"Keine Abenteurer oder Märtyrer ins Ausland" - Interview mit dem Vorstand des Evangelischen Entwicklungsdienstes

Nachricht 21. Juni 2009

Bonn/Gifhorn (epd). Der Evangelische Entwickungsdienst (EED) erstellt bei Auslandseinsätzen ein Sicherheitskonzept mit seinen Partnerorganisationen vor Ort. Die Gefahr von Entführungen wie im Jemen gebe es natürlich machmal trotzdem, räumt EED-Vorstandsmitglied Wilfried Steen (64) im epd-Interview ein.

Der EED mit Sitz in Bonn betreut rund 300 Fachkräfte und 37 Freiwillige im Ausland. Im Jemen, wo zwei junge deutsche Frauen aus der Nähe von Gifhorn getötet wurden, ist das Hilfswerk nicht vertreten, aber in Krisengebieten wie Nahost, Ostkongo und Südsudan. Mit dem Theologen sprach Elvira Treffinger.

epd: Herr Steen, im Jemen sind zwei christliche Helferinnen aus Niedersachsen entführt und ermordet worden. Was haben die jungen Frauen falsch gemacht?

Steen: Ob die jungen Frauen etwas falsch gemacht haben, weiß ich nicht. Ich frage mich aber, was für ein Sicherheitskonzept ihre Entsendeorganisation Worldwide Services hat. Wir als Hilfswerk sind für die Sicherheit und die Unversehrtheit unserer Mitarbeiter verantwortlich. Wir fordern auch von unserern Partnern vor Ort ein Sicherheitskonzept. Unsere Partner sind kirchliche Organisationen, aber nicht unbedingt. Es sind auch Kleinbauernverbände, Netzwerke oder Fraueninitiativen.

epd: Der Evangelische Entwicklungsdienst ist im Jemen nicht vertreten. Würden Sie Mitarbeiter in das Land schicken?

Steen: Dass wir im Jemen nicht tätig sind, hat eher historische Gründe. Der EED hat vor allem in Ländern Partner, in denen Beziehungen über die Missionsarbeit bestehen. Prinzipiell würden wir aber auch Mitarbeiter in den Jemen vermitteln.

epd: Wie hält es der EED mit der christlichen Mission?

Steen: Da unterscheiden wir uns von manchen Missionswerken. Wir sagen ganz klar: Nach dem Entwicklungshelfergesetz ist es nicht unser Ziel, missionarische Arbeit zu leisten, sondern bei der Bekämpfung von Hunger und Armut zu helfen. In muslimischen Ländern muss beim Einsatz von Fachkräften ganz klar sein, dass sie keine Missionsarbeit im engeren Sinn betreiben. Aber natürlich treten sie als Christen auf.

epd: Wie sieht das Sicherheitskonzept des EED für Auslandsmitarbeiter aus?

Steen: Das fängt schon bei der Auswahl der Fachkräfte an: Wir wollen sicherstellen, dass wir keine Abenteurertypen ins Ausland schicken. Auch Märtyrertum, obwohl eine alte christliche Tradition, können wir nicht brauchen. Im Zweifel muss der Schutz des eigenen Leibs und Lebens Vorrang haben. In einem Fall hat sogar eine junge Familie den EED vor dem Arbeitsgericht verklagt, weil sie in den Ostkongo ausreisen möchte. Wir aber sagen: Das ist zu riskant. Bei kleinen Kindern ist das Entführungsrisiko höher und zudem ist die medizinische Versorgung für sie nicht sicher genug.

epd: Wie können Gefahren für Entwicklungshelfer vermieden werden?

Steen: Gefährdungen gibt es natürlich. Deshalb möchte ich im Fall von Jemen auch nicht mit Steinen werfen. Wir sitzen alle im Glashaus. In Somalia, einem Land, das völlig von Gewalt mit wechselnden Fronten zerrissen ist, arbeiten wir und unser Schwesterorganisationen nur mit einheimischen Mitarbeitern. Junge Freiwillige schicken wir überhaupt nicht in Krisenländer. Wir haben außerdem ein Rückrufrecht, wenn es irgendwo bedrohlich wird. Wir können im Einzelfall auch anders als das Auswärtige Amt entscheiden, das sich wiederum auch manchmal auf unsere Informationen stützt.

epd: Fühlten sich die Entwicklungshelfer früher sicherer?

Steen: Die Bedrohung für Fachleute im Ausland nimmt zu. Oftmals tobt sich an den weißen Ausländern der Zorn über die ungerechte Weltpolitik aus. Eines hat sich aber nicht geändert: Unsere Partner am Einsatzort in Afrika, Asien, Lateinamerika und Palästina sind unser bester Schutz. Sie wissen am besten, wo, wann und welche Gefahren drohen. Das hat selbst das Bundeskriminalamt bei einer Untersuchung der Sicherheitslage unserer Auslandsmitarbeiter festgestellt.

epd: Die Neigung, sich im Dienst einer guten Sache großen Gefahren auszusetzen, gibt es offenbar in unterschiedlichen christlichen Strömungen: In konservativ-evangelikalen Kreisen, aber auch in linken Solidaritätsgruppen. Einmal reisten Friedensaktivisten in den Irak. Wie sehen Sie das?

Steen: Es ist immer wichtig, dass unsere Partnerorganisationen vor Ort solche Aktionen verstehen und mittragen. Aktivisten, die sich ohne Kenntnis des jeweiligen Landes und der jeweiligen Sprache in Gefahr begeben, sind vor allem auf die Show und das Echo in westlichen Medien aus. Das ist entwicklungspolitisch Unsinn oder gar kontraproduktiv, weil auch einheimische humanitäre Helfer dadurch in Gefahr geraten könnten.

epd lnb bas mig/21. Juni 2009
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