Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann: Maria von Magdala

Nachricht 08. April 2009

Karsamstag: Schweigen im Leiden

Karsamstag. Über diesen Tag wird in der Bibel nichts erzählt. Es ist jener Tag danach. Ein unbeschreiblicher Tag, eine Zeit, die den Atem anhält, eine Zeit der Stille. Wer ein Unglück miterlebt, wem ein geliebter Mensch stirbt, der kennt den Karsamstag. Da ist die Fassungslosigkeit, die eher das Schweigen sucht als die billigen Beschwichtigungen von wegen: „das Leben geht weiter“ oder „wird schon werden“. Nein, an so einem Karsamstag gibt es keine keimenden Hoffnungen, keine Wege, die sich auftun, keine einfachen, schnellen Antworten.

Unter Schock werden sie gestanden haben, Maria von Magdala wie alle anderen, die Jesus gefolgt sind. Sie hat den Mann verloren, den sie geliebt hat. Ihr ganzes Leben wollte sie für ihn ändern. Ob es eine „echte“ Liebesbeziehung zwischen den beiden gab? Viel wurde darüber spekuliert, etwa in der ganzen Aufregung um das Buch „Sakrileg“ von Dan Brown und den Film dazu. Doch das alles ist Fiktion, wir wissen es schlicht nicht. Und ich finde, das ist auch nicht wirklich wichtig für unseren Glauben.

Für Maria wie für die anderen, die Jesus begleitet haben, war der Anblick seines Sterbens ein Schock. Große Hoffnungen hatten sie, glücklich waren sie, voller Zukunftsträume. Und dann das Ende. Grauen, Folter, das Sterben Jesu. Maria war konsequent, sie war tapfer. Sie ist bis zuletzt dabei geblieben, sie hat Jesus sterben sehen. Bei Matthäus lesen wir: „Und es waren viele Frauen da, die von ferne zusahen; die waren Jesus aus Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient; unter ihnen war Maria von Magdala...“

Ja, sie war da. Sie hat das Grauen gesehen. Wie soll sie das verkraften?

Brauchen wir so brutale Bilder wie etwa in dem Film „Die Passion“ von Mel Gibson, um und das vorzustellen? Ich denke, nein. Es geht nicht um die Details des Grauens im Sterben Jesu. Sterben ist schlimm. Menschen ringen oft mit dem Tod. Und immer wieder werden Menschen zu Tode gefoltert. Bei Jesus sind doch die Details nicht glaubensrelevant! Nein, es geht darum, dass er stirbt. Er, den sie für den Messias gehalten haben, er, den wir als Gottes Sohn sehen, er stirbt. Das ist eine Realität, mit der unser Glauben immer wieder ringt: Gott leidet. Gott leidet und stirbt. Danach folgt das Schweigen, die Leere am Karsamstag.

Neulich fragte mich jemand, warum man Ostersamstag eigentlich nicht Tanzen gehen darf. Da merke ich, wie tief die Tradition ganz fest in mir verankert ist. Meine Großmutter, meine Mutter, für sie war ganz klar:

Das ist der Samstag des Schweigens, des Schocks, der Angst. Nach Tanz wäre mir auch heute noch nicht zumute.

Jesus ist tot. Das ist eine Ungeheuerlichkeit. Kann denn Gott selbst sterben? Kann denn Gott so leiden? Warum? Das ist der Schrei durch die Jahrtausende: Wie kann Gott das zulassen? Er hallt am Karsamstag durch die Welt. Und die Welt will diesen Schrei nicht hören, sie beschäftigt sich mit sich selbst, erträgt die Stille kaum.

Morgen vielleicht? Ja, am Ostermorgen wird Maria von Magdala sich aufmachen. Wie viele Frauen nach dem Schock eines Krieges, einer Vergewaltigung, nach dem Schock, den sie ertragen müssen: Am nächsten Tag machen sie sich auf und tun die Dinge, die getan werden müssen. Einkaufen, Feuer machen, die Kinder anziehen, den Toten salben. Ja, morgen wird sie aufbrechen. Und sie wird ein leeres Grab finden. Und einen Engel, der sagt: „Fürchte dich nicht“. Die Hoffnung ist bereits gesät, aber die Saat muss erst noch aufgehen.


SWR2 Themenabend „Maria Magdalena - Hure oder Heilige“
Sendung am Sonntag, 12.04.2009, 20.03 bis 23.00 Uhr

Link zur SWR-Sendung:Themenabend „Maria Magdalena“