Nach erneuter Holocaust-Leugnung wächst der Druck auf den Vatikan

Nachricht 31. Januar 2009

Rom/Braunschweig/München (epd). Nach einem weiteren Fall der Leugnung des Holocaust durch einen traditionalistischen Priester wächst der Druck auf den Vatikan. Die Präsidentin des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, sagte am Freitag in München, vom Vatikan erwarte sie in dieser Auseinandersetzung ein klares Signal. Der Vatikan reagierte unterdessen mit scharfer Kritik auf den neuen Fall.

Der lutherische Bischof Friedrich Weber (Braunschweig) stellte klar, christlicher Glaube und Judenfeindschaft schlössen einander aus. Nach Ansicht des katholischen Theologen Hans Küng reichen die bisherigen Reaktionen des Papstes auf die Kritik an der Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der ultrakonservativen Pius-Bruderschaft nicht aus.

Papst Benedikt XVI. hatte am Wochenende die Exkommunikation von vier Bischöfen der ultrakonservativen Pius-Bruderschaft aufgehoben. Zu ihnen gehört der Brite Richard Williamson, der die Existenz von Gaskammern und den millionenfachen Mord an Juden leugnet. Diese Entscheidung hatte zu Empörung in der jüdischen Welt geführt.

Die Gaskammern hätten der "Desinfektion" gedient, sagte der Priester Floriano Abrahamowicz der Tageszeitung "Corriere della Sera" (Freitagsausgabe) zufolge. "Das ist das einzig Sichere, ich könnte nicht sagen, ob sie auch zu Toten geführt haben", so der Priester, der nach eigenen Angaben jüdische Vorfahren hat. Die Zahl von sechs Millionen getöteten Juden sei "symbolisch". Der Begriff Völkermord sei "immer eine Übertreibung", bei der "im Eifer des Gefechts irgendeine Zahl" genannt werde.

"Wer die Schoah leugnet, weiß nichts von Gottes Mysterium", sagte Vatikansprecher Lombardi dem Sender Radio Vatikan. Es sei umso gravierender, wenn ein Priester oder ein Bischof den Holocaust leugne, unabhängig davon ob er Mitglied der katholischen Kirche sei oder nicht. Christen dürften die Erinnerung an die Judenvernichtung "weder meiden noch leugnen".

Bischof Weber, Catholica-Beauftragter der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, bezeichnete die Leugnung des Holocaust durch den Traditionalistenbischof Williamson als "Anfechtung für den jüdisch-christlichen Dialog". Er äußerte Verständnis für die Sorge der jüdischen Partner im christlich-jüdischen Dialog. Weber wertete es als positiv, dass die katholischen Bischöfe in Deutschland und der Papst unmissverständlich gegen das Leugnen der Ermordung der Juden Stellung bezogen hätten.

Auch Zentralratspräsidentin Knobloch reagierte positiv auf die Solidaritätsbekundung der katholischen Deutschen Bischofskonferenz mit der jüdischen Gemeinschaft und deren Kritik am Vorgehen des Vatikans. Die zögerliche Reaktion des Vatikan auf die Williamson-Äußerungen bestärke weitere Holocaust-Leugner in den Reihen der Piusbruderschaft darin, diese "ungeheuerliche Lüge" zu verbreiten, warnte sie. Als Überlebende des Holocaust und als Vertreterin der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland erwarte sie die notwendigen Konsequenzen, sagte Knobloch. Den Worten des Papstes sollten auch Taten folgen. Das sei unerlässlich für die Fortführung des christlich-jüdischen Dialogs.

Der Papst versuche, "die konservative Linie durchzusetzen", sagte Küng der RBB-Hörfunkwelle "radioeins". Der katholische Theologieprofessor kritisierte dabei auch die grundsätzliche Linie des Papstes. Benedikt XVI. habe keine kritischen Leute um sich: "Insofern kann er offenkundig nicht kalkulieren, was das bewirkt, wenn er einen Holocaust-Leugner aufnimmt und drei andere dazu, die nicht viel besser sind."

Als "Ärgernis und schwere Belastung unserer Arbeit" bezeichnen Professoren der Katholisch-theologischen Fakultät in Tübingen die Aufhebung der Exkommunikation. Wer sich um eine Kirche und eine Theologie bemühe, die im offenen Dialog mit der Welt und den Religionen, insbesondere dem Judentum, stehe, fühle sich vor den Kopf gestoßen, heißt es in einer am Freitag verbreiteten Erklärung.

Zur Aufhebung der Exkommunikation sagte Bischof Weber, dass es sich dabei um einen einseitigen Akt Roms ohne Vorbedingung handele. Von den vier Bischöfen sei kein Bekenntnis zum Zweiten Vatikanischen Konzil verlangt worden. "Der Wille zur Einheit ist offenbar so mächtig, dass der Papst bereit ist, eine menschenverachtende und nach unseren deutschen Maßstäben kriminelle Äußerung eines Bischofs in Kauf zu nehmen, selbst wenn er sich dann gleich wieder von dieser distanzieren muss."

Die Priesterbruderschaft St. Pius X. wurde 1970 von dem französischen Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991) gegründet. Die Bruderschaft lehnt die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils der 1960er Jahre ab. Dazu zählen die Anerkennung der Religionsfreiheit und der Dialog mit anderen Kirchen und Religionen.


epd/epd-lnb mir / 31.1.2009
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