In einer früheren Kirche in Hannover wurde Deutschlands größte liberale Synagoge eingeweiht / Landesbischöfin spricht Grußwort

Nachricht 25. Januar 2009

Hannover (epd). Zwei Tage vor dem Holocaust-Gedenktag (27. Januar) ist am Sonntag in Hannover Deutschlands größte liberale Synagoge in einer ausgedienten evangelischen Kirche ihrer Bestimmung übergeben worden. "Mit großer Freude und Dankbarkeit sehen wir, wie sich heute wieder jüdisches Leben in unserem Land entfaltet", sagte Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) bei der Einweihungsfeier vor rund 550 Gästen. "Der Landesregierung und mir persönlich ist es ein ganz wichtiges Anliegen, dass jüdisches Leben sich in Niedersachsen wieder fest verwurzelt." Das Gebäude war in den vergangenen beiden Jahren für rund 3,3 Millionen Euro zum jüdischen Gemeindezentrum "Etz Chaim" (Baum des Lebens) umgebaut worden.

Die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, nannte es einen "heiklen, mutigen Beschluss", die ehemalige Gustav-Adolf-Kirche aus dem Jahr 1968 zur Synagoge umzuwandeln: "Damit wurde ein neuer, lange undenkbarer Weg eingeschlagen." Der Umbau habe den Dialog zwischen Juden und Christen auf ungeahnte Weise neu belebt. "Beim Einzug der Thora-Rollen empfinden wir Freude und Stolz über das Wachsen und Blühen des Gemeindelebens", sagte Knobloch. Dennoch werde die Dankbarkeit auf immer verbunden bleiben mit der Trauer über die unzähligen Juden, die während der NS-Zeit von Deutschen qualvoll ermordet worden seien.

Auch die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann erinnerte an den Nationalsozialismus und die Reichspogromnacht von 1938: "Wir haben als Kirche Schuld auf uns geladen, als wir schweigend die Zerstörung der Synagogen hingenommen haben." Mehr als 70 Jahre später sei es für Christinnen und Christen ein Anlass zur Freude, dass eine Synagoge in einer früheren Kirche eingeweiht werde. Christen und Juden seien miteinander verbunden, weil Jesus ein Jude gewesen sei.

Käßmann hob hervor, dass die liberale jüdische Gemeinde von Anfang an das Gespräch mit den christlichen Gemeinden gesucht habe. "Natürlich schmerzt es eine Kirchengemeinde, ein Gotteshaus schließen zu müssen", sagte sie. Doch die Gustav-Adolf-Gemeinde habe den größten Schmerz überwunden. Sie sei nun Teil der Nachbargemeinde und höre dort ihre früheren Glocken.

Die hannoversche Gemeindevorsitzende Ingrid Wettberg sagte, das neue Zentrum solle ein offenes Haus sein, keine geschlossene Einrichtung nur für Juden: "Mit diesem schönen Gebäude hat das liberale Judentum in Niedersachsen nach den Zerstörungen des Nationalsozialismus wieder Fuß gefasst und eine neue Basis gewonnen." Der "Baum des Lebens" mit seinen vielen Ästen und Zweigen stehe symbolisch für die Gemeinde mit ihren mehr als 600 Mitgliedern aus 14 Nationen, sagte sie in Anspielung auf den Namen des Synagoge: "Die Mitglieder sollen sich hier geborgen fühlen wie unter einem großen Baum." Bei der Einweihung führte die Gemeinde zugleich ihren neuen Rabbiner Gabor Lengyel in sein Amt ein.

Es ist das zweite Mal in Deutschland, dass eine Kirche zur Synagoge wurde. In Bielefeld hatten Kirchenmitglieder 2007 drei Monate lang die Paul-Gerhardt-Kirche besetzt, um gegen den Verkauf des Gebäudes zu protestieren. Dort wurde im September 2008 eine Synagoge eingeweiht. In Hannover hätten dagegen Christen aus der Nachbarschaft positiv reagiert, sagte Wettberg. Das Land Niedersachsen beteiligte sich mit einer Million Euro an dem Umbau. Die Stadt und die Region Hannover gaben jeweils 500.000 Euro. Rund 1,3 Millionen Euro bringt die Gemeinde durch Spenden und Kredite selbst auf. Zu dem Zentrum gehören eine öffentliche jüdische Bibliothek, ein Saal mit Bühne, eine Beratungsstelle für Zuwanderer, ein Jugendzentrum, Büros, zwei Wohnungen, ein Café und ein Kindergarten.

