Wendepunkt Lyon - Reformprozess der Konferenz Europäischer Kirchen kommt in Gang

Nachricht 19. Juli 2009

Von Jan Dirk Herbermann (epd)



Lyon (epd). Es war eine tagelange Zitterpartie, am Ende konnte Martin
Schindehütte zufrieden sein. Die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK)
stimmte dem Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland
(EKD) zu: Ein Reformprozess für den 50 Jahre alten und oft
kritisierten Verband von 126 Kirchen ist überfällig. Auf der
KEK-Vollversammlung im französischen Lyon, die an diesem Montag zu
Ende geht, sagten 238 Delegierte Ja zu einem gemeinsamen Antrag von
EKD, nordischen und baltischen Kirchen. Mit diesem soll ein
umfassender Modernisierungsprozess in Gang gesetzt werden. Nur 27
Delegierte wollten von einem Neustart nichts wissen.


"Es ist in der Debatte schnell deutlich geworden, dass es einen
Konsens über den tiefgreifenden Reformbedarf in der KEK gibt",
betonte Schindehütte. Damit markiert Lyon einen Wendepunkt für die
KEK, die in den Zeiten des Kalten Krieges als Forum für die Christen
in Ost- und Westeuropa diente.


Vor der Abstimmung hatten sich die EKD und die Evangelisch
Lutherische Kirche Finnlands sowie andere nordische und baltische
Kirchen auf einen Kompromissvorschlag zur Reform der KEK geeinigt.
Somit verhinderten sie eine Kampfabstimmung über zwei konkurrierende
Vorschläge der EKD und der Evangelisch Lutherischen Kirche Finnlands.


Nun soll eine Gruppe aus 15 Spezialisten bis Ende 2011 ein Konzept
für eine effizientere, schlankere und transparentere KEK ausarbeiten.
Eine vorgezogene KEK-Vollversammlung wird im Sommer 2013 über die
Vorschläge abstimmen. Die Experten arbeiten mit dem Leitungsgremium
der KEK, dem Zentralausschuss, zusammen.


Dem klaren Ja zur Reform war ein langes Hickhack um einzelne
Wörter und Paragrafen vorausgegangen. Kleinere Kirchen befürchteten,
dass ihre Stimme in der Reformdebatte zu wenig Gehör findet. Die EKD
und andere der insgesamt 126 KEK-Mitglieder hatten vor dem Votum
wiederholt die Arbeit des Verbandes als schwerfällig und ineffizient
bemängelt. Der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber,
forderte die KEK auf, die Anliegen ihrer Mitglieder stärker in den
öffentlichen Dialog in Europa einzubringen. "Einmischung, Präsenz und
Partizipation in der Debatte" seien erforderlich, mahnte Huber.


Schindehütte monierte, dass der Dachverband nach dem Ende des
Ost-West-Konflikts noch immer einen Platz im neuen Kontinent suche.
"Offensichtlich hat sich die KEK in ihrer Aufgabe und Struktur noch
nicht hinreichend auf die tiefgreifenden veränderte Lage in Europa
eingestellt", betonte Schindehütte. "Unser Anliegen ist es, in der
Europäischen Union und in ganz Europa, das Zeugnis der Kirchen in der
kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklung
wirkungsvoll hörbar zu machen", sagte er. Zugleich müsse der
theologische und ethische Diskurs vertieft werden.


Auch Anglikaner wie Christopher Hill von der Kirche von England
unterstrichen, dass eine Reform der in die Jahre gekommenen KEK
unausweichlich sei: "Das sehen wir alle ein", sagte er. Erzbischof
Anastasios von Tirana von der orthodoxen Kirche Albaniens betonte,
dass eine schnelle Modernisierung der KEK nötig sei. "Ein Schiff, das
dauernd repariert wird, kann nicht fahren." Metropolit Gennadios von
Sassima vom Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel stimmte dem
zu: "Wir brauchen einen grundlegenden Umbau der KEK - und wir
brauchen ihn bald."





epd lnb/bas mil / 19.7.2009

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