Forschungsprojekt will das Wohnen im Alter erleichtern

Nachricht 26. Juli 2009

Von Jörg Nielsen (epd)



In der Küche röchelt die Kaffeemaschine und im Badezimmer strömt das Wasser aus der Dusche. "Alles normal" meldet der Computer, der alle Strom und Wasserverbraucher in der Zwei-Zimmer-Wohnung erkennt und kontrolliert. Auf einem normalen Fernseher im Wohnzimmer können die Aktivitäten der Bewohnerin abgelesen werden. Erst wenn die Werte vom Muster abweichen, kann Alarm ausgelöst werden. "Aber nur, wenn es vorher vereinbart wird", sagt Professorin Susanne Boll, Projektleiterin einer Testwohnung im Oldenburger Forschungszentrum Offis.



"Immer mehr Menschen wollen im Alter solange wie möglich in der eigenen Wohnung leben", sagt Niedersachsens Wissenschaftsminister Lutz Stratmann (CDU) am Freitag beim Besuch des Forschungszentrums. In 20 Jahren seien rund 28 Millionen Menschen, also mehr als ein Drittel aller Bundesbürger, älter als 60 Jahre. Um ihnen ein langes Leben in gewohnter Umgebung zu ermöglichen, finanziert Niedersachsen das dreijährige Projekt mit 1,3 Millionen Euro.



Obwohl die 48 Quadratmeter große Testwohnung mit Sensoren gespickt ist, wirkt sie wie eine normale Seniorenwohnung. Alle technischen Raffinessen sind verborgen. In dem "Living-Lab" erforschen Wissenschaftler Techniken, die das Leben im Alter erleichtern sollen. "Wir wollen die Möglichkeit schaffen, alte Menschen unaufdringlich zu beobachten und zu begleiten", sagt die Professorin.



Das unterscheide sich deutlich von einer Überwachung a la "Big- Brother", betont Boll. Die von den Sensoren empfangenen Daten verlassen nicht die Wohnung. Erst wenn sich das normale Verhalten des Bewohners gravierend ändert, etwa weil über Tage die Dusche nicht genutzt wurde, kann ein Alarm ausgelöst werden, der dann bei einer Pflegestation oder den Angehörigen aufläuft.



"Nicht alles technisch Mögliche ist auch sinnvoll", weiß die Professorin: So gibt es beispielsweise keine Kameras oder Mikrofone in der Testwohnung. Um den alternden Menschen bei aller Technikbegeisterung nicht aus dem Blick zu verlieren, arbeitet Offis eng mit Sozialwissenschaftlern, wie dem Vechtaer Gerontologen Harald Künemund, zusammen.



"Die Technik soll den Menschen unterstützen, ihn aber nicht entmündigen", sagt Künemund. Er glaube nicht an Horrorbilder von Gummizellen für Senioren, in denen sich Roboter um den Menschen kümmern. "Die Technik könnte aber den Pflegedienst und die Angehörigen entlasten und so mehr Zeit für menschliche Zuwendung schaffen." Auch für die Angehörigen könne es eine Erleichterung sein, wenn sie ihre Mutter behütet wüssten.



Die Sozialwissenschaftler wiesen die Techniker auf die Probleme alter Menschen hin, für die sie dann Lösungen erarbeiteten. Als die Techniker einen elektronischen Kalender erdachten, der die Bewohner mit einer Stimme an Medikamente oder Termine erinnern kann, protestierte Künemund: "Wenn alten Menschen das Nachdenken und Erinnern abgenommen wird, schreitet der Verfallsprozess schneller voran." Sinnvoll sei dagegen ein System, das vor dem Erinnerungstermin abgeschaltet werden kann. Für ein erfolgreiches Erinnern könnte es dann ein "digitales 'Gut gemacht'" geben.



Internet: www.offis.de

www.altersgerechte-lebenswelten.de





epd-lnb jön mil / 24./26.7.2009

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