfahrung habe ihr immer wieder gezeigt, dass Verbote nichts bewirkten. Der richtige Ansatz sei vielmehr, die Kranken zu begleiten und ihnen neue Wege aufzuzeigen: "Das Ziel, jeden Abhängigen zu heilen, ist aber utopisch." Von 30 Patienten seien heute 29 ohne Berufsausbildung, betonte Holm. Viele kämen aus zerrütteten Familien und hätten nie eine Chance gehabt, Wärme, Geborgenheit und
sichere Beziehungen zu erleben.



Käßmann sagte, dass die Kirchengemeinden auch für Menschen mit Drogenproblemen ein Ort seien, wo sie eine Art Heimat finden könnten: "Bei uns können sie offen sagen, was mit ihnen los ist und müssen keine Angst vor einem moralischen Zeigefinder haben."



Sowohl Holm als auch Käßmann sagten, dass das "Komasaufen" unter Jugendlichen sie hilflos und fassungslos mache. Auch die Experten seien ratlos, ergänzte Holm: "Die meisten Jungen und Mädchen sind sich der Gefahren überhaupt nicht bewusst." Es gebe einen immensen Gruppenzwang, Grenzen auszutesten. Mit ihrem eigenen Verhalten lebten die Erwachsenen den Jugendlichen den Alkoholkonsum oft vor.



Käßmann wird in den nächsten Monaten an für die Kirche eher untypischen Orten Gespräche mit Menschen führen, die sich außerhalb der Kirche engagieren. Sie können unter www.12orte.de verfolgt und im Nachhinein angeschaut werden.



Das Projekt wurde gemeinsam vom Evangelischen Kirchenfunk Niedersachsen, dem Lutherischen Verlagshaus in Hannover und der Kanzlei der Bischöfin entwickelt und von der Hanns-Lilje-Stiftung unterstützt. Die Landeskirche nutzt dafür nach Angaben der Veranstalter eine innovative Technik, die ursprünglich für Liveübertragungen aus dem Operationssaal entwickelt wurde.



Das nächste Gespräch führt Käßmann am Montag in einem Baumarkt in Springe bei Hannover mit dem Vorstandsvorsitzenden der Büromöbel-Firma Wilkhahn aus Bad Münder, Jochen Hahne.



Internet: www.12orte.de



epd lnb mil mir / 5.8.2009

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