Ostern – das Kreuz bleibt stehen

Nachricht 08. April 2009

Osterbetrachtung von Kerstin Gäfgen-Track zum Foto der Ruine der Ägidienkirche in Hannover

In allen Gesprächen mit Personen, die mit Schule zu tun haben, wurde der entsetzliche Amoklauf von Winnenden thematisiert, und in der vergangenen Woche gab es bereits einen weiteren Amoklauf in Binghamton/USA. Zwei Fragen beherrschen die Diskussionen. Die Frage nach dem „Warum“: „Warum unternimmt ein Mensch so einen entsetzlichen Amoklauf?“ Und die Frage nach dem „Wo“: „Wo warst du, Gott?“



Diese beiden Fragen stellen sich nicht nur nach einem Amoklauf, sie stellen sich auch angesichts der letzten Militäraktion Israels im Gazastreifen, des Krieges im Sudan, der Situation in Afghanistan oder der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise, die viele Menschen gerade in Afrika, Asien oder Lateinamerika in Not, Elend und Hunger treibt. Eine Situation, in der es sich an Karfreitag scheinbar leichter predigen lässt als an Ostersonntag. Aber gerade angesichts von Tod, Leid und Elend ist die Botschaft von Ostern weiterzusagen: Es gibt eine Hoffnung über den Tod hinaus. Ein Kreuz steht im Zentrum der im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörten Aegidienkirche in Hannover, deren Dach der weite Himmel ist und zwischen deren Mauerresten frisches Grün wächst. Die Sonne bringt die bunten Glasfensterstücke zum Leuchten.



Es gibt Hoffnung und neues Leben trotz der Zerstörung; die Kirche inmitten der wieder aufgebauten Stadt steht auch dafür. Die Zeichen von beschädigtem und verletztem Leben, von Krieg und Tod blieben damals auf Golgatha stehen, und sie sind bis heute überall auf dieser Welt sichtbar.



Ostern 2009 heißt, von der Hoffnung der Auferstehung zu erzählen und den Anblick des Kreuzes weiter auszuhalten. Neues Leben und Hoffnung sind möglich – und das Kreuz bleibt stehen; diese Botschaft findet sich auch im Broadway-Musical „Spring awakening“. Es erzählt von den ersten sexuellen Erfahrungen Jugendlicher und der Prüderie der Erwachsenen am Ende des 19. Jahrhunderts. Der von seinen Eltern kaum geliebte Moritz erreicht das Klassenziel nicht, wird dafür hart gestraft und erschießt sich in seiner Verzweiflung. Sein Freund, Melchior, verliebt sich zur gleichen Zeit in Wendla. Sie wird schwanger. In Moritz’ Zimmer wird ein handgeschriebenes Heft gefunden, mit dem Melchior Moritz sexuell aufklärte. Melchior wird deshalb in ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche gesteckt und weiß nicht, dass Wendla schwanger ist. Als er von Wendlas Schwangerschaft erfährt, flieht er aus dem Heim und will sich mit Wendla auf dem Friedhof treffen. Dort angekommen, entdeckt er ein frisches Grab: Wendla hat die von den Eltern erzwungene Abtreibung nicht überlebt. Daraufhin will sich auch Melchior umbringen, aber die Erinnerung an das gemeinsame Leben mit Wendla und Moritz und an ihre gegenseitige Zuwendung wird zwischen den Gräbern wach. Melchior entschließt sich, auf die Kraft dieser Erfahrungen vertrauend, weiterzuleben.



Die Jugendlichen im Musical suchen immer wieder das Gespräch mit Eltern und Lehrkräften, die stumm bleiben, ausweichen und Dinge nicht beim Namen nennen. Sie erfahren wenig Liebe durch die Erwachsenen. So tasten die Jugendlichen im offenen Gespräch untereinander nach Antworten und schenken sich gegenseitig Zuwendung. Menschen brauchen das offene Gespräch; sie brauchen Liebe. Beides ist kostbar. Dabei ist eine Frage wie „Wo warst du, Gott?“ auszuhalten. Gott selbst stellt sich im Gebet dieser Frage.



