Osnabrücker Theologe fordert lebensnahe Auslegung des Evangeliums

Nachricht 14. Juni 2009

Osnabrück (epd). Der evangelische Theologe Arnulf von Scheliha hat die Kirche aufgefordert, auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts besser zu reagieren. Es gehe darum, eine "lebensnahe und lebensdienliche Auslegung des Evangeliums" zu finden, sagte er am Wochenende in Osnabrück. Die evangelische Kirche müsse lernen, mit zunehmender Vielfalt auch innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft umzugehen. Gerade sie habe die Freiheit, "die eigene Tradition kritisch zu sichten, Überaltertes abzustoßen, neue Impulse aufzugreifen und andere Akzente zu setzen". Dazu gehöre auch ein differenzierteres und offeneres Gottesdienstangebot.

Der Gottesdienst konkurriere vor allem mit einem veränderten Freizeitverhalten der Menschen. "Wenn man sich dieser Konkurrenz dadurch entledigen zu können meint, dass man allein auf den bestehenden Ladenschlussgesetzen beharrt, verfehlt man den Kern des Problems", betonte von Scheliha während eines Vortrags auf der Hauptversammlung
des Evangelischen Bundes.

Pastoren und Theologen sollten zwei Fehlwege vermeiden, forderte der Osnabrücker Theologieprofessor: Sie sollten nicht in bestimmten Lebensfragen moralische Eindeutigkeit vorschreiben, die es in Wahrheit nicht gebe. Der andere Fehlweg sei die ideologische Aufladung des Glaubens. Die kirchliche Verkündigung dürfe nicht versuchen, pauschale Antworten zu geben. Vielmehr gehe es um Trost im Kleinen und darum, Mut zu machen für die Bewältigung des Lebens. Der Gottesdienst solle mehr zu einem Dialog zwischen Prediger und Gemeinde werden und neue Beteiligungsformen zulassen.

Die Grundideen des Glaubens müssten in der heutigen Gesellschaft immer wieder neu herausgearbeitet und in Konkurrenz und Widerspruch zu anderen Ideen profiliert werden, forderte Scheliha: "So protestiert der Glaube gegen eine hemmungslose Rationalisierung der Lebenswelt, gegen eine ungebremste Anwendung eines Nutzenkalküls und gegen eine vollständige Instrumentalisierung der Menschen." Die evangelische Kirche habe außerdem die Aufgabe, in der Mitte der Gesellschaft am Aufbau einer innerlich befriedeten Religionskultur mitzuwirken. In ihr müsse ein Klima der Toleranz und der dialogischen Offenheit herrschen. Dadurch könne sie eine Vorbildfunktion übernehmen für andere Religionskulturen in Europa und in der Welt.

Der Landesverband Hannover des Evangelischen Bundes traf sich in Osnabrück zu seiner Hauptversammmlung. Der 1886 ursprünglich zur Abgrenzung gegen den Katholizismus gegründete Evangelische Bund bemüht sich heute nach eigener Aussage um den ökumenischen Dialog. Er hat seinen Sitz in Bensheim in Hessen und gliedert sich in 17 Landesverbände.

epd-lnb mas mil /13.6.2009
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