Schorlemmer wirbt für 9. Oktober als Feiertag

Nachricht 25. Juni 2009

Lüneburg (epd). Der Wittenberger Pfarrer und Publizist Friedrich Schorlemmer hat dafür geworben, den 9. Oktober in Deutschland zu einem nationalen Feiertag zu machen. Der Tag, an dem 1989 in Leipzig mehr als 70.000 Menschen mit dem Ruf "Wir sind das Volk" für die demokratische Umgestaltung der Gesellschaft demonstrierten, sei beispielhaft für Besonnenheit, Zivilcourage und Freiheitswillen, sagte Schorlemmer am Mittwochabend beim Sommerempfang des evangelischen Kirchensprengels in Lüneburg. Als Feiertage hätten alle Länder Tage gewählt, "an denen das Volk sich die Freiheit genommen hat".

Dass die Großdemonstration in Leipzig trotz anderslautender Drohungen der SED gewaltfrei blieb, habe er nicht erwartet, sagte Schorlemmer. Die Gewalt gegen Demonstranten im Iran treibe ihn deshalb zurzeit besonders um: "Das hätte auch bei uns so sein können, die Machtmittel hatten sie auch."

Der evangelische Pfarrer, der im Herbst 1989 zu den Begründern der Reformbewegung "Demokratischer Aufbruch" gehörte, trat dafür ein, die Rolle der friedlichen Revolution in der damaligen DDR auf dem Weg zur deutschen Einheit besonders zu würdigen: "Jetzt im Herbst ist die friedliche Revolution dran, nächstes Jahr die Deutsche Einheit."

Schorlemmer warb weiter für ein differenziertes Bild der DDR. "Fast alles in der DDR war ambivalent, nicht eindeutig böse, aber schon gar nicht eindeutig gut", sagte er. Unrecht müsse benannt werden, ohne alles schwarz zu färben, damit es nicht im Gegenzug zur Verklärung der Geschichte komme: "Die Dämonisierung und die Schönfärbung schaukeln sich auf."

Auch dürfe die DDR nicht zu einer "Randnotiz der deutschen Geschichte" werden, warnte Schorlemmer. Angesichts der Feiern zum 60-jährigen Bestehen des Grundgesetzes müsse etwa im Blick sein, dass dieser Jahrestag nur für die westlichen Bundesländer gelte: "Ihr habt 60 Jahre Grundgesetz, wir haben 20 Jahre Grundgesetz."

Der Lüneburger Landessuperintendent Hans-Hermann Jantzen sagte, zur Dankbarkeit für das Geschenk der Wiedervereinigung komme die Verantwortung für ein gelingendes Zusammenleben in der Zukunft. Der Kirchensprengel Lüneburg ist der einzige in der Landeskirche Hannovers, der sich durch die deutsche Vereinigung vergrößert hat. Das ehemals auf DDR-Gebiet liegende Amt Neuhaus östlich der Elbe kehrte 1992 wieder in die hannoversche Landeskirche zurück, zu der sie trotz der innerdeutschen Grenze noch bis 1972 gehörte hatte. Fünf von zwölf Kirchenkreisen des Sprengels Lüneburg liegen nahe der ehemaligen Grenze.


epd lnb mir mig / 25.6.2009
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