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Nachricht 20. Mai 2009

Glaube und Abenteuer im Mega-Gewusel - Straßenfest mit 250.000 Gästen zum Auftakt des 32. Deutschen Evangelischen Kirchentags



Von Dieter Sell (epd)

Bremen (epd). Das hat Bremen noch nicht erlebt: Zum Auftakt des 32. Deutschen Evangelischen Kirchentages entwickelte sich die Innenstadt am Mittwochabend zu einer riesigen Fußgängerzone. "An mir strömen die Menschen Richtung Marktplatz - und es ist kein Ende abzusehen", staunt ein Polizist, der keine Schätzung über die Zahl der Gäste abgeben mag. Die Organisatoren nennen rund 250.000 Besucher, die sich vom "Abend der Begegnung" mit seiner Mischung aus Spiritualität, Abenteuer und ökofairen Imbiss-Ständen anziehen ließen.

Abenteuer versprach vor allem die "Himmelsbrücke". Sie verbindet während des Kirchentages, der unter der biblischen Losung "Mensch, wo bist du?" bis Sonntag andauert, in knapp 70 Metern Höhe die beiden Türme des Bremer Domes. Jörg Kues war während des Mega-Straßenfestes der Erste, der die 13 Meter lange und ziemlich wacklige Strecke meisterte. Höllenangst auf der Himmelsbrücke? "Das nicht", sagt der 54-Jährige nach der Mutprobe. "Aber volle Konzentration." Nach unten geguckt habe er nicht. "Ich hatte mit mir zu tun."

Dafür hatten die Ehrenamtlichen an den fast 400 Ständen während des Straßenfestes alle Hände voll zu tun, um Fragen und Wünsche der Gäste zu erfüllen. Überall gab es regionale Spezialitäten. So überraschten Gemeinden und kirchliche Einrichtungen aus dem äußersten Nordwesten Deutschlands Besucher mit einer Teezeremonie, natürlich mit Kandis und Sahne. "Das ostfriesische Nationalgetränk", erläuterte Pastor Edzard Stiegler, der unermüdlich einschenkte.

Andernorts gab es pikante Fleischwurst, die "Bremer Gekochte". Das Johanniter-Hilfswerk öffnete ein "Melkhus" und lockte mit Pfirsich-Buttermilch als "Oldenburger Sonne" und "Wald und Wiese", einer Vollmilch mit frischem Waldmeister. Andrang herrschte auch vor den Geschirr-Rückgaben, denn Einweg-Teller sind beim Kirchentag traditionell tabu. 6.000 Mitwirkende, weitere 2.200 ehrenamtliche Organisatoren, 200 Sanitäter, 40 Chöre und 50 Bühnengruppen sorgten in den Straßen und auf elf Bühnen für reibungslose Abläufe und Programm.



Zu den Attraktionen zählten auch eine Draisinenfahrt auf einem 30 Meter langen Schienenstück und das "Kondom-Diplom" der evangelischen Ehe- und Lebensberatung. "Die Packung mit kurzen Fingernägeln aufreißen, Luft aus dem Kondom drücken und dann richtig rum auf den Penis", erläuterte Ursula Lindemann den Umstehenden. Wer wollte, konnte die richtige Praxis gleich an einem Dildo in einer "black box" ausprobieren, ganz ohne Hinsehen.



Schon zu Beginn des Abends hatte Kirchentagspastor Joachim Lenz in einem von drei Eröffnungsgottesdiensten bei strahlendem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen Zehntausende begrüßt. "Ankommen, innehalten, sich umschauen, seinen Platz finden", brachte er die Stimmung der wohl meisten Zuhörenden im Gewusel auf den Punkt. Der leitende Theologe der gastgebenden Bremischen Evangelischen Kirche, Renke Brahms, hatte schon zuvor seine Hoffnung für die nächsten Tage formuliert: "Ich bete, dass es ein gelingender Kirchentag wird, von dem alle hinterher begeistert sagen können: Mensch, ich war dabei!"




