Esel, Katt Muus un Co - Plattdüütsch Kinnerfreetied

Nachricht 14. Juli 2009

Von Karen Miether (epd)


Hermannsburg/Kr.Celle (epd). Henry findet Plattdeutsch cool. "Ik bün tein Johr olt", gibt er erste Vokabeln zum Besten. Der Zehnjährige aus Weyhe bei Bremen lernt bei einer "plattdüütschen Kinnerfreetied" ganz neu, was seine Ur-Oma ganz selbstverständlich sprach und seine Oma noch konnte. "Es ist lustig, so reden zu können, dass es die anderen in der Schule nicht verstehen", sagt er. 23 Mädchen und Jungen üben sich in der Heimvolkshochschule in Hermannsburg bei Celle in der norddeutschen Regionalsprache. "Esel, Katt, Muus un Co" ist das Motto der Freizeit, zu der die Arbeitsgemeinschaft "Plattdüütsch in de Kark" eingeladen hat. Unter anderem geht es um Tiere, die schon in der Bibel vorkommen.



Wilko Burgwal erzählt den Kindern auf Plattdeutsch von den Eseln, Katzen und Mäusen. Seine Frau Kathrin übersetzt für die, die etwas nicht verstehen. Wie das Pastoren-Ehepaar aus Moordorf bei Aurich und sein Team engagieren sich in ganz Norddeutschland Initiativen dafür, dass Kinder mit Spiel und Spaß die alte Sprache ihrer Heimat lernen. Sie wollen nicht, dass Platt mit der Großeltern-Generation ausstirbt. "Die Erfolge sind sehr überraschend", sagt der Geschäftsführer des Institutes für Niederdeutsche Sprache in Bremen, Reinhard Goltz. "Obwohl viele Kinder die Sprache nicht mehr im Ohr haben, haben sie viel Vergnügen daran, weil sie schnell zu begreifen ist."


In der Heimvolkshochschule werden die Mädchen und Jungen schon auf Niederdeutsch begrüßt. "Moi dat ji dor sünt" steht auf einem Schild am Eingang: "Schön, dass ihr da seid." Henry, Kathrin (11) und Jonas (8) versuchen, plattdeutsche Namen für Körperteile auf einer Zeichnung richtig zuzuordnen. "Bost" für Brust und "Achtersten" für Hintern bringen sie ins Grübeln. "Kopp" oder "Nees" für Kopf und Nase aber finden sie leicht. "Dat hollst du in Kopp nich ut", gehört zu Henrys Lieblingssprüchen.


Dass der Junge die Sprache seiner Großeltern erst wieder lernen muss, ist durchaus typisch, sagt der Experte Goltz. Eine Umfrage des Bremer Institutes ergab 2007, dass in den acht norddeutschen Bundesländern zwar noch fast acht Millionen Menschen Platt verstehen, aber nur rund ein Drittel von ihnen es auch selbst sprechen kann. Von den aktiven "Plattsnackern" sind mehr als die Hälfte älter als 50 Jahre. Zwar ist Plattdeutsch als bedrohte Sprache durch die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen geschützt. "Es kann aber nur überleben, wenn es auch gesprochen wird", unterstreicht Goltz.


In den 1960er und 70er Jahren galt noch die Formel: Wer zu Hause nur Platt spricht, hat später Schwierigkeiten in der Schule. Auch plattdeutsch sozialisierte Eltern brachten ihren Kindern nur noch Hochdeutsch bei. "Das hat man mittlerweile als groben Unfug erkannt", sagt Goltz. Heute gebe es andere Gründe dafür, dass allein durch die Weitergabe in den Familien die niederdeutsche Tradition nicht bewahrt werden kann. Oft wohnten etwa Großeltern und Enkel gar nicht mehr an einem Ort.


"Wenn im Umfeld alle Hochdeutsch reden, fällt es schwer, mit den Kindern Platt zu snacken", weiß auch Pastor Burgwal. Inzwischen lebt seine Familie in wieder Ostfriesland, das neben den Küstenregionen Schleswig-Holsteins und Mecklenburg-Vorpommerns eine Hochburg der Regionalsprache ist. Dort wuchs der 34-Jährige auch auf - mit Plattdeutsch natürlich: "Hochdeutsch war meine erste Fremdsprache."


Aus Ostfriesland hat er einen Teil der Kinder mit zur Freizeit gebracht. Die meisten von ihnen können ihren Altersgenossen schon einiges beibringen. "Ich rede mit meinen Eltern nur Plattdeutsch, außer wenn wir uns streiten", sagt die elfjährige Maike. Sie liefert auch gleich eine Erklärung dafür, warum die Sprache bei vielen beliebt ist. So richtig gemein schimpfen kann man nämlich nicht, meint Maike. "Hest du 'nen Knall", fällt ihr ein. "Aber wenn ich echt sauer bin, ist das noch viel zu nett."


Internet: www.plattduetsch-in-de-kark.de


www.ins-bremen.de





epd lnb mir mig / 13.7.2009

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