Der Hildesheimer katholische Bischof Norbert Trelle sagte, dass auch in seinem Bistum viele Kirchen aus finanziellen Gründen geschlossen werden müssten. Nicht immer werde eine passende Nachnutzung gefunden. Manche Kirchen müssten abgerissen werden. "Ich bin mit meinen evangelischen Schwestern und Brüdern sehr froh darüber, dass es in diesen Räumen zu einer wirklich guten und zukunftsfähigen Nutzung kommen kann", sagte Trelle.

Ministerpräsident Wulff erinnerte daran, dass sich die Zahl der Juden in den vergangenen 20 Jahren durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion verfünfzehnfacht habe. 1990 seien es nur 600 gewesen, heute mehr als 9.000. Oft seien diese Menschen ihrer Tradition entfremdet gewesen. In den jüdischen Gemeinden könnten sie ihren Glauben neu entdecken. Die wachsende Zahl der Gläubigen benötige mehr Platz und neue Räume, sagte Wulff. Das Land und die Kommunen wollten ihnen dabei helfen. In Niedersachsen bestehen derzeit 16 jüdische Gemeinden, unter ihnen sieben liberale.

Die liberale Gemeinde in Hannover war 1995 mit 79 Mitgliedern aus der orthodox ausgerichteten Jüdischen Gemeinde Hannover heraus gegründet worden. Bundesweit gibt es 22 liberale jüdische Gemeinden mit rund 4.500 Mitgliedern. Ihr Kennzeichen ist die völlige Gleichberechtigung der Frau in allen religiösen Belangen im Unterschied zum orthodoxen Judentum. Insgesamt leben in Deutschland rund 200.000 Juden.


Die Liberale Jüdische Gemeinde Hannover im Internet: www.ljgh.de


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25.1.2009
Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen



Das Grußwort der Landesbischöfin zur Einweihung der Synagoge finden Sie am Ende der Seite zum Download.






Was ist „Liberales Judentum“?


Hannover (epd). Das liberale Judentum ist eine der drei Hauptrichtungen innerhalb des Judentums. Anders als im orthodoxen Judentum ist hier die Frau in allen religiösen Belangen gleichberechtigt. Im liberalen Judentum trägt jeder selbst die Verantwortung dafür, inwieweit er die überlieferten Regeln einhält. Die Tradition soll mit der heutigen Lebenssituation in Einklang gebracht werden. In Deutschland war die liberale Richtung bis zum Zweiten Weltkrieg in den jüdischen Einheitsgemeinden führend.

Heute sehen sich die 22 Gemeinden der 1997 gegründeten "Union progressiver Juden in Deutschland" in der Tradition des liberalen Judentums. Der Verband umfasst nach eigenen Angaben rund 4.500 Mitglieder. Weltweiter Dachverband der Liberalen ist die "World Union for Progressive Judaism" mit Sitz in Jerusalem. Sie ist mit rund 1,6 Millionen Mitgliedern in 46 Ländern nach eigenen Angaben die größte religiöse Organisation im Judentum. Stark vertreten ist sie vor allem in Großbritannien und den USA.

Die Wurzeln der Bewegung liegen in Deutschland: 1810 gründete der braunschweigische Kammeragent Israel Jacobson (1768-1828) im Harzstädtchen Seesen eine Synagoge mit Orgel und Chorgesang, die er "Tempel" nannte. Sie gilt als Keimzelle des liberalen Judentums. Beeinflusst vom protestantischen Gottesdienst, wurde zum Teil in deutscher Sprache gebetet und gepredigt. Die Reformen gingen einher mit der gesellschaftlichen Emanzipation der Juden in der napoleonischen Zeit.

Rabbiner wie Abraham Geiger (1810-1874) oder Leo Baeck (1873-1956) trieben den Aufbau einer Wissenschaft des Judentums voran. Auswanderer verbreiteten die Bewegung in der angelsächsischen Welt. Zwischen Liberalen und Orthodoxen steht die Bewegung des "Konservativen Judentums", die sich 1845 vom liberalen Judentum trennte, weil ihr die Reformen zu weit gingen.

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