Kirchentag: Berichte - Teil 1

Nachricht 21. Mai 2009

Quer durch die Bibel mit 140 Zeichen - Twitter-Rekordversuch auf dem evangelischen Kirchentag



Von Martin Meuthen (epd)



Bremen (epd). Grelle Farben strahlen Stefanie auf dem Bremer Kirchentag an, als sie einen Flyer der Aktion "Die gesamte Bibel in Kurzform" des neuen Internetportals "evangelisch.de" in die Hand bekommt. Dort stehen acht Absätze aus dem vierten Buch Mose, die sie nun in 140 Zeichen packen und anschließend über den Internet-Dienst Twitter verschicken soll. Die Organisatoren der Aktion meinen es durchaus ernst: Bis zum Pfingstmontag will das evangelische Internetportal die gesamte Bibel mit 3.000 dieser Bibelstellen komplett über den Mikro-Blogging-Dienst publizieren - das wäre Weltrekord.



"Nicht ganz einfach", kommentiert Stefanie ihre Bibelstelle. "Und Mose redete mit den Häuptern der Stämme Israels und sprach: Dies ist's, was der Herr geboten hat: Wenn jemand dem Herrn ein Gelübde tut oder einen Eid schwört, dass er sich zu etwas verpflichten will, so soll er sein Wort nicht brechen, sondern alles tun, wie es über seine Lippen gegangen ist." Als Twitternachricht, einem sogenannten Tweet, könnten diese ersten Zeilen der Bibelstelle in etwa so lauten: "0581 Mose sagte: Du sollst zu Deinem Wort stehen #ebl".



Die Information vom Twitter-Bibelrekordversuch macht schnell die Runde auf dem Kirchentag. 30 jugendliche Helfer sind seit Mittwochabend damit beschäftigt, Buttons, Kulis und die 30.000 Flyer unters Volk zu bringen. 3.000 Stück sind am Donnerstagmittag bereits verteilt - rein rechnerisch eine komplette Bibel. Am Stand des Internetportals "evangelisch.de" herrscht am Donnerstag ein reges Treiben. Das Interesse an der Aktion sei überwältigend, sagt die Leiterin des Internetportals, Melanie Huber. "Bis jetzt haben schon über 1.000 Leute ihre Bibelstellen geschickt. Die Reaktionen sind total positiv."



Der Bibelrekordversuch ist Teil einer Gesamtkampagne, die auf das neue Internetportal der Evangelischen Kirche in Deutschland aufmerksam machen soll. Eine Entwicklungsredaktion arbeitet seit Anfang des Jahres am Konzept des Internetportals, das am 24. September online gehen wird. Um der Aktion medial nachzuhelfen, wird zurzeit bei RTL im Vorabendprogramm ein Werbespot für "evangelisch.de" ausgestrahlt. "Und das merkt man", sagt Huber. "Nach jeder Ausstrahlung gehen unsere Nutzerzahlen nach oben."



Auch wenn das Team von "evangelisch.de" unermüdlich Flyer unter die Leute bringt, so kommen die meisten Bibelstellen dennoch direkt über das Internet von Benutzern, die sich zuvor im Internet registriert haben. Die Flut der abgeschickten Twitter-Bibelstellen wird von erfahrenen Theologen geprüft. Nicht zuletzt auch deswegen, um extreme Kommentare und Äußerungen zu vermeiden.



Mittdreißigerin Stefanie plant ebenfalls noch weitere Bibelstellen zu twittern. Gerade die Auszüge des alten Testamentes in 140 Zeichen zu verwandeln, sei eine kniffelige Aufgabe. "Da merkt man erst richtig, ob man die Stelle auch wirklich verstanden hat." Auf diese Weise sich der Bibel zu nähern, finde sie hoch spannend. "Weil es eben anders auf die Bibel aufmerksam macht. Vor allem für die junge Generation ist das eine tolle Sache." Eine Vertreterin dieser jungen Generation steht ein paar Meter weiter und ist sich da nicht so ganz sicher: "Ich finde das sehr schwer, vor allem beim Alten Testament. Das Neue gefällt mir besser."



