Weihnachtsbotschaft der Landesbischöfin

Nachricht 23. Dezember 2008

Predigt von Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann am 24.12.2008 um 16.30 und 18.00 Uhr in der Marktkirche Hannover über die Weihnachtsgeschichte (Lukasevangelium, Kapitel 2,1-14)

Liebe Gemeinde,
lassen Sie uns einen frischen Blick wagen auf die gute alte Weihnachtsgeschichte, die heute Predigttext ist.

1. Schauen wir erst einmal auf das Inventar:

Da ist ganz klar der Stall. - ausgemalt wurde er in den wunderbarsten und wärmsten Farben – unter Ausschluss aller Gerüche übrigens. Unter meinen Weihnachtskarten dieses Jahr war eine mit einer Zeitungsanzeige: „Bethlehem: zu vermieten: Stall; Zentralheizung (Ochs +Esel), schöne Aussicht (Sternenhimmel), stimmungsvoll (Engelschor), frei ab 24.12."

Der Stall zeigt: Gott kommt nicht in eine perfekte Welt. Perfektion, alles richtig, vorzeigbar, glanzvoll - das ist doch gar keine realistische Erwartung an unser Leben. Ich finde so wun-derbar am Stall, dass gar nichts perfekt ist. Aber Vertrauen, dass Miteinander gelingt, Zunei-gung zueinander, das ist entscheidend, wenn wir das Leben im Licht Gottes sehen.

Sie hatten keinen anderen Raum in der Herberge als eine Krippe, um das Kind hineinzulegen, nur das erzählt das Lukasevangelium. Von einem Stall ist gar keine Rede. Aber wenn die Menschen an eine Futterkrippe denken, dann gehört halt ein Stall dazu.

So ist es auch mit der Krippe, die Maria als Bett für das Neugeborene hatte. Das griechische Wort für Krippe meint einfach eine „Vertiefung“ In der lateinischen Übersetzung wird ein Wort verwendet, das etwa mit „geflochtener Futtertrog“ übersetzt werden kann. Das deutsche Wort Krippe, von „Krebe“ abgeleitet, bedeutet „Flechtwerk“.


Das Kind in der Krippe wird im frühen Christentum aber nicht durch die Präsenz von Maria und Josef zum Christkind, sondern durch die Anwesenheit von Ochs und Esel. Bei den ältesten Krippendarstellungen fehlt anfangs selbst Maria.

Ochs und Esel, gehören zur „Grundausstattung” jeder Krippendarstellung. Das Lukasevan-gelium aber weiß davon gar nichts. Wie kam es dazu?

Bei Jesaja 1,3 heißt es: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe des Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht.” Die Christen haben diese Textstelle des Alten Testamentes auf Jesus bezogen. Ochse und Esel stehen in der Tradition für Juden und Heiden, die beide gleichberechtigt berufen sind, Volk Gottes zu sein. Die Völker der Welt sind von Anfang an symbolisch anwesend. Der Esel als Tier der Demut ist gleichzeitig Metapher für Jesus Christus, der sich als Gott so klein macht. Der Ochse als das alttestamentliche Opfertier verweist auf den Opfertod Jesu am Kreuz. Ochs und Esel werden oft so dargestellt, dass sie Jesus mit ihrem Atem zu wärmen scheinen. Ihr Atem kreuzt sich - und wieder ergibt sich der Hinweis auf das Kreuz.

Nun haben wir den Ort etwas ernüchtert kennen gelernt. Eine Herberge, in der eine Frau ein Kind zur Welt bringt und in ein Körbchen legt. Wahrhaftig nichts besonderes, das passiert täg-lich. Aber weil wir glauben, dass dieses Kind ein besonderes ist, wird die Herberge in der Erinnerung der Menschen ein so besonderer Ort. Wir glauben, dass dieses Kind als erwachsener Mann stirbt, aber nicht im Tod bleibt. Wir glauben, dass an ihm deutlich wird: Gott liebt diese Welt und es gibt ein Leben nach dem Sterben. Dieser Glaube verändert den Blick völlig. Da ist das dann nicht mehr irgendein Stall, in dem irgendein Kind zur Welt kommt. Der Glaube macht diesen Ort zu einem besonderen, an dem die Engel singen, Heil verkündigt wird, Menschen die Tiefe der Liebe wahrnehmen. Der Blick der Vernunft muss sagen: So what! Der Blick des Glaubens sagt: Gott wird Mensch – an so einem banalen Ort!

