Arm trotz Arbeit - Die Initiative "Zukunft(s)gestalten" hilft mit Schulmaterialprojekt

Nachricht 22. Juli 2009

Von Jan Fragel (epd)



Clausthal-Zellerfeld / Kreis Goslar (epd). Kurz vor zehn im Diakonischen Werk in Clausthal-Zellerfeld. Im Vorraum des in fröhlichem Gelb gestrichenen Hauses an der historischen Marktkirche warten schon acht Mütter. Viele von ihnen sind Alleinerziehende, teilweise stehen sie aber auch kompletten Familien vor. Alle haben das gleiche Problem, das sie an diesem Morgen ins Zentrum von Clausthal-Zellerfeld führt: Sie haben nicht genug Geld, um ihren Kindern den Start ins neue Schuljahr zu finanzieren. Vom Diakonischen Werk erhoffen sie sich Hilfe. Gleich beginnt der erste Aktionstag des "Schulmaterial- und Lernmittelprojektes".



Das Diakonische Werk startet in diesem Jahr zum zweiten Mal dieses Projekt. Rund 150 Kindern ist im vergangenen Jahr mit Gutscheinen von jeweils 25 Euro für Buchhandlungen und Schreibwarenläden geholfen worden, sagte am Mittwoch der Sozialarbeiter Norbert Hammermeister dem epd. Das Projekt ist Teil der Initiative "Zukunft(s)gestalten - Allen Kindern eine Chance", die die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers und die Diakonie ins Leben gerufen haben. Ziel ist die Verringerung von Kinderarmut. In Niedersachsen ist laut Landesamt für Statistik jedes sechste Kind betroffen.



"Schönen guten Morgen, kommen sie rein." Mit einem Lächeln begrüßt Margot Neumann die zweifache Mutter Sabine K. an der Tür des Diakonischen Werkes. Es klingt fast wie früher in der Sparkasse bei einem Beratungsgespräch. Die ehemalige Bankkauffrau Neumann arbeitet als Ehrenamtliche in dem Projekt mit. Sie sieht die Mutter, die wegen des Schulmaterialprojektes gekommen ist, als Kundin, nicht als Bedürftige.



"Das baut Hemmungen ab." Denn für viele Familien sei es nicht einfach, um Hilfe zu bitten, wenn der eigene Geldbeutel nicht mehr für das Nötigste reicht – manchmal auch trotz Arbeit, wie bei Sabine K. aus Clausthal-Zellerfeld.



"Wir sind das nicht gewöhnt", bestätigt die 41-jährige K. und schaut etwas ausweichend. Aber die Gutscheine "retten" ihre Familie und seien "ganz viel wert".


Sie und ihr Mann arbeiten beide in einem Hotel, sie als Rezeptionistin, er als Hausmeister. Monatlich hätten sie 1.300 Euro zur Verfügung. Zum Schulanfang werde es aber eng, wenn Bücher, Arbeitshefte und Material für ihre beiden 14 und 16 Jahre alten Kinder beschafft werden müssten. Mit den Gutscheinen kann sie nun in der örtlichen Buchhandlung und Schreibwarengeschäften "einkaufen" gehen. "Aber denken sie daran, die Gutscheine komplett zu verwenden", erinnert Neumann Sabine K. als sie sie verabschiedet. "Die Geschäfte dürfen kein Wechselgeld herausgeben."



Auch Andrea A. hat es Überwindung gekostet, den Weg ins Diakonische Werk zu gehen. Sie lebt von Hartz-IV, obwohl sie eigentlich lieber arbeiten gehen würde. Doch die 29-jährige gelernte Kellnerin kann zur Zeit keinen Job aufnehmen, sagt sie, wegen der drei Kinder. Die Jüngste ist zwei, der Mittlere acht und der Älteste elf Jahre alt. Für die beiden schulpflichtigen Kinder summieren sich die Kosten für Bücher und Übungshefte auf jeweils 50 bis 80 Euro. "Das kann ich mir allein kaum leisten", sagt Andrea A..



"Wir wollen mit dem Schulmaterialprojekt einen Beitrag zur Chancengleichheit leisten", sagen Sozialarbeiter Hammermeister und die Ehrenamtliche Neumann. Sie hatte das Projekt angestoßen, nachdem sie von einer Familie gehört hatte, die trotz Arbeit nicht genug Geld für das Schulmaterial ihrer Kinder hatte. "Wie muss es dann erst Eltern gehen, die gar keine Arbeit haben", dachte Neumann. Das Clausthaler Projekt wendet sich daher sowohl an Hartz-IV-Empfänger als auch an Geringverdiener. Insgesamt will die Diakonie in Clausthal in diesem Jahr 5.000 bis 6.000 Euro in Form von Gutscheinen auszahlen.



Das Geld kommt aus Spenden und zum großen Teil aus Mitteln der Landeskirche. Die Synode hat für dieses und bislang rund 100 weitere Einzelprojekte insgesamt eine Million Euro bereitgestellt. Über "Patenschaften" und Spenden kämen weitere 110.000 Euro dazu, sagt Projektkoordinatorin Tineke Jarecki in Hannover. Alle Initiativen haben zum Ziel, die Kinderarmut zu verringern. Die Bandbreite reicht von Musikprojekten über günstige Sommerfreizeiten bis zu Lernmittelprojekten wie in Clausthal. "Wenn weitere Kirchengemeinden oder Kirchenkreise ähnliche Projekte auf die Beine stellen wollen, sind sie bei uns herzlich willkommen", sagt Jarecki. Die Förderung werde in jedem Fall geprüft.



Internet: www.zukunftsgestalten.de



epd lnb fra mir / 22.7.2009

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