Zentralrat rügt Nähe der katholischen Kirche zu Pius-Bruderschaft - Ratsvorsitzender Huber sieht keine "antikatholischen Tendenzen"

Nachricht 05. Februar 2009

Hannover (epd). Die Kontroverse über den Umgang des Vatikans mit der ultrakonservativen Pius-Bruderschaft dauert an. Für die Forderung aus Rom, der umstrittene Holocaust-Leugner Richard Williamson müsse seine Aussagen widerrufen, gab es von Bischöfen und jüdischen Repräsentanten am Donnerstag Beifall. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, widersprach aber Klagen aus dem Vatikan, dass es in Deutschland "antikatholische Tendenzen" gebe. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner verteidigte die umstrittene Rehabilitierung von vier traditionalistischen Bischöfen.



Bischof Huber empfindet die Annäherung des Vatikans an die Pius-Bruderschaft als "Belastung für die Ökumene". Die "dramatischen" Äußerungen von Bischof Williamson zum Holocaust "sind nicht das einzige Problem", sagte er im Radiosender Bayern 2. Dass die Piusbrüder die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht in vollem Umfang anerkennen, sei "unvereinbar mit einem offenen ökumenischen Dialog", sagte Huber. Die erzkonservative Bruderschaft leugne das "Kirche sein" aller anderen Kirchen weit radikaler als dies in päpstlichen Äußerungen zuletzt geschehen, erläuterte er. Im Vatikan-Dekret werde eine Korrektur dieser Haltung jedoch nicht verlangt.



Huber lobte die Position der katholischen Bischöfe in Deutschland in der Auseinandersetzung. An ihrer klaren Haltung in der Verurteilung des Holocaust könne kein Zweifel bestehen. Zugleich äußerte der EKD-Ratsvorsitzende die Hoffnung, dass die von Christen und Juden in Deutschland begangene "Woche der Brüderlichkeit" im März wie geplant stattfinden werde.



Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, begrüßte die Widerrufs-Forderung des Vatikan an den Holocaust-Leugner Williamson. "Das ist der Anfang eines ersten Schrittes", sagte Graumann am Donnerstag im NDR Info-Radio. Allerdings sei ein Widerruf unter Druck wenig glaubwürdig, denn Williamson leugne den Holocaust seit mehr als 20 Jahren.



Das größere Problem sei die Nähe der katholischen Kirche zur erzkonservativen Pius-Bruderschaft. Diese Organisation sei reaktionär, fundamentalistisch und antisemitisch, sagte Graumann: "Diese Gruppe ist nicht nur gegen Juden, sondern genauso stark gegen Muslime und Homosexuelle."



Der Kölner Kardinal Meisner verteidigte die umstrittene Papst-Entscheidung zur Rehabilitierung als "kirchenrechtlichen Akt ohne jede politische Absicht". Durch "die unglaublich dummen und völlig indiskutablen Äußerungen" des britischen Bischofs Williamson sei es zu einer Verquickung gekommen, die viele nachvollziehbar irritiere und empöre, sagte er der Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln.



Der Fernsehmoderator Michel Friedman rief unterdessen die katholischen Christen auf, mit Protestaktionen ihren Unmut gegen die Wiederaufnahme der ultrakonservativen Pius-Bruderschaft auszudrücken. Durch die Rehabilitierung "aktiver Judenhasser" habe Benedikt XVI. "so viel Schuld auf sich geladen wie schon lange kein Papst" mehr, sagte der frühere Vizepräsident des Zentralrats der Juden am Mittwochabend in Mainz. "Ich würde gerne den Basisdruck in der katholischen Kirche sehen", fügte er hinzu.



Der Publizist Günther Bernd Ginzel empfahl der katholischen Kirche und den Juden, den Konflikt über die Rehabilitierung des Holocaust-Leugners Williamson auszudiskutieren. Der Streit dürfe nach der Widerrufsforderung durch den Vatikan nicht sofort zu den Akten gelegt werden, sagte der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Christen und Juden beim Deutschen Evangelischen Kirchentag im Deutschlandradio Kultur. Er gehe davon aus, dass es in der katholischen Kirche kleine Gruppierungen gebe, "die das Rad zurückdrehen wollen". Der Pius-Bruderschaft warf Ginzel vor, rückwärtsgewandt und eigensüchtig zu sein.



epd/epd-lnb bas mir/ 5.2.2009

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