Diakoniedirektor: Einzelschicksale von Heimkindern brauchen Würdigung

Nachricht 15. Mai 2009

Hannover (epd). Jedes Einzelschicksal von ehemaligen Heimkindern verdient nach Ansicht des Direktors des Diakonischen Werks der hannoverschen Landeskirche, Christoph Künkel, eine besondere Aufmerksamkeit und Würdigung. "Wir müssen den Menschen Gehör schenken, denen Unrecht zugefügt wurde, und ihnen so weit wie möglich Hilfe anbieten", sagte Künkel am Freitag im epd-Gespräch am Rande eine Buchpräsentation über das Schicksal ehemaliger Heimkinder in der Diakonie Freistatt bei Bremen. Unrecht bleibe Unrecht, auch wenn die Tatbestände strafrechtlich verjährt sein sollten.

Die hannoversche Landeskirche habe deshalb seit zwei Jahren das Diakonische Werk damit beauftragt, die umstrittene Heimerziehung in den 1950er und 1960er Jahren aufzuarbeiten. Dazu gehörten Recherchen in den Einrichtungen und Gespräche mit den Betroffenen, sagte Künkel. Mehrere Hunderttausend Kinder und Jugendliche waren in der frühen Bundesrepublik oft aus nichtigen Anlässen in vorwiegend kirchliche Heime eingewiesen worden. Viele von ihnen wurden geschlagen und zur Arbeit gezwungen. Eine Schulausbildung erhielten sie häufig nicht. Manche durchlitten sexuelle Misshandlungen.

"Das alles wird jetzt aufgearbeitet", sagte Künkel. Die Einrichtungen hätten ehemaligen Bewohnern eine Aufarbeitung mit therapeutischer Begleitung angeboten. Weiter habe die Landeskirche eine Historikerin beauftragt, am Institut für niedersächsische Regionalgeschichte eine dreibändige wissenschaftliche Untersuchung zu erstellen. Sie beinhalte eine Dokumentation von rund 100 Gesprächen mit ehemaligen Heimkindern und Mitarbeitenden. Die Bände würden durch Materialien aus Archivrecherchen ergänzt und sollen bis Mai 2010 veröffentlicht werden.

Ausdrücklich begrüßte Künkel den vom Bundestag eingesetzten "Runden Tisch Heimkinder", der bis Ende 2010 das Schicksal der Betroffenen bundesweit aufarbeiten solle. Sowohl die Diakonie als auch die Caritas arbeiteten daran selbstverständlich mit, betonte Künkel. Wenn sich die Politik auch in Niedersachsen für einen "Runden Tisch" auf Landesebene ausspreche, werde sich die Diakonie ebenfalls daran beteiligen und ihre Erfahrungen einbringen.

"Wir können und wollen diesem dunklen Kapitel der Diakoniegeschichte nicht ausweichen", sagte Künkel. Den Wurzeln dieser "schwarzen Pädagogik" und den Bedingungen für gewalttätige Erziehung müsse nachgegangen werden. "Von den Einrichtungen ist zu erwarten, dass sie sich - insbesondere durch die heutige Praxis - von den damaligen Ereignissen distanzieren."

Die Gesellschaft werde auch künftig nicht ohne Heime auskommen, sagte Künkel weiter. Bis heute würden Kinder in ihrem Anspruch auf Liebe in der eigenen Herkunftsfamilie enttäuscht. Angesichts der Gewalterfahrungen, die Kinder bis heute in ihrer Erziehung erleiden müssten, könne es hilfreich sein, die Kinderrechte in der Verfassung zu verankern. So könnte zum Beispiel das Recht der Kinder auf eine Beschwerdestelle gegen Erziehungsfehler von Eltern festgeschrieben werden, sagte der Diakoniedirektor.

epd lnb mil mir / 15.5.2009
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