Predigerwettstreit mit Jeans, T-Shirt und vollem Bierglas

Nachricht 03. Juni 2009

Erster Poetry Slam mit christlichen Texten war ein Erfolg

Osnabrück (epd). Im großen überdachten Biergarten der Osnabrücker Szenekneipe "Zum Grünen Jäger" drängelt sich das bunt gemischte Publikum bis zum Schluss um Sitz- und Stehplätze. Der Poetry Slam "Meisterprediger", ein Dichterwettstreit mit christlichen Texten, reißt die Zuhörer am Dienstagabend bisweilen zu Begeisterungsstürmen hin. Sie wählen schließlich den katholischen Hochschulseelsorger Martin Splett zum "Meisterprediger" des Abends. Doch der Sieger des Abends ist vor allem die christliche Botschaft, die sich in einer ganz neuen Verpackung präsentiert: Statt Kirche, Talar und Beffchen, Kneipe, T-Shirt und Bierglas. Das kommt an.

Poetry Slams gibt es seit ein paar Jahren, sagt Profi-Slammer Andreas Weber. 2005 habe es in seiner Heimatstadt Münster mit Vorträgen vor einer Handvoll Zuhörern begonnen. Mittlerweile hat sich das Genre etabliert. In vielen Städten gibt es regelmäßig ein- bis zweimal im Monat solche Dichterwettbewerbe, meistens in lockerer Atmosphäre in Kneipen oder Kulturhäusern: "Für viele Autoren, die bei Verlagen nicht ankommen, ist es eine gute Möglichkeit, mit ihren Texten bekanzu werden." Vorgaben gibt es praktisch keine. Jeder kann zum Besten geben, was er für gut hält. Einzige Bedingung ist das Zeitlimit - meistens fünf Minuten. Am Ende kürt das Publikum den Sieger.

Nur fünf Minuten Zeit für eine Predigt, ein Gedicht, eine Kurzgeschichte oder einfach eine Rede. Für manch einen Pastor ist das eine echte Herausforderung. Unter den elf Teilnehmern sind immerhin fünf gestandene evangelische Pfarrer. "Wir wollten mal rausgehen aus der Kirche, dorthin, wo vor allem junge Menschen sich treffen", sagt Achim Kunze von der Marienkirche. Die erreiche man mit einer normalen Sonntagspredigt kaum noch: "Es ist auch ein Experiment, in dem ich erfahre, ob mich die Menschen überhaupt noch verstehen."

Sie verstehen ihn. Pastor Kunze wird Dritter. Willy, der Leichenwagenfahrer, mit seinen despektierlichen Sprüchen über den Tod, hat es dem Publikum angetan. Zweiter wird der Journalist Michael Schiffbänker mit seiner "Klage einer Mauer", einer literarisch sehr anspruchsvollen Kurzgeschichte aus Sicht der Klagemauer in Jerusalem: "Ihr stopft eure Nöte in meine aufgeplatzte Haut. Ich will euer Leid nicht. Warum helft ihr euch nicht selbst?" Drastische Worte, packende Bilder, bohrende Fragen - das fesselt die Zuhörer.

Die "Sehnsucht nach mehr in uns" sei ihm eigentlich das Wichtigste an seinem Vortrag gewesen, sagt Martin Splett danach. Sie könnte ein "angeborener Appetitmacher für das Brot des Lebens sein, das wir ohne Gottes Macht und Liebe nicht gebacken kriegen." Den größten Applaus und somit das letzte Quäntchen zum Sieg bringt ihm aber die Kritik am eigenen Unternehmen ein. In Jeans und T-Shirt, das Bierglas vor sich auf dem Tisch, sitzt der Doktor der katholischen Theologie und dreifache Familienvater jetzt inmitten seiner Fans und lächelt etwas unsicher.

Zu Anfang hat er schließlich ganz schön abgelästert über seine Kirche, die Priester und Schwule nicht heiraten lasse und Frauen nicht Priester werden lasse. "Und Protestanten, die scharf auf die Eucharistiefeier sind, die lassen wir auch nicht." Im Übrigen sei der Papst "nicht unser Boss, maximal erster Stellvertreter - wahrscheinlich der einzige Vize eines Weltunternehmens, der seinen Chef nie wirklich zu Gesicht kriegt, nicht mal bei der Weihnachtsfeier." Das Publikum tobt vor Begeisterung. Mit aalglatten Bibelauslegungen und frommen Sprüchen kann man hier nicht punkten.

Dennoch, Fairness ist oberstes Gebot, zumal die meisten blutige Anfänger sind. Mit Applaus wird jeder Vortrag bedacht: das leise Gespräch zwischen Johannes und Maria über die Hochzeit von Kana, die ernste Geschichte über Jule, die sich nicht traut, vom Dreimeterbrett zu springen oder der donnernde Appell, das "Hier und Jetzt besser zu machen". Allein der Mut ans Mikro zu treten, macht sie zu Stars des Abends.

Martina Schwager (epd)
epd-lnb mas mil/3.6.2009
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