Kirchentag: Berichte - Teil 2

Nachricht 21. Mai 2009

Kirchentag diskutiert über aktuelle Krise und deutsche Geschichte - Zahlreiche Bundespolitiker beim Protestantentreffen in Bremen

Bremen (epd). Debatten über verantwortliches Handeln in der Wirtschaftskrise und die Geschichte und Zukunft der Demokratie in Deutschland haben den Auftakt des 32. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Bremen bestimmt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rief am Donnerstag zu Engagement für Freiheit und Demokratie auf. Bereits bei der Eröffnung am Mittwochabend hatte Bundespräsident Horst Köhler gemeinsame Anstrengungen gefordert, um die Welt gerechter zu machen. Kirchentagspräsidentin Karin von Welck sagte, der Kirchentag wolle die Gesellschaft dazu aufrufen, zu einer Verantwortungsgesellschaft zu werden.

Das fünftägige Protestantentreffen wurde mit Gottesdiensten und einem bunten Straßenfest eröffnet. Es steht unter dem bibischen Leitwort "Mensch, wo bist du?". Zu den rund 2.500 Veranstaltungen werden etwa 100.000 Dauerteilnehmer erwartet. Nach den Eröffnungsgottesdiensten feierten rund 300.000 Menschen auf dem anschließenden Abend der Begegnung in der Bremer Innenstadt.

Bundespräsident Köhler sagte vor 50.000 Menschen auf der Bremer Bürgerweide, gerade in der Krise gebe es die Versuchung, sich auf "eigene Faust" durchzuschlagen. Egoismus könne aber nicht länger die Antwort sein.



Am Donnerstag kamen zahlreiche Bundespolitiker zum Kirchentag. Kanzlerin Merkel rief dazu auf, sich in Vereinen und Initiativen starkzumachen. Zur Demokratie gehöre auch die Toleranz. Deren Grenzen seien jedoch im Grundgesetz mit dem Recht auf Menschenwürde klar definiert. Unter großem Beifall forderte sie eine "Intoleranz gegen Extremismus".

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sprach sich erneut für die Aufnahme ehemaliger Häftlinge des US-Gefangenenlagers Guantánamo durch europäische Länder aus. Guantánamo habe nicht nur die Glaubwürdigkeit Amerikas, sondern die Glaubwürdigkeit des gesamten Westens beschädigt.



Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) verlangte angesichts der Wirtschaftskrise eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte. Er widersprach zudem Darstellungen, in Deutschland würden Zuwanderer kriminalisiert. Migranten dürften nicht durch unsachliches Gerede unter Generalverdacht gestellt werden.

Die SPD-Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin, Gesine Schwan, rief zu radikalen Reformen im deutschen Bildungssystem auf. Künftig müsse Teilhabe für alle Menschen im Mittelpunkt stehen. "Wir müssen die Vielfalt aller Talente fördern", betonte die Wissenschaftlerin und erteilte der Ausbildung von Eliten eine Absage.

Bei einer Diskussionsrunde zu 60 Jahren Grundgesetz unterstrich Altbundespräsident Richard von Weizsäcker die Bedeutung der Verfassung für die Bürgerdemokratie. Diese sei 1949 in Deutschland erstmals zur Lebensform erhoben worden, sagte Weizsäcker. Allerdings sei die Demokratie "gefährdet durch Abschalten, Gleichgültigkeit, Wahlenthaltung und das Gefühl, die da oben machen doch, was sie wollen".



Auch der Kirchentag feiert in Bremen sein 60-jähriges Bestehen. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber sagte, die Kirchentagsbewegung habe in der Bevölkerung das Bewusstsein für politische Verantwortung "maßgeblich geschärft".


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Kirchentag feiert Christi Himmelfahrt mit ökumenischem Gottesdienst

Bremen (epd). Mit einem ökumenischen Gottesdienst haben Christen auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Bremen am Donnerstag Christi Himmelfahrt gefeiert. Der theologische Repräsentant der gastgebenden Bremischen Evangelischen Kirche, Pastor Renke Brahms, rief die mehr als tausend Teilnehmer dazu auf, sich nicht von den Mächten der Politik, der Wirtschaft, dem Handel, der Finanzwelt oder auch der Kirche kritiklos bestimmen zu lassen. Auf dem Marktplatz der Hansestadt sagte Brahms: "Im Geflecht dieser Institutionen und Mächte leben wir. Sie alle bestimmen uns mehr oder weniger - oft mehr als wir denken und uns bewusst ist."



