Ein Zuhause für alle - Bundesweite "Woche für das Leben" wird in Lüneburger Gemeinde mit vorbildlicher Behindertenarbeit eröffnet

Nachricht 22. April 2009

Ein Zuhause für alle - Bundesweite "Woche für das Leben" wird in Lüneburger Gemeinde mit vorbildlicher Behindertenarbeit eröffnet

Von Karen Miether (epd)

Lüneburg (epd). Elke Bode schlägt eine Klangschale an. Die halbe Minute, die der Ton nachhallt, sitzen die Konfirmandinnen und Konfirmanden still in ihrem Stuhlkreis im Gemeindehaus und lauschen. "Jesus Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt", sagt die Diakonin und zündet eine Altarkerze an. Die vier Mädchen und drei Jungen reichen das Feuerzeug weiter und bringen Teelichter zum Brennen. "Ihr seid das Licht der Welt", sprechen sie sich zu. Das Ritual unterbricht das aufgeregte Hallo und die Gespräche darüber, was kurz zuvor in der Schule los war. Im Konfirmandenunterricht für Jugendliche mit geistiger Behinderung in der evangelischen St.-Nicolai-Gemeinde Lüneburg hat es Tradition.

Aus der ersten Gruppe, die vor mehr als 30 Jahren konfirmiert wurde, entwickelte sich an St. Nicolai eine Behindertenarbeit für den ganzen Kirchenkreis. Vor Jahren schon wurde das historische Gemeindehaus barrierefrei umgebaut. Heute treffen sich dort jede Woche fünf Gruppen mit bis zu 100 Jugendlichen und Erwachsenen mit und ohne Behinderungen.


Weil diese Arbeit Beispielcharakter hat, eröffnen der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, und der Hildesheimer katholische Bischof Norbert Trelle am Sonnabend in St. Nicolai die bundesweite "Woche für das Leben".


Die Initiative setzt sich für die Akzeptanz von kranken und behinderten Menschen ein und steht unter dem Motto "Gemeinsam - mit Grenzen leben".

In dem Gottesdienst will die Behindertenarbeit ein Schattenspiel aufführen. Die Theaterstücke, bei denen die Darsteller hinter einem Leinentuch agieren und das Publikum nur ihren Umriss sieht, sind bei den Konfirmationen ein Klassiker. "Da kann jeder mitmachen, auch wer nicht sprechen kann oder im Rollstuhl sitzt", sagte Elke Bode. In St. Nicolai gehörten Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen selbstverständlich dazu. "Konfirmiert werden Jugendliche mit Tourette-Syndrom, Lernbehinderungen, Down-Syndrom oder Autismus, es gibt kein Ausschluss-Kriterium." Die Gemeinde sei längst gewöhnt, dass im Gottesdienst mal jemand unerwartet auflacht. "Wo etwas los ist, da sind wir dabei", betont die Diakonin.

 Von diesem Selbstbewusstsein war noch wenig zu spüren, als die Arbeit in den siebziger Jahren begann. Erst allmählich griffen gesellschaftliche Reformbewegungen. Es entstanden Kindertagesstätten, Schulen und Werkstätten, die behinderten Menschen an ihrem Wohnort auf sie zugeschnittene Möglichkeiten boten. "Damals wurde manchen Eltern gesagt, ein geistig behindertes Kind konfirmieren wir nicht", sagt Ulrich Beuker, der als erster Hauptamtlicher die kirchliche Behindertenarbeit leitete. Eine Mutter habe das nicht akzeptiert und gemeinsam mit einer Ehrenamtlichen und dem damaligen Gemeindepastor die Konfistunden an St. Nicolai initiiert.

Mittlerweile unterrichten viele Kirchengemeinden Jugendliche mit und ohne Behinderungen in integrativen Gruppen. "Das begrüßen wir, und wir unterstützen die Kollegen dabei", unterstreicht Beuker. Auch die Gruppen an St. Nicolai setzen auf Begegnung und fahren etwa mit anderen Konfirmanden gemeinsam auf Freizeiten. Kerstin Löper war früher selbst Konfirmandin in der Gruppe der Menschen mit Behinderungen, seit sieben Jahren hilft sie den Hauptamtlichen im Unterricht: "Das macht Spaß und man lernt immer noch etwas dazu", sagt die 35-Jährige.

 Ein Team von Ehrenamtlichen und Praktikanten sorgen für ein Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderungen in Gruppen für Jung und Alt. Einige von ihnen treffen sich bereits seit Jahrzehnten. "Dass hier das Zuhause für Menschen mit Behinderungen ist, macht die besondere Atmosphäre der Gemeinde aus", sagt Pastor Eckhard Oldenburg. "Die Direktheit und die Spontaneität, die diese Menschen zum Beispiel beim Gottesdienstbesuch mitbringen, vertreibt alles Steife und Distanzierte."

Internet. www.woche-fuer-das-leben.de

 epd-lnb mir mil/22.4.2009

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