2. Werfen wir einen zweiten Blick auf die beteiligten Personen.

Lassen Sie uns zuerst über Josef sprechen. Das evangelische Magazin Chrismon hat ihm den ganzen Titel der Dezemberausgabe gewidmet unter der Überschrift: „Beste Nebenrolle“. Es ist ein spannender Blick auf Josef, den Mann im Schatten, den großen Schweiger, der seine Pflicht tut. Der Vater, der dieses auffällige Kind schützt und begleitet, auch wenn er von dem Sohn später oft derb zurückgewiesen wird. Ein Mann aus guter Familie, Nachfahre des Königs David, der ein angesehenes Handwerk betrieb. Insofern war Josef eine „gute Partie“ für Maria. Und der mild aussehende Greis, als der Josef in den meisten Krippenszenen dargestellt wird, eine Art „Schattenmann“, ist Josef gewiss auch nicht. Warum soll er alt gewesen sein? War Maria 16 vielleicht, so mag er 18 oder 20 gewesen sein.

Das verändert den Blick. Als geschickter Handwerker hat er die Herberge möglicherweise in Windeseile angemessen hergerichtet. Vielleicht war er es auch, der die Krippe aus ein paar Holzresten angefertigt hat. Josef ist der stille Held der ganzen Geschichte! Bei der Geburt war er offenbar dabei, ganz modern, das machen Väter bei uns erst seit wenigen Jahren. Schließlich rettet er Mutter und Kind auch auf der Flucht nach Ägypten. In der Bibel aber taucht er ab, wir hören nur noch einmal von ihm, als „die Eltern“ den Sohn suchen. Und wir erfahren, dass Maria und er weitere Kinder hatten, weil von den „Geschwistern Jesu“ die Rede ist. Josef ist auf den zweiten Blick tatkräftiger Ehemann und Vater, bodenständiger Handwerker, neuer Vater, mutiger Retter auf der Flucht.

Und Maria? Als sanftmütige Übermutter wird sie meist dargestellt. Dabei hat sie ziemlich heftig von Umsturz gesungen im Lukasevangelium. „Die Gewaltigen“ sollte Gott vom Thron stürzen! Selbstbewusst erscheint sie da, sie fühlt sich von Gott auserwählt. Und sie ringt später mit ihrem Sohn, geht ihm nach, will ihn aus seiner schlechten Gesellschaft holen, so sieht sie es. Zur Verstärkung nimmt sie seine Geschwister mit. Eine ganz normale Mutter also, die um ihren Sohn ringt.

Maria bringt für mich immer eine große Ruhe in die Szene. Sie bewegt die Worte im Herzen. „Symballein“ steht da im Griechischen, sie setzt sie zusammen, sie singt wie im Weihnachtsoratorium so wunderbar vertont ein Wiegenlied mitten in all dem Gedränge und versucht, ihr Leben ins Lot zu bringen, aus dem Blickwinkel Gottes zu sehen.

Die Hirten waren Hilfsarbeiter. Sie standen in der Skala der möglichen Arbeitsplätze ganz unten. Ich weiß nicht, welche junge Familie eine ganze Truppe von ihnen gern überraschend zu Besuch hätte. Warum nur machen Sie sich auf den Weg? Erwachsene Männer, die Engel singen hören? Wenn jemand im Job-Center sagen würde, Engel hätten ihm Heil verkündet, würde wahrscheinlich über die Finanzierung einer Therapie nachgedacht.

Schließlich die Engel. Sie geben der ganzen Szene himmlischen Glanz. Sie sind Ausdruck des Jubels, der Freude, der Wahrnehmung, dass hier etwas ganz Besonderes geschehen ist. Ich finde gut, dass auch sie, die Glorreichen, die Lichtgestalten ihren Platz an der Krippe haben. Auch die Glücklichen, die Erfolgreichen können dort stehen. Weil sie so ihr Leben einordnen, das Lob Gottes singen und nicht das Hohelied des Eigenlobes.