An dem Gottesdienst nahmen auch die Bischöfin der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland, Rosemarie Wenner, und der Osnabrücker katholische Bischof Franz-Josef Bode teil. Bode ermutigte die Gottesdienstteilnehmer zu gesellschaftlichem Engagement. Christen sollten nicht nur "in die Luft schauen", sondern sich den konkreten Herausforderungen stellen, sagte er mit Blick auf den Himmelfahrtstag. "Flüchtet nicht aus der Wirklichkeit, sondern lasst Euch in sie hineinsenden", unterstrich der Bischof.



Seit dem vierten Jahrhundert feiern Christen 40 Tage nach Ostern Christi Himmelfahrt. Biblische Grundlage ist neben dem Markus- und Lukas-Evangelium das erste Kapitel der Apostelgeschichte im Neuen Testament. Dort steht, dass der nach seiner Kreuzigung vom Tod auferstandene Jesus Christus vor den Augen seiner Jünger "aufgehoben" wurde: "Eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken" (Apostelgeschichte 1,9). Der Tag wird in den Kirchen traditionell mit Gottesdiensten im Freien begangen. Christi Himmelfahrt ist in Deutschland ein gesetzlicher Feiertag. Der Termin ist im Brauchtum auch als Vatertag bekannt.



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Finanziell Bedürftige können Kirchentag kostenlos besuchen



Bremen (epd). Finanziell bedürftige Menschen können die Veranstaltungen des 32. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Bremen nach Angaben der Organisatoren kostenlos besuchen. Gegen Vorlage eines entsprechenden Nachweises gebe es in der Geschäftsstelle des Kirchentages im alten Postamt am Hauptbahnhof Eintrittskarten, sagte am Donnerstag Kirchentags-Geschäftsführer Hartwig Bodmann. Normalerweise kostet eine Tageskarte 28 Euro, ermäßigt 17 Euro. Zu dem Protestantentreffen, das noch bis Sonntag dauert, haben sich etwa 100.000 Dauerteilnehmer angemeldet.



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Kirchentagspodium diskutiert Zukunft des Religionsunterrichts



Bremen (epd). Der Staatsminister im Kanzleramt, Hermann Gröhe (CDU), und der sächsische Landesbischof Jochen Bohl haben sich auf dem evangelischen Kirchentag in Bremen für den Erhalt des Religionsunterrichtes an öffentlichen Schulen ausgesprochen. Es müsse sogar mehr guten Religionsunterricht geben, sagte Gröhe bei einem Podium zur Zukunft des Faches. "Der Staat ist darauf angewiesen, dass es so etwas wie geistige Wurzelpflege gibt, derer er sich selbst enthält." Dagegen plädierte der Berliner Verfassungsjurist Hans Meyer für ein gemeinsames Lehrfach Ethik für alle Schüler.



Das Podium "Reli - Pro und Contra" knüpfte an die Auseinandersetzungen nach der Volksinitiative "Pro Reli" an, die sich für die Aufwertung des Religionsunterrichts an den Berliner Schulen eingesetzt hatte. "Pro Reli" war beim Volksentscheid am 26. April deutlich gescheitert. Seit 2006 wird auf Betreiben des rot-roten Senats in Berlin das Pflichtfach Ethik ab der siebten Klasse unterrichtet, Religionsunterricht kann zusätzlich wie zuvor schon seit langem freiwillig besucht werden. Die Initiative "Pro Reli", die von den großen Kirchen unterstützt wurde, hatte sich dafür eingesetzt, dass Schüler zwischen Ethik und Religion wählen können.



Gröhe, der auch dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) angehört, sagte: "Ein guter Religionsunterricht muss Kenntnisse der eigenen Identität und zugleich Offenheit und Interesse gegenüber anderen fördern." So könne ein Miteinander in einer multireligiösen Gesellschaft besser gelingen, als mit Gleichgültigkeit gegenüber Fragen des Glaubens. Auch geschichtliche Entwicklungen und viele Normen in Deutschland seien ohne die christlich-jüdische Tradition nicht zu verstehen.