Internet: twitter.com/evangelisch_de


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Theologe Zink: Gesellschaft braucht Gedanken und Einfälle der Frauen



Bremen (epd). Der evangelische Pfarrer und Publizist Jörg Zink hat dazu aufgefordert, die Rollenverteilung von Frauen und Männern in der Gesellschaft neu zu überdenken. "Am Ende der Kulturphase der einseitigen Herrschaft der Männer" würden die "Gedanken und Einfälle der Frauen gebraucht", sagte der einstige Fernsehpfarrer am Donnerstag beim evangelischen Kirchentag in Bremen. Die Erde leide unter der brutalen Weise, "wie die männliche Gesellschaft mit ihr umgeht". Der Mensch, ob Frau oder Mann, müsse seine besseren Fähigkeit so einbringen, "dass die Erde fruchtbar und bewohnbar bleibt", sagte der 86-Jährige in seiner Bibelarbeit.



Zink, der seit 56 Jahren auf Kirchentagen aktiv ist, interpretierte die Geschichte von Adam und Eva im Paradies (1. Mose 3) im Licht verschieden geprägter religiöser Hintergründe. Dabei zeichnete er nach, wie Eva, von der Schlange verführt, in die Rolle der Bösen gedrängt wurde und dort verharrte. Sie galt über Jahrhunderte als Sinnbild der Frau, die schuldig ist am Sündenfall. Darauf gründeten patriarchalische Systeme bis heute Bevormundung und Unterdrückung der Frau, wie Zink schilderte. Jesus aber habe dieses Gesetz durchbrochen. Er habe sich mit Frauen umgeben "und dachte über die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen offensichtlich ganz anders, als man es sich auch in den Kirchen noch zwei Jahrtausende lang gedacht hatte".



Mit seinem Appell zum Verzicht auf Gewalt und alle Formen des bloßen Herrschens habe Jesus die tradierten Heldenbilder der Männer infragegestellt. Jesus habe im Grunde schon vor 2.000 Jahren "die patriarchalische Herrschaftsform beendet", sagte Zink. Bei Jesus setze sich das Evangelium von der Liebe Gottes endgültig gegen die Sündenfallgeschichte durch, "diese Kampfschrift aus der Frühgeschichte des Glaubens".



Der Pfarrer, der seinen Ruhestand in Stuttgart verbringt, warb für mehr Geschlechtergerechtigkeit. Ihm gehe es nicht darum, eine neue Phase der Herrschaft von Frauen einzuleiten, "sondern um eine beiderseitige neue Achtsamkeit von Männern und Frauen", betonte der Verfasser von fast 200 Büchern.



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Calvin-Experte Plasger: Kirchengemeinden zu "pastorenlastig"



Bremen (epd). Der Calvin-Experte Georg Plasger hat für mehr Teamarbeit in den Kirchengemeinden plädiert. "Strukturell sind die deutschen evangelischen Gemeinden pastorenlastige Kirchen", sagte der Siegener Theologieprofessor am Donnerstag auf dem 32. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Bremen. Auch der Genfer Kirchenreformator Johannes Calvin (1509-1564), an dessen 500. Geburtstag in diesem Jahr erinnert wird, habe auf die Wertschätzung aller Gemeindemitglieder und ihrer unterschiedlichen Gaben großen Wert gelegt.



Pastoren und Pastorinnen seien Teil eines Teams, das von Gott mit vielen unterschiedlichen Gaben beschenkt wurde, fügte Plasger hinzu. Auch die "Nicht-Pastoren" hätten zu lernen, dass sie Verantwortung zu übernehmen haben. In den Gemeinden gebe es vielfach eine Mentalität nach der Art: "Der Pfarrer, der macht das schon, der wird ja bezahlt - und die Ehrenamtlichen nicht."



Für Calvin sei der Gottesdienst, in dem die Verkündigung den Mittelpunkt bildet, das Kernstück, fügte der Professor für systematische und ökumenische Theologie hinzu: "Die evangelische Kirche ist eine Kirche des Wortes." Die Predigt sei die Hauptaufgabe der Pastoren, sagte Plasger. Eine Gemeinde, die das wisse, werde ihren hauptamtlich Tätigen daraufhin entlasten wollen. Pfarrer wiederum sollten sich darum mühen, andere Bereiche erst gar nicht zur eigenen Sache zu machen.



