Vater des Bremer Kirchentages - Alt-Bürgermeister Henning Scherf hat das Großereignis in die Hansestadt geholt

Nachricht 22. April 2009

Bremen (epd). Mal formuliert er auf einer Open-Air-Bühne den "Zuspruch zur Nacht", mal spricht er im Dom bei einem Oratorium, mal lädt er mit einem Pastor aus Nicaragua zur Bibelarbeit ein: Bremens Alt-Bürgermeister Henning Scherf besucht den kommenden Kirchentag in der Hansestadt nicht nur, er gestaltet ihn mit. Die Großveranstaltung vom 20. bis 24. Mai werbe für die Region und sei "eine Chance, die so schnell nicht wieder kommt", schwärmt Scherf, der ausdauernd und zeitweise im Alleingang den Kirchentag nach Bremen geholt hat.



Als Regierungschef des kleinsten Bundeslandes schlug der SPD-Politiker vor zwölf Jahren den ersten Funken. Die Bremer, so war und ist seine Überzeugung, "sind wunderbare Gastgeber". Seine Begeisterung auch als Mitglied des Kirchentags-Präsidiums für die vor 60 Jahren begründete Bewegung zog Kreise. Auch andere fingen Feuer. So wurde Scherf zum Vater des Bremer Kirchentages.



Bedenkenträger gab es anfangs viele. Die Stadt sei zu klein, es gebe zu wenig Ehrenamtliche und kein Geld, lautete die Kritik. Tatsächlich sei es eine "große Mühe" gewesen, einen Landeszuschuss von 7,5 Millionen Euro loszueisen, blickt Scherf zurück. Doch längst steht die Finanzierung, alle Hotelbetten sind ausgebucht, die Schulen werden zu Gruppenquartieren umfunktioniert. Die Bremer und die Region bereiten sich auf einen Gästeansturm vor, den sie noch nie erlebt haben: Zahlenmäßig kommt immerhin eine Stadt wie Kassel mit rund 200.000 Einwohnern zu Besuch.



Ideengeber Scherf sieht sich selbst nicht als gläubigen Menschen, aber als aktiven Christen, der in einer gläubigen Familie aufgewachsen ist. Eigentlich hätte er Pastor werden sollen. Den Geburtstag des Sohnes am 31. Oktober, dem Reformationstag, wertete sein Vater als Zeichen. Doch es kam anders. Tief geprägt wurde der Büchernarr und Asket, der gerne heißes Wasser trinkt, durch seine Zeit als Stipendiat im Evangelischen Studienwerk Villigst, zu der auch Werksemester in der Industrie gehörten. Scherf arbeitete in einer Kettenschmiede, in Freiburg und Berlin studierte er Rechtswissenschaften und Soziologie.



1972 übernahm er in seiner Heimatstadt den Posten des SPD-Landesvorsitzenden. Zwischen 1978 und 1995 folgten Senatorenämter in der Landesregierung. Auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere führte er im Anschluss als Bürgermeister und Senatspräsident über zehn Jahre eine große Koalition.



Nach seinem überraschenden Rücktritt 2005 begann für den heute 70-Jährigen ein neuer Lebensabschnitt: Nun liest Scherf ehrenamtlich Schulkindern vor, ist Präsident des Deutschen Chorverbandes, engagiert sich für Nicaragua, spielt Klavier, lernt Orgelspiel, malt Aquarelle, übt sich im Kochen, ist begeisterter Radfahrer. Seit langem lebt er in Deutschlands wohl bekanntester Hausgemeinschaft. Das beschreibt er in seinem Buch "Grau ist bunt", mit dem er einen Bestseller landete und für ein aktives Leben im Alter wirbt.



Das will er im "Zentrum Älterwerden" auch während des Kirchentages tun, zu dem unter dem biblischen Motto "Mensch, wo bist du?" mehr als 100.000 Dauerteilnehmer aus Deutschland und der ganzen Welt erwartet werden. "Die Innenstadt, die Straßenbahnen, die Plätze und Parkanlagen, alles wird proppenvoll - das habe ich mir so gewünscht", freut sich Scherf. Er will den Kirchentag auch mit seinen Enkelkindern entdecken. In seiner Hausgemeinschaft werden 15 Betten für Gäste bezogen.



"Wir feiern den Kirchentag nicht nur in Messehallen, sondern mitten in der gewachsenen Stadt", ist Scherf von einer unverwechselbaren Bremer Atmosphäre überzeugt. Dazu werden nach seinen Worten auch die alten Hafenviertel in der Überseestadt beitragen, in die der Kirchentag erstmals viele Menschen bringen wird - und etliche Schiffe wie den Museumsfrachter "Cap San Diego" und den Dreimast-Rahsegler "Großherzogin Elisabeth".



Ein "Kirchentag der Schiffe" soll es also werden. Und mit Scherf als passioniertem Sänger natürlich auch ein "Kirchentag der Chöre". Und einer, der in Podiumsdiskussionen trotz globaler Rezession Mut macht. "Wer sich allein in seinem Kämmerchen mit der Krise auseinandersetzt, kann nur panisch werden", warnt Scherf. "Kirchentag ist die Chance, zusammenzurücken, sich gegenseitig zu helfen, Zuversicht trotz Krise zu erleben."



Dieter Sell (epd)



Internet: www.kirchentag.de





epd-lnb sel mir / 22.4.2009

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