Kirchentag: Abschlussberichte

Nachricht 24. Mai 2009

Sanftes Lächeln über der Stadt - Trotz Krisendebatten prägte fröhlich-ausgelassene Stimmung den Kirchentag in Bremen

Von Dieter Sell (epd)

Bremen (epd). Für Bremen war es eine Zeit der Superlative. Der am Sonntag mit einem Festgottesdienst unter strahlend-blauem Himmel beendete 32. Deutsche Evangelische Kirchentag brachte mit seinen knapp 100.000 Dauerteilnehmern und vielen spontanen Gästen über fünf Tage so viele Menschen wie noch nie in die Straßen der City. In rund 2.500 Veranstaltungen wurde diskutiert, gesungen, musiziert, gerockt und meditiert. Trotz Krisendebatten und gelegentlich großer Enge lag sanfte Fröhlichkeit über der Stadt. Die Gegend rund um den alten Europahafen prägte das Bild eines "Kirchentags der Schiffe".

Der Kirchentag war in seiner 60-jährigen Geschichte erstmals in Bremen zu Gast. Premiere hatten auch Schiffs-Veranstaltungen, etwa auf der "Cap San Diego". Das größte fahrbereite Museums-Frachtschiff der Welt hatte in der neu entstehenden Überseestadt festgemacht und viele Kirchentagsbesucher in seinen Bann zog. "Jeder schwärmte von der Überseestadt", sagt Pia Drixler, die als eine von 40.000 Mitwirkenden zusammen mit ihrem Sohn Thomas aus dem badischen Offenburg mit einem Kirchentags-Sonderzug an die Weser gekommen war. "Bremen hat einen tollen Kirchentag gestemmt", schwärmt sie und ist stolz: "Und wir waren dabei."

Dass für die vielen Gäste aus Deutschland und aller Welt die fragende Losung der Großveranstaltung "Mensch, wo bist du?" in das gute Gefühl mündete "Mensch, ich war dabei", das war auch die Hoffnung des leitenden Theologen der gastgebenden Bremischen Evangelischen Kirche, Renke Brahms. Neben den inhaltlichen Debatten mit politischer Prominenz wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) habe sich Bremen zu einem großen Glaubensfest entwickelt. "Der Kirchentag war eine wunderbare Mischung aus hervorragender Organisation und gelingender Improvisation."

Dafür sorgten vor allem die etwa 4.500 zumeist jugendlichen Helferinnen und Helfer. Höhepunkte waren die Konzerte, zu denen unter anderen Popsängerin Stefanie Heinzmann, der Rapper Thomas D. und die Kölner A-capella-Gruppe "Wise Guys" gekommen waren. 60.000 Fans ließen beim Open-Air-Programm der "Wise Guys" La-Ola-Wellen über die Bürgerweide branden, die just zu diesem Zeitpunkt von einem bunt-schillernden Regenbogen überspannt wurde. Viele nahmen dieses Bild symbolisch als Hoffnungszeichen für die Auseinandersetzung mit so brennenden Problemen wie Finanzkrise und Klimawandel mit, die in vielen Kirchentags-Veranstaltungen bedacht wurden.

Schon zu Beginn, am "Abend der Begegnung", hatte ein Lichtermeer mit 150.000 Kerzen und ein Schiffsballett auf der Weser die etwa 300.000 Besucher begeistert, die zu diesem Auftakt am Mittwoch gekommen waren. "Das war bewegend", blickt Pia Drixler zurück, die sich besonders über spontane Gesänge in überfüllten Straßenbahnen und überraschende Ständchen von Posaunenchören in den Parks gefreut hat. Für sie sei es auch ein "singender Kirchentag" gewesen.