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EKD-Ratsvorsitzender Huber mahnt zu Verantwortung



Bremen (epd). Bischof Wolfgang Huber hat den engen Zusammenhang zwischen Freiheit und Verantwortung hervorgehoben. In einer Bibelarbeit zur Vertreibung aus dem Paradies beim 32. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Bremen sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Donnerstag: "Wohin es führt, wenn man von der Freiheit Gebrauch macht, aber vor der Verantwortung davonläuft, wissen wir alle zur Genüge."



Der Berliner Bischof Huber betonte die Aktualität der Erzählung aus dem ersten Buch Mose, die vom Menschen, dem Leben und ihrem Verhältnis zu Gott handele. Mit dem Gebot, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen, stelle Gott den Menschen in einen Raum der Freiheit. In der Figur der Schlange sieht Huber ein Bild für "verführbare Intelligenz". Haltlose Intelligenz könne auch in den Absturz führen, sagte Huber mit Verweis auf die sogenannten toxischen Wertpapiere, die zur Finanzkrise beigetragen haben. Die Verführbarkeit sei "die Kehrseite der Freiheit".



Der Ratsvorsitzende warnte vor Übersteigerungen in den Bereichen der Politik, des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, des wirtschaftlichen Erfolgs und der Religion. "Die Vorstellung, wir Menschen müssten alles tun, was wir tun können, ist zwanghaft", sagte er. Huber bezeichnete aktive Sterbehilfe als ein grobes Missverständnis von Selbstbestimmung: "Der Tod, der aus Gottes Hand angenommen wird, gehört zu unserem begrenzten Leben als Geschöpfe Gottes."



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Bremen feiert den Kirchentag - Schäuble: Staat und Religion haben "partnerschaftliches Verhältnis"



Bremen (epd). Rund 300.000 Menschen haben bis in die Nacht hinein die Eröffnung des 32. Deutschen Evangelischen Kirchentags in Bremen gefeiert. Schon bei den Auftaktgottesdiensten am Mittwochabend zeigte sich, dass die aktuelle Wirtschaftskrise zu einem zentralen Thema des alle zwei Jahre stattfindenden Christentreffens wird. Für Donnerstag werden zahlreiche prominente Politiker in Bremen erwartet, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Weltbank-Präsident Robert B. Zoellick und Altbundeskanzler Helmut Schmidt.



Auch die SPD-Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin, Gesine Schwan, wird zwei Tage vor der Wahl in der Bundesversammlung auf dem Kirchentag erwartet. Amtsinhaber Horst Köhler war bereits zur Eröffnung gekommen. Er forderte gemeinsame Anstrengungen, um die Welt gerechter zu machen. Gerade in der Krise gebe es die Versuchung, sich auf "eigene Faust" durchzuschlagen. Egoismus könne aber nicht länger die Antwort sein.



Die drei Eröffnungsgottesdienste unter freiem Himmel besuchten nach Veranstalterangaben rund 74.000 Menschen. Bei sonnigem Frühlingswetter begann im Anschluss am frühen Abend ein buntes Straßenfest. Zudem verfolgten etwa 10.000 Fußballfans bei einer Live-Übertragung im einige Kilometer westlich der Innenstadt gelegenen Einkaufszentrum "Waterfront" das UEFA-Pokal-Finale aus Istanbul. Fußball-Bundesligist Werder Bremen unterlag Schachtjor Donezk 1:2 nach Verlängerung. Nach Polizeiangaben gab es trotz überfüllter Plätze und Straßen keine größeren Zwischenfälle.



Gast beim Kirchentag am Donnerstag ist auch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU). Er würdigte in einem Interview mit dem Bremer "Weserkurier" (Donnerstagsausgabe) die Bedeutung von Religion bei der Vermittlung von Werten. Während der Staat Rahmen setze und Institutionen wie die Familie fördere, trage die Religion zur Vermittlung der sie stützenden Werte bei. "Deshalb haben wir in Deutschland ein bewährtes partnerschaftliches Verhältnis von Staat und Religion", sagte Schäuble. Die historisch gewachsene Beziehung zwischen Staat und Religion sei "für Deutschland sehr gut". Allerdings müsse das kein Modell für andere in Europa sein.



Der Kirchentag begeht in Bremen sein 60-jähriges Bestehen. Der erste Kirchentag fand 1949 in Hannover statt. Zu den rund 2.500 Veranstaltungen erwarten die Organisatoren etwa 100.000 Dauerteilnehmer.



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