Die Gestalten dieser Geschichte teilen eine wunderbare Eigenschaft: Sie lassen sich ein auf Überraschendes in ihrem Leben. Sie wagen selbst den anderen Blick. Es könnte sein, dass Gott etwas mit mir vorhat im Leben, was ich selbst mir gar nicht vorstellen kann. Ich bin tatsächlich gemeint. Bei mir kann sich etwas ändern, wenn ich mich Gott anvertraue. Mein Leben macht Sinn, weil Gott mir Sinn zusagt, weil Engel rufen: Fürchte dich nicht!

3. Der dritte Blick gilt nun uns heute Abend hier in dieser Kirche.

Wir sind eine friedliche Gemeinschaft von Menschen, die miteinander singen und beten. Ja gut, vielleicht gab es etwas Geschubse und Gedränge am Eingang. Vielleicht riecht die Dame neben mir etwas zu stark nach Parfüm. Vielleicht ist mir der Nachbar nicht so ganz an-genehm in dieser Enge. Aber auf einen Außenstehenden wirken wir auf den ersten Blick wie eine friedliche Gemeinschaft, die ihren Glauben feiert.

Und das ist auch gut so! Mir ist wichtig, dass unsere Religion von Gemeinschaft lebt. Über alle Konflikte hinweg gehören wir zusammen. Miteinander feiern wir. Wir reihen uns heute Abend ein in das Lob Gottes, das zwei Milliarden Christinnen und Christen in aller Welt anstimmen. Da geht es nicht um Sitzplatzverteilung! Jeder Mensch ist willkommen in Gottes Haus in der Heiligen Nacht. Jemand muss die biblische Botschaft arg missverstanden haben, wenn er meint, wir könnten irgendwen ausschließen. Jesus hat immer alle eingeladen, gerade das hat ihn ausgezeichnet.

Auf den zweiten Blick sind wir auch Einzelne mit unserer Freude und mit unseren Belastungen. Ich weiß, viele sind heute Abend auch hier mit ihren Ängsten und Sorgen.
Mich hat in diesem Jahr eine Email sehr berührt, in der ein Mann schrieb, er sei vor einigen Jahren nach der Trennung von seiner Frau und dem Umzug aus Süddeutschland nach Hannover in diesen Gottesdienst gekommen. Am Eingang habe er gedacht, das sei ein großer Fehler gewesen. Da waren so viele glückliche Familien um ihn herum, dass er sich schrecklich einsam fühlte. Aber dann, beim Anstimmen der Lieder, beim miteinander hören und beten habe er Gemeinschaft erlebt, sich aufgenommen gefühlt und konnte gut nach Hause gehen und allein sein an dem Abend ohne einsam zu sein.

Das ist mir wichtig, wie immer wir gestimmt sind heute Abend, was immer uns bewegt, freut, rührt oder auch belastet – genau so können wir vor der Krippe stehen. Wir sind nicht auf Rollen festgelegt, so wenig wie wir Josef, Maria und die Hirten festlegen können. Unser Leben kann immer einen zweiten Blick vertragen wie die Krippe, der Stall und Ochs und Esel. Wir kommen mit all unserer Hoffnung zur Krippe, auch anders sein zu können. Und Gott weiß um den zweiten Blick, sieht tief in unser Herz, erkennt, was in uns liegt an Sehnsucht und an Möglichkeiten.

Das gilt auch für die große Krise. Schon ist das Krisenjahr 2009 ausgerufen, Arbeitsplatzabbau droht, Konjunktureinbruch, weniger Autos werden verkauft werden. Ein vorweihnachtli-ches Interview ist mir besonders in Erinnerung, in der ein Journalistin nicht aufhörte zu fragen, wie ich die Krise denn erlebe, was ich den von der Krise gebeutelten Menschen denn sage, was wir denn nun machen in der Krise. Offen gestanden, ich hatte etwas Mühe, die Contenance zu wahren. Angekündigte Krisen sind merkwürdig finde ich. Ja, ich weiß, viele haben Angst. Aber wir können nicht nur mit Angst leben, wir brauchen Hoffnung, Vertrauen und Zuversicht gegen die Angst.