Eine besondere Facette zur ausgelassenen Stimmung steuerten junge Leute wie der Oldenburger Dennis Walz bei, der "Free Hugs" verteilte, Gratis-Umarmungen. "Powered by Jesus", wie ein Schild in seiner Hand verriet. "Die Grundidee ist die christliche Nächstenliebe", erläutert der 26-Jährige. So ließ sich auch das "organisierte Chaos" im Nahverkehr verschmerzen, der nach den Worten des Sprechers der Bremer Straßenbahn AG, Jens-Christian Meyer, seine Kapazitätsgrenze erreicht und manchmal auch überschritten hatte. Etliche Gäste an den Haltstellen sahen das große Engagement der Fahrer, wandelten die Kirchentagslosung um und fragten gelassen: "Bahn, wo bist du? Bahn, wann fährst du?"

Ein Bild des Bremer Kirchentages ging sogar um die Welt: Eine 13 Meter lange "Himmelsbrücke" zwischen den St.-Petri-Domtürmen war in der Online-Ausgabe der chinesischen Tageszeitung "Shanghai Daily" zu bewundern. Über die wacklige Hängebrücke in knapp 70 Metern Höhe wagten sich fast 400 Kirchentagsgäste und waren so für Minuten dem Himmel näher.

Pia Drixler und ihrem 14-jährigen Sohn, erstmals auf einem Kirchentag, hat Bremen jedenfalls Geschmack auf mehr gemacht. "Wir wollen nächstes Jahr auch zum ökumenischen Kirchentag nach München", steht für die 48-Jährige fest. Und Bremens Kirchensprecherin Sabine Hatscher ist überzeugt von einem Wiedersehen: "Das war so toll hier - der Kirchentag kommt bestimmt zurück."

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Feier auf Pflastersteinen, Dreibeinstühlen und Papphockern - 100.000 Menschen lassen Kirchentag im Schlussgottesdienst ausklingen

Von Karen Miether (epd)

Bremen (epd). Freya Sommer hat sich mit ihren Freundinnen Verena und Janina etwas an den Rand der Bremer Bürgerweide auf das Pflaster gesetzt. "Wir wollen schneller wieder weg kommen und unseren Bus erreichen", sagt die 15-Jährige aus Goslar. Den Abschlussgottesdienst des 32. Deutschen Evangelischen Kirchentages, den 100.000 Menschen am Sonntag auf dem Messengelände feiern, wollen sie sich aber nicht nehmen lassen. "Ich habe noch nie im Leben mit so vielen Gottesdienst gefeiert", sagt Freya mit Blick in die Menge.

Auf der Bürgerweide stehen die Besucher, sitzen auf Dreibeinstühlen oder Papphockern mit dem Kirchentagslogo. Andere haben es sich wie Freya einfach auf dem Boden so bequem wie möglich gemacht. Mit Regenschirmen, Tüchern und Mützen schützen sie sich gegen die schon am Morgen strahlende Sonne. Erfindungsreiche haben sich aus den Stadtplänen, die sie zum Ende des fünftägigen Christentreffens nicht mehr benötigen, Hüte gefaltet. Die Stimmung ist manchmal ausgelassen und manchmal meditativ, auch wenn am Rande gelegentlich ein Handy klingelt.

Die Predigt, in der der italienische Theologieprofessor Daniele Garrone von Hoffnung spricht, wird mit Applaus bedacht. Als Garrone sagt, "herausposaunen ist gut, wenn dabei Musik herauskommt", brandet vor allem rechts von der Bühne Beifall auf. Dort glänzt Blech, und Notenblätter leuchten in der Sonne. Rund 5.000 Bläser begleiten von diesem Platz aus den Gottesdienst musikalisch. Ihre T-Shirts mit Aufdrucken wie "Posaunenchor Kottmarsdorf Oberlausitz" oder "Domgemeinde Schleswig" zeigen, dass sie aus ganz Deutschland nach Bremen gekommen sind.

