Erster Abschiedsgottesdienst für Verstorbene ohne Angehörige in Göttingen

Nachricht 04. Juni 2009

Göttingen (epd). Die neu gegründete Tobiasbruderschaft Göttingen wird am Sonnabend erstmals einen Trauergottesdienst für verstorbene Menschen ohne Angehörige oder Freunde feiern. "Wir möchten damit bewusst an die Werke der Barmherzigkeit anknüpfen", sagte Pastor Harald Storz von der St. Jacobi-Kirchengemeinde am Donnerstag: "Trauerfeiern und Beerdigungen waren immer Sache der kirchlichen Gemeinschaft und nicht der Familie, wie heute viele meinen." Die erste Gedenkfeier für fünf Verstorbene aus den vergangenen Monaten findet in der Friedhofskapelle des städtischen Friedhofs Am Junkernberg statt. Künftig sollen jedes Vierteljahr weitere Abschiedsgottesdienste folgen.



Gründer der Bruderschaft sind die vier evangelischen Innenstadt-Gemeinden. "Die Frage, wie wir mit unseren Verstorbenen ohne Angehörige umgehen, trifft einen Nerv der Zeit und wurde bisher eher verdrängt", sagte Storz, der zu den Initiatoren gehört. Etwa 50 bis 70 Menschen seien bisher jährlich in Göttingen ohne Gottesdienst beerdigt worden, wenn es keine Angehörigen oder Freunde gab, die diese Aufgabe übernehmen konnten. Dies geschehe normalerweise auf Veranlassung des Ordnungsamtes.



Bereits jetzt gebe es in einer Stadt wie Göttingen 50 Prozent Singlehaushalte und familiäre Bindungen gingen immer weiter zurück. Mit den Mitarbeitern der Friedhofsverwaltung und den Bestattern seien sich die Initiatoren schnell einig gewesen, künftig einen würdigen Rahmen für die Betroffenen zu schaffen, um die sonst keiner trauert, sagte Storz. Das schließt auch Traueranzeigen ein. Bereits eine Woche vor dem Gottesdiensttermin an diesem Sonnabend erschien in der Zeitung eine Traueranzeige, in der die Verstorbenen namentlich genannt wurden und zu der öffentlichen Trauerfeier eingeladen wurde.



Die Tobiasbruderschaft hat inzwischen 30 Mitglieder aus allen Schichten der Gesellschaft. Der Name geht auf das Buch Tobit im Alten Testament zurück. Tobias ist darin die Hauptperson, er sagt: "Wenn ich sah, dass einer aus meinem Volk gestorben war und dass man seinen Leichnam hinter die Stadtmauer von Ninive geworfen hatte, begrub ich ihn." Vorbild der Tobiasbrüder sind mittelalterliche Beerdigungsbruderschaften. Bruderschaften dieser Art gibt es bereits in der Nähe von Diepholz und in Hamburg.



epd lnb bif mil/4. Juni 2009

Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen