Landesbischöfin: Menschen werden durch Wirtschaftskrise nachdenklicher

Nachricht 19. Mai 2009

München/Hannover (epd). Gesellschaftliche und persönliche Krisen gehören nach Ansicht der hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann zum Leben dazu. Sie spüre in vielen Gesprächen, dass die Menschen im Zuge der Wirtschaftskrise nachdenklicher geworden seien, sagte Käßmann in einem Interview der in München erscheinenden "Frau im Spiegel" (Mittwochausgabe). Sie sei in letzter Zeit häufiger von Banken und Unternehmen als Rednerin eingeladen worden: "Es ist interessant, dass die Wirtschaft so verstärkt nach Werten fragt."

Im Weiteren sprach Käßmann auch über ihre persönlichen Lebenskrisen. "Jemand, der übers Leben redet und nie auch Schweres erlebt hat, ist wie einer, der über die ganze Welt spricht und nie gereist ist." Ihre Brustkrebserkrankung vor drei Jahren sei für sie selbst nicht so schockierend gewesen wie für ihre Umwelt. Als Pastorin habe sie immer mit Krankheit und Tod zu tun gehabt. Eine tiefe Änderung in ihrem Leben sei aber ihre Scheidung gewesen, die sie ein paar Monate nach der Diagnose eingereicht habe, sagte die Bischöfin der größten evangelischen Landeskirche in Deutschland.

Vor der Krankheit hätte sie zu diesem Schritt nicht den Mut gehabt: "Ich hatte zu große Angst vor der Öffentlichkeit und auch Angst, meiner Kirche zu schaden", sagte Käßmann. Während ihrer zweimonatigen Auszeit nach der Strahlentherapie habe sie viel Zeit zum Nachdenken gehabt und begriffen: "Du solltest nicht, um der Kirche willen oder um einen äußeren Schein zu wahren, unwahrhaftig leben." Deshalb habe sie sich zur Trennung entschlossen. Sie wäre auch bereit gewesen, dafür ihr Amt als Bischöfin aufzugeben, sagte die Mutter von vier erwachsenen Töchtern.

Die Leitungsebene der Landeskirche habe sie in dieser Situation unterstützt und sich großartig verhalten, sagte die 50-jährige Theologin weiter. Sie habe auch viele Mut machende Briefe und E-Mails erhalten, allerdings auch bitterböse Post und wütende Einträge auf der Internetseite der Landeskirche: "Das war für mich schlimmer als die Krebserkrankung."


epd-lnb mil mir / 19.5.2009
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