Bei der großen Gottesdienstgemeinde ist das Abendmahl, zu dem Oblaten und Traubensaft gereicht wird, eine logistische Herausforderung. Rund 100 mit Blumen und Kreuzen geschmückte Altartische sind an den Gängen aufgebaut. Pastoren im Talar reichen Tonkelche und Körbe an Helfer weiter, die sie durch die Menge tragen. Ein Schild mit einem Papierschiff zeigt, wo sie sich gerade befinden. Das Schiff ist zu einem der Symbole des Kirchentags in Bremen geworden, bei dem auch der Überseehafen der Stadt Veranstaltungszentrum war.

Ein weiteres Kennzeichen des Protestantentreffens waren die Schals mit dem Kirchentagsmotto "Mensch, wo bist du?". Ihr helles Blau leuchtet überall aus der Menge. Garrone trägt den Schal zum Talar, und die Präsidentin des Kirchentags, Karin von Welck, zu ihrem roten Kostüm. Von Welck dankt unter Applaus und dem Tusch der Posaunen den Gastgebern aus Bremen und Umgebung: "Ihre Freundlichkeit und Herzlichkeit hat uns alle begeistert."

Gastfreundschaft und eine "gute und fröhliche Stimmung" trotz der Enge, die manchmal in der Stadt herrschte, sind auch die Eindrücke, die Gisela Mollenhauer-Butzkies und Werner Butzkies mit auf ihre Heimreise nach Kehl am Rhein nehmen. "Es herrscht eine Offenheit. Wo man geht und steht, kommt man mit Leuten ins Gespräch", sagt Gisela Mollenhauer-Butzkies. "Dass die jungen Leute so gut drauf sind", begeistert ihren Mann.

Die beiden 53-Jährigen haben ihr Auto auf einem Parkplatz am Stadtrand bereitgestellt und sind mit der Straßenbahn zum Messegelände gefahren. Für den Rückweg stellen sie sich noch einmal auf Gedränge und auf Staus ein. Obwohl sie noch mehr als 600 Kilometer Heimweg vor sich haben, verlassen sie Bremen nicht, bevor sie im Abschlussgottesdienst den Segen empfangen haben. "Der Abend der Begegnung am Mittwoch war der Einstieg mit vielen. Diesen Schluss brauche ich für eine runde Sache", sagt Gisela Mollenhauer-Butzkies.

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Keine einfachen Antworten - Feiernde Schar von Christen prägte den Bremer Kirchentag

Von Rainer Clos (epd)

Bremen (epd). Der Bremer Kirchentag hatte einen klaren politischen Akzent: die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise und die Lehren, die daraus zu ziehen sind. Doch weder populistische Wachstumskritik noch die Magie des freien Marktes bestimmten den Grundton auf dem Treffen der mehr als 100.000 evangelischen Laien, das am Sonntag zu Ende ging. Denn anders als bei den scharfen Kontroversen in früheren Jahren ist den Kirchentagsbesuchern heute bewusst, dass es auf komplexe Probleme keine einfachen Antworten gibt.

Vielmehr stimmten die Protestanten nüchtern und wenig auftrumpfend darin überein: Kleine Reparaturen reichen nicht. Nötig sind wirksame internationale Spielregeln für die Finanzmärkte. Die Weichen müssen in Richtung eines verantwortlichen Wirtschaftens gestellt werden - ausgerichtet an Gerechtigkeit und Solidarität.

Buchstabiert wurde das alles anhand der Kirchentagslosung "Mensch, wo bist du?". Deren Appell zu persönlicher Verantwortung des Einzelnen blieb nicht die einzige Botschaft. Genauso seien auch gesellschaftliche und politische Konsequenzen gefragt, forderte Renke Brahms, der Leitende Theologe der Bremischen Evangelischen Kirche.