Krisen gehören zum Leben. Das griechische Wort kritein bedeutet unterscheiden. Das würde mir auf den zweiten Blick in der Tat gut gefallen: Wir lernen im kommenden Jahr zu unterscheiden zwischen wichtig und unwichtig etwa. Fernsehen, Geld und Lottozahlen sind weniger wichtig als Glaube, Liebe, Hoffnung. Schnelle Rendite ist nicht so interessant wie Einstehen füreinander. Wachstum ist kein Gott, den ich anbete, sondern ein nachhaltiger Lebensstil. Und Gottvertrauen ist wichtiger als Geld. Miteinander bringt mehr als Egomanie. Sogar bei den Geschenken ist die ja schon ausgebrochen. Sonntag war in der Zeitung zu lesen, wir mutierten nun zu Ego-Shoppern. Bitte nicht: wir schenken, um uns zu freuen aneinander, über das Gottesgeschenk Jesus.

Ja, es gibt Krisen in unserem Leben, schon heute und vielleicht morgen, etwa, wenn wir um unseren Arbeitsplatz fürchten müssen. Aber heute dürfen wir uns auch freuen, hier in dieser Kirche, heute an unserem Leben, am Zusammensein, am Miteinander singen und beten. Beten wir für Frieden in der Welt, geben wir Brot für die Welt, damit der Hunger ein Ende hat und bitten wir Gott um Kraft, mit den Krisen unseres Lebens und den Krisen unserer Erde angemessen umgehen zu können, wenn sie uns erreichen. Mich ermutigt der Gedanke, dass Gott uns die Kraft zur Bewältigung von Krisen nicht im Voraus gibt, weil wir sonst hochmütig werden. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott uns mitten in der Krise die Kraft gibt, damit umzugehen, wenn wir Gott darum bitten.

Welchen Blick haben wir auf die Welt, auf unser Leben? Ist unser Blickwinkel rein negativ? Oder gehen wir mutig auf die Probleme unserer Beziehung zu, sie sind ja Teil unseres Lebens. Legen wir die Frage, ob das Studium mich zu einem Arbeitsplatz führt, voll Gottvertrauen in die Zukunft. Sprechen wir über die Angst, allein zu sein. Sehen wir das Leben als Geschenk aus Gottes Hand: du wirst mich Wege führen, auf denen ich gehen kann. Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand…

Eine Frau, die ich seit vielen Jahren gut kannte, ist in der Adventszeit in diesem Jahr gestorben. Ich war fassungslos, bestürzt, von ihrer Krankheit, die so schnell zum Ende geführt hatte. Besonders gerührt hat mich die Danksagung ihres Ehemannes. Auf der Vorderseite stand ein Gedicht von Rose Ausländer:
Und Wiesen gibt es noch
Und Bäume
Und Sonnenuntergänge
Und Meer
Und Sterne
Und das Wort
Das Leid
Und Menschen
Und
Ja, das ist eine andere Sicht der Dinge. Aus diesem Blickwinkel leben wir unser Leben von Ostern her. Erst so sehen wir Weihnachten im gesamten Licht. Es gibt Leid im Leben, Gründonnerstag, Karfreitag wird es in dieser Welt immer geben, aber weil die Hoffnung auf Ostern da ist, ein Leben, das mehr ist, als wir sehen und erleben, erkennen wir unser eigenes Leben mit neuem Blick.

Liebe Gemeinde, ich wünsche Ihnen, dass Sie ihr Leben in dieses Licht stellen können. Unser Leben sieht anders aus, wenn wir es aus dem Blickwinkel Gottes betrachten. Es ist eine andere Perspektive als die von Geld, Gier, Gesetzlichkeit. Es geht um Freiheit, inneren Frieden, Freude am Leben! Wir können rational handeln, klar denken, souverän entscheiden. Aber das ist nur die halbe Sicht. Liebe, Freundschaft, Zuwendung lassen sich nicht kaufen. Aber sie tragen uns und wirken langfristig. Das klingt zu uns auch aus der Weihnachtsgeschichte. Und so geben wir den Ruf der Engel weiter: Fürchte dich nicht!
Amen.

Kontakt: landesbischoefin@evlka.de