Mehr noch: Er lässt sich anklagen, anschreien oder anzweifeln in seiner Existenz. Dabei kann der Blick auf das Kreuz Christi fallen, so dass Menschen erfahren dürfen: Gott ist da, wenn sie leiden. Eine schwierige, aber ehrliche Antwort, an die Menschen sich halten können. Die Botschaft von Ostern geht noch einen entscheidenden Schritt weiter: Gott will das Leiden überwinden. Menschen dürfen getröstet sein, weil Gott sie so sehr liebt, dass er das Leiden mit ihnen ertragen und es eines Tages für immer und ewig überwinden will.



Keine einfache Botschaft, denn Menschen müssen sich auf sie einlassen, um sie in ihrem eigenen Leben als wahr zu erfahren. Die Wahrheit der Osterbotschaft erschließt sich nur im eigenen Leben und Glauben. Es gibt viele gute Gründe für die Wahrheit von Ostern, aber ob diese Wahrheit im eigenen Leben und Sterben trägt und hält, kann nur im Glauben erfahren werden. Die Jugendlichen scheitern im Musical auch daran, dass sie sich den Erwachsenen anvertrauten, die dieses Vertrauen nicht ernstgenommen und manchmal missbraucht haben.



Gott nimmt demgegenüber die menschliche Suche nach dem Glück, nach Liebe und Verstandenwerden ernst. Er geht sorgsam mit dem in ihn gesetzten Vertrauen um. Ostern lädt ein, auf Gottes Botschaft zu vertrauen, dass das Leben stärker als der Tod ist. Gott zu vertrauen, ist ein Wagnis, weil auch die Botschaft von Ostern nicht das unbeschädigte Leben verheißt. Das gibt es nicht und das gab es nicht, dafür steht bleibend das Kreuz Christi. Aber es gibt ein Leben im Angesicht des Kreuzes, das sich zu leben lohnt, weil das Licht von Ostern auf das Kreuz fällt. Es lohnt sich zu leben, weil es Menschen gibt, die einander vertrauen und gegenseitig füreinander da sind.



Erfahrungen des Geliebtwerdens und des Liebens geben dem Leben Hoffnung, machen Veränderungen möglich und schenken Kraft, Verantwortung zu übernehmen. Um dies zu erfahren, brauchen wir die christliche Gemeinschaft, die uns überragt, zu der wir dennoch gehören und gerade aus dem immer neuen Erinnern an die Geschichte Gottes mit den Menschen wachsen Mut zum Glauben, Freude am Leben und Bereitschaft, sich für Recht und Gerechtigkeit, Teilhabe vieler am gelingenden Leben und für den Frieden einzusetzen.



Im Musical lebt Melchior aus der Erinnerung an die Liebe von Wendla und Moritz weiter und singt gemeinsam mit anderen das „Lied des violetten Sommers“. Violett ist die Farbe des Verletztseins. Der Sommer steht dagegen für das Leben in voller Blüte. Die Mücken tanzen wie eh und je, die Grillen zirpen. Das Leben geht weiter, aber es ist trotz aller Schönheit und Lebendigkeit des Sommers auch beschädigt und verletzt. Deshalb ein violetter, nicht ein goldener Sommer. Dabei, dass das Leben weitergeht, als sei nichts geschehen, bleibt es nicht. Es gibt Hoffnung, die die Zäune tanzen und die Grenzen schwingen lässt.



So heißt es im Lied oder wie die Ostergeschichte erzählt: Die Frauen machen sich gemeinsam auf zum Grab und erfahren durch den Jüngling im weißen Gewand von einer Grenzen überwindenden Botschaft „Er ist auferstanden. Er ist nicht hier.“ (Mk 16, 6). Diese Kommunikation zwischen Gott und den Menschen gelingt bis heute, weil die Frauen nach ihrem Entsetzen über das leere Grab begreifen, dass Jesus Christus lebt. Damit wird allen Menschen die Hoffnung auf ein Leben gegeben, in dem „Gott abwischen wird alle Tränen von ihren Augen und der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz“ (Off 21, 4). Am Ende der Geschichte Jesu Christi, die ein neuer Anfang ist, steht das Wunder der Auferstehung.



Leben, auch wenn das Kreuz in dieser Welt steht, kann gelingen in der Gemeinschaft mit Gott und den Menschen, mit der Bereitschaft, sich zu engagieren und in der Hoffnung, dass das Leben stärker ist als der Tod.





© Evangelische Zeitung, Knochenhauerstr. 38/40, 30169 Hannover



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