Auch die politische Prominenz, die den Bremer Kirchentag besuchte, mahnte eine neue Werteorientierung an. Botschaften für mehr Bürgerbeteiligung und gegen Allmachtsfantasien oder Egoismus fanden in den Hallen und Zelten des Bremer Kirchentages überwiegend Beifall. Bei den Spitzenpolitikern habe sich eine "neue Nachdenklichkeit" gezeigt, so die Beobachtung von Kirchentags-Generalsekretärin Ellen Ueberschär. "Es war kein kämpferischer Kirchentag", steht für sie fest. Statt Protest und Zorn habe ihn die gemeinsame Suche nach Wegen aus der Krise geprägt.

Neben dem überragenden Thema Wirtschaftskrise diskutierte der Kirchentag, der in Bremen sein 60-jähriges Bestehen feierte, intensiv über Bildung und Gesundheitspolitik. Auch die Dauerthemen, die die evangelische Laienbewegung schon seit Jahren beschäftigen, kamen in Bremen nicht zu kurz: Klimawandel und Armut, Migration und Generationen-Gerechtigkeit. In besonderen Zentren ging es um die Zukunft der Kinder ebenso wie den Umgang mit älteren Menschen, um Frauen und Jugend.

Trotz der herausragenden politischen Veranstaltungen war Bremen 2009 auch ein frommer Kirchentag: Der große Zuspruch, den Gottesdienste, klassische Bibelarbeiten und Veranstaltungen zu Glaubensfragen, Theologie und Ökumene fanden, zeigt, dass Weltverantwortung und Frömmigkeit zusammengehören. Eine Bestätigung dafür lieferte kurz vor dem Kirchentag eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Deren Befund lautet: Für die Mehrzahl der Protestanten in Deutschland haben Religion und Glaube einen viel höheren Stellenwert, als landläufig angenommen wird.

Entspannter als noch vor zwei Jahren beim Kirchentag in Köln verlief das christlich-islamische Gespräch. Der Wunsch, nicht in Abgrenzung zu verharren, sondern den Dialog zwischen den Religionen ernsthaft zu führen, war deutlich spürbar. Auch das ökumenische Gespräch zwischen Protestanten und Katholiken verlief weitgehend ohne Provokationen. Der Appell des Wittenberger Theologen Friedrich Schorlemmer, beim Ökumenischen Kirchentag 2010 in München das gemeinsame Abendmahl zum Maß aller Dinge zu machen, blieb eine Einzelstimme. "Schnellschüsse schaden hier", dämpfte der Vorsitzende der katholischen Bischöfe, Erzbischof Robert Zollitsch, zu kühne Erwartungen.

Wie bereits 2007 in Köln herrschte auch in Bremen bei den Verantwortlichen des Kirchentags die realistische Einschätzung vor, dass in absehbarer Zeit kein gemeinsames Abendmahl von Protestanten und Katholiken gefeiert werde. Allerdings sollte es durchaus "erkennbare Symbole" unterhalb dieser Schwelle auf dem Ökumenischen Kirchentag geben, um Fortschritte zu markieren, mahnte Eckhard Nagel, der in München auf evangelischer Seite als Präsident amtieren wird.

Ein enormes Pensum absolvierten auf der fünftägigen Großveranstaltung die bekanntesten Gesichter des deutschen Protestantismus - die Bischöfe Wolfgang Huber und Margot Käßmann, aber auch die neu gewählte Präses der EKD-Synode, Katrin Göring-Eckardt. Nach Einschätzung von Kirchentagspräsidentin Karin von Welck lässt sich daran eine fortschreitende Verschränkung von Laienbewegung und verfasster evangelischer Kirche ablesen.

Gelungen ist das Experiment, einen Kirchentag mit rund 2.500 Veranstaltungen binnen fünf Tagen zusammen mit einer kleineren Landeskirche zu organisieren. Gastgeber Renke Brahms registrierte eine "wunderbare Mischung von hervorragender Organisation und gelungener Improvisation". Mit Gelassenheit reagierten die Bremer auf die feiernde Schar von Christenmenschen im öffentlichen Raum ihrer Stadt: Ganz Bremen war Kirchentag.

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