Palmenwipfel zwischen Backsteinsäulen

Nachricht 03. April 2009

Künstler und Landschaftsarchitekten bauen in der Christus-Kirche einen "Garten Eden" auf

Hannover (epd). Mit Parks und Grünanlagen kennt er sich aus, aber ans Paradies hat sich Ingo Schmidt noch nie gewagt. Schon gar nicht, wenn es zwischen den hohen Backsteinsäulen einer neugotischen Kirche liegt. "Das ist das Speziellste, was ich jemals gemacht habe", erzählt der 46-jährige Landschaftsarchitekt. Gemeinsam mit Kollegen und Künstlern baut er in der hannoverschen Christuskirche derzeit einen "Garten Eden" auf. In den Seiten und Ecken des altehrwürdigen Gemäuers aus dem Jahr 1864 hat er Beete angelegt und Dutzende von Palmen, Sträuchern, Apfelsinenbäumen und Bananenstauden in riesigen Pflanztöpfen hineingesetzt, die das Kirchenschiff in eine Art Dschungel verwandeln. Am Ostersonntag soll das begehbare Kunstwerk in der abgedunkelten Kirche am Rand der Innenstadt eröffnet werden.



Die Garten-Eden-Kirche, die vom 12. April bis zum 4. Oktober ihre Pforten öffnet, ist das zentrale Projekt der evangelischen Kirche zum Projekt "Gartenregion" in Hannover und Umgebung. Damit will sich die Region mit ihren weltbekannten Herrenhäuser Gärten, Europas größtem Stadtwald Eilenriede und ihrem modernen Erlebnis-Zoo als Region der Gärten präsentieren. Und die Kirche zieht mit: "Das Paradies ist etwas, das alle Religionen haben, eine Urgeschichte der Menschheit", sagt Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann. Es erinnere die Menschen an die Sehnsucht nach der Einheit mit der Schöpfung und nach einer Welt ohne Krieg und Gewalt.



Eine heile Welt will die Kirche jedoch nicht vorgaukeln. Deshalb ist mitten im leer geräumten Kirchenschiff ein riesiger Kokon aus halbdurchsichtigem Gaze-Gewebe mit Platz für 200 Menschen aufgespannt. Ingo Schmidt und seine Künstler-Kollegen Anne Nissen (42) und Steffen König (42) nennen ihn "Raum der Wandlung". Hier sollen die Besucher zur Ruhe kommen und zu sich selbst finden. Durch das Gewebe hindurch sehen sie die Palmen und das Kreuzrippengewölbe schimmern und sind doch getrennt von ihnen. Ein Brunnen als "Quelle des Lebens" und ein knorriger Olivenbaum geben Anstöße zur Meditation. "Die Menschen können hier Kraft schöpfen und dann wieder hinaus in die Welt gehen, um dort etwas zu bewegen", sagt Spieckermann.



Von innen sieht der Kokon zunächst so aus wie ein großes Iglu-Zelt, doch Steffen König weist diesen Eindruck zurück: "Wir haben uns das von den Schmetterlingen abgeschaut." Wie in einem echten Kokon solle sich darin etwas entwickeln. Tausend Quadratmeter Gaze mit einem Gewicht von 70 Kilo haben die Künstler dafür zusammengenäht. Für das Gerippe haben sie 700 Meter Aluminium-Stangen nach einem ausgeklügelten System zusammengesteckt. Und das alles in wochenlanger eigener Handarbeit: "Das ist ein zentrales Werk, da können wir niemand anderes ran lassen", sagt König.



Allein das Aufbringen der Gaze war eine logistische Meisterleistung: Das Gewebe wurde vorher in einer Turnhalle ausgelegt und nach einem genauen Plan gefaltet. "Der Weg zum Paradies ist hart", schmunzelt Ingo Schmidt. Und weil das Paradies in Deutschland liegt, musste dafür zuvor ein Bauantrag gestellt werden. Techniker hängen Gewichte an die Stangen und prüfen so, ob der Kokon belastbar ist. Ohne Technik kommen auch die Paradies- Künstler nicht aus: Durch Video-Beamer in 15 Metern Höhe projizieren sie Lichtspiele mit Blumenelementen auf die Gaze-Hülle. Und aus Brunnen zwischen den Palmen und Sträuchern soll Nebel aufsteigen, in dem sich Gesichter abzeichnen.



Zur Weltausstellung Expo 2000 wurde in Hannover schon einmal eine Kirche bepflanzt. "Das war ein Magnet ersten Ranges", erinnert sich Spieckermann. Im Unterschied zu damals beteiligen sich heute Künstler an dem Projekt, die bei einem Wettbewerb ausgewählt wurden. Rund 200.000 Euro lässt sich die Kirche das kosten, doch die Region Hannover und Sponsoren übernehmen den größten Teil davon. Spieckermann und die Künstler hoffen, dass die Menschen in der Kirche auf Entdeckungsreise gehen. Nur aus einer Ecke heraus lasse sich der Raum nicht erfassen, sagt Ingo Schmidt. Und ob es im Paradies Stühle gebe, sei ohnehin fraglich: "Die Menschen sollen sich bewegen."



www.sprengel-hannover.de

www.gartenregion.de





Michael Grau (epd)/ 3.4.2009 / epd-lnb mig mir

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