Meyer entgegnete, die Berliner Initiative habe nicht nur den Religionsunterricht in der Stadt zu einem ordentlichen Lehrfach machen wollen, sondern zugleich dem Ethikunterricht seine Allgemeingültigkeit absprechen wollen. "Das war ein kapitaler Fehler." Der verpflichtende Ethikunterricht für alle sei erst zwei Jahre zuvor eingeführt worden, um allen Schüler gleich welcher Herkunft und religiöser Bindung Grundlagen für ein Zusammenleben zu vermitteln. "Pro Reli konnte da nur als Absatzbewegung einer Minderheit angesehen werden."



Landesbischof Bohl berichtete von Gesprächen mit Schülern. Sie empfänden den Religionsunterricht als etwas, was sie persönlich angehe. "Demgegenüber wird das Fach Ethik als abstrakt angesehen." In Sachsen, wo zwischen Religion und Ethik gewählt werden könne, hat das Interesse am Religionsunterricht laut Bohl seit dem Ende der DDR vor allem an Gymnasien stetig zugenommen. Unmittelbar nach der Wende hätten knapp sechs Prozent der Schüler diesen Unterricht besucht, heute seien es fast 26 Prozent.



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Kirchentag: Merkel ruft zu Engagement für die Demokratie auf - Schäuble fordert Grenzen für Finanzmärkte



Bremen (epd). Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat auf dem evangelischen Kirchentag in Bremen zum Engagement für Freiheit und Demokratie aufgerufen. "Freiheit muss gelebt werden", sagte Merkel am Donnerstag in Bremen. Auch andere Politiker riefen zu verantwortungsvollem gesellschaftlichem Handeln auf. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise, Grenzen seien notwendig. Die Deregulierung der Finanzmärkte habe zu Egoismus und ungezügelter Gier geführt.



Bei einer Podiumsdiskussion betonte die Kanzlerin, wesentlicher Bestandteil von Demokratie seien das Einstehen für die eigene Überzeugung und Kompromissbereitschaft. Merkel rief dazu auf, sich in Vereinen und Initiativen stark zu machen. Zur Demokratie gehöre auch die Toleranz. Deren Grenzen seien jedoch im Grundgesetz mit dem Recht auf Menschenwürde klar definiert. Unter großem Beifall forderte sie eine "Intoleranz gegen Extremismus". Die Bundesrepublik übernehme auch europa- und weltweit Verantwortung für die Demokratie, wie die Bundeswehreinsätze in Afghanistan oder an der somalischen Küste zeigten.



Schäuble wandte sich gegen jegliche Relativierung des Prinzips der Menschenwürde. Die Würde des Menschen stehe nicht nur Freunden zu. Auch Feinde, Verbrecher und Terroristen hätten diese Würde, sagte der Innenminister. Es sei eine Lektion aus der Nazizeit, dass der Schutz der Menschenwürde als Artikel 1 im Grundgesetz verankert ist.



Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, warnte bei einer Bibelarbeit vor Übersteigerungen in den Bereichen der Politik, des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, des wirtschaftlichen Erfolgs und der Religion. "Wohin es führt, wenn man von der Freiheit Gebrauch macht, aber vor der Verantwortung davonläuft, wissen wir alle zur Genüge."



Auch die Klimakrise war Thema in Bremen. Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt rief zur "friedlichen Revolution" für den Klimaschutz auf. Wenn der Klimawandel ungebremst so weitergehe wie bisher, würden etwa Teile der Kirchentagsstadt Bremen irgendwann unter Wasser stehen, warnte die Grünen-Politikerin, die auch Präses der EKD-Synode ist.



Der Umweltwissenschaflter Ernst Ulrich von Weizsäcker kritisierte die Strategie der Bundesregierung im Kampf gegen die Wirtschaftskrise. Der Versuch, aus der Krise mit sogenannten Wachstumsimpulsen herauszukommen, sei ein Fehler. Mit der Verherrlichung des Wachstums würden die Probleme noch schlimmer. "Das geht so nicht weiter", sagte Weizsäcker und rief zum verantwortungsvollen Umgang mit der Natur auf.



Der britische Historiker und Deutschland-Experte Timothy Garton Ash bezeichnete im Dialog mit Merkel das politische System der Bundesrepublik als eines der besten weltweit. Grund dafür sei die Aufarbeitung der Nazi- und DDR-Vergangenheit und das daraus erwachsene Engagement der Zivilgesellschaft.



Auf dem Protestantentreffen, das bis Sonntag dauert, diskutieren rund 100.000 Dauerteilnehmer auf rund 2.500 Veranstaltungen über Fragen des Glaubens und der Gesellschaft.



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