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Bremen (epd). Mit Appellen zum Umdenken in der aktuellen Wirtschaftskrise hat am Mittwoch der 32. Deutsche Evangelische Kirchentag in Bremen begonnen. "Das Ende der Neid-und-Gier-Phase scheint gekommen zu sein", sagte Kirchentagspräsidentin Karin von Welck. Der Kirchentag wolle die Gesellschaft dazu aufrufen, zu einer Verantwortungsgesellschaft zu werden. Bundespräsident Horst Köhler forderte zur Eröffnung gemeinsame Anstrengungen, um die Welt gerechter zu machen. Den Beginn des Kirchentages feierten die Teilnehmer am Abend mit drei Gottesdiensten unter freiem Himmel.



Zu den rund 2.500 Veranstaltungen des Protestantentreffens unter der biblischen Losung "Mensch, wo bist du?" erwarten die Organisatoren etwa 100.000 Dauerteilnehmer und Mitwirkende aus 80 Ländern. Für den Eröffnungsabend wurde mit bis zu 300.000 Menschen gerechnet. Der Kirchentag begeht in Bremen sein 60-jähriges Bestehen. Der erste Kirchentag fand 1949 in Hannover statt.



Bundespräsident Köhler sagte laut vorab verbreitetem Redemanuskript, gerade in der Krise gebe es die Versuchung, sich auf "eigene Faust" durchzuschlagen. Egoismus könne aber nicht länger die Antwort sein. "Wir wollen gemeinsam eintreten in den Kampf gegen Armut und Klimawandel." Denn die Haltung "Jeder für sich" habe erst in die aktuelle Klemme geführt.



Auch Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) betonte, Egoismus und Gewinnmaximierung könnten keine Werte sein, die zum Zusammenhalt der Welt beitragen. Das hätten die Finanz- und Wirtschaftskrise sowie ein "gewissenloser Umgang" mit Mensch und Natur gezeigt.



Der theologische Repräsentant der gastgebenden Bremischen Evangelischen Kirche, Pastor Renke Brahms, wandte sich in seiner Eröffnungspredigt gegen Gier und Selbstüberschätzung. "Nichts ist schlimmer als jene unverschämten Menschen, die immer mehr wollen und die das Unrecht gar nicht mehr spüren, in dem sie leben und mit dem sie sich auf Kosten anderer bereichern", sagte er.

Kirchentagspräsidentin Welck forderte einen friedlichen Dialog der Religionen. "Es sollte uns nicht um Abgrenzung gehen, sondern um den vorurteilsfreien Diskurs um gemeinsame Werte", sagte die parteilose Hamburger Kultursenatorin laut Manuskript.



Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt sagte im ZDF-"Morgenmagazin", bei dem Protestantentreffen gehe es darum, neue Ideen angesichts der Wirtschafts- und Klimakrise zu entwickeln. In Bremen solle die Zukunft besprochen und geplant werden, sagte die Bundestagsvizepräsidentin und Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).



Kirchentags-Generalsekretärin Ellen Ueberschär betonte das Selbstverständnis des Protestantentreffens als Laienbewegung. Der Kirchentag sei weder eine Bischofskonferenz noch ein verlängertes spirituelles Wellness-Wochenende oder ein Parteitag. "Ein aufgeklärter und selbstbewusster Glauben muss sich seiner Quellen gewiss sein und sich zugleich auf die gerechte Gestaltung der Gesellschaft im lokalen Umfeld und im Weltmaßstab ausrichten."



Zahlreiche Teilnehmer reisten mit dem Fahrrad zum Kirchentag. "Wer in die Pedale tritt, fängt mit dem Klimaschutz schon an", sagte der Oldenburger Bischof Jan Janssen zur Begrüßung. Zum fahrradfreundlichen Kirchentag stehen 1.000 eigens gebaute Zweiräder in der Stadt zu Verfügung.



Eine Schiffsparade auf der Weser bildete am Vormittag den Auftakt zum "Kirchentag der Schiffe". Bereits am Sonntag hatte das weltgößte seetüchtige Museums-Frachtschiff "Cap San Diego" aus Hamburg im Bremer Europahafen festgemacht. Es dient während des Kirchentages als Veranstaltungsort.



Internet: www.kirchentag.de



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