Weihnachtsbotschaft des Landessuperintendenten aus Lüneburg

Nachricht 23. Dezember 2008

Predigt von Landessuperintendent Hans-Hermann Jantzen in der Christvesper am 24.12. um 16.30 Uhr in der St. Johanniskirche Lüneburg über die Weihnachtsgeschichte (Lukasevangelium, Kapitel 2, 1-14)

Liebe Gemeinde,
kurz vor Weihnachten in einem evangelischen Kindergarten; Verkehrserziehung ist angesagt. Der eingeladene Polizist ist freundlich-weihnachtlich gestimmt und stellt sich den Kindern mit Blick auf die Krippenfiguren vor: „Ich heiße so, wie der Mann, der da an der Krippe steht.“ Ein kleiner Junge protestiert energisch: „Das weiß ich ganz genau: in Bethlehem war kein Polizist dabei!“
„Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa aus der Stadt Nazareth in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war.“

Nein, Polizist war Josef nicht; aber sicherlich ein guter Schutz und Begleiter für seine hochschwangere Frau auf den unwegsamen Pfaden durchs judäische Bergland. Josef, der Zimmermann. Handfest und mit Sinn für das Praktische. Der die Ruhe bewahrt und die Übersicht behält in all dem Durcheinander. Der verlässliche Rahmenbedingungen schafft für das, was in dieser Nacht passiert. Ich stelle mir vor, wie er mit den Wirtsleuten verhandelt, um wenigstens einen warmen Platz für sich und seine Frau zu haben; wie er ihr ein Lager zurecht macht, vielleicht ein Laken über das Stroh breitet; wie er ins Gasthaus läuft, heißes Wasser und Seife holt und Maria tatkräftig zur Seite steht, als das Kind kommt.

Wir tun Josef Unrecht, wenn wir ihn lediglich zu einer Beistellfigur machen. Manchmal sind wir so sehr auf Maria und das Kind fixiert, dass Josef fast verschwindet. Auch in unserm Evangelischen Ge-sangbuch kommt Josef nur ein einziges Mal vor: „Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh, Maria und Josef betrachten es froh.“ Maria dagegen wird etwa 20mal besungen.

Nein, Josef ist alles andere als eine Randfigur. Über ihn läuft schließlich auch die königliche Abstammung Jesu: „...weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,“ merkt Lukas an. Noch deutlicher bringt Matthäus das zum Ausdruck, wenn er am Anfang seines Evangeliums den Stammbaum Jesu aufzählt von Abraham über David bis zu Josef. Jesus, der Sohn Davids: das macht nur Sinn, wenn er zugleich auch Sohn Josefs ist.

Offenbar hatten die Evangelisten noch keine Schwierigkeiten, beides zusammenzudenken: Jesus als leiblicher Sohn von Maria und Josef – und zugleich in einem heilsgeschichtlichen, geistlichen Sinn Sohn Gottes. Zu einem sich ausschließenden Gegensatz ist das erst später geworden: entweder – oder... So wurde aus der jungen Frau die Jungfrau Maria, aus der Mutter Jesu die Gottesmutter, die Himmelskönigin. Und Josef konnte abtreten.
Wir sollten Josef seinen angestammten Platz zurückgeben, als Mann und als Vater. „Gott wird Mensch“ – wenn wir diese zentrale Botschaft von Weihnachten ernst nehmen, können wir auf Josef nicht verzichten. Denn zum Menschsein gehört nun einmal, geboren werden und Eltern haben, Vater und Mutter.

Es geht mir allerdings nicht darum, für einen Abend im Jahr „heile Familie“ zu spielen. Ich weiß: in manchen Häusern gibt es deswegen alle Jahre wieder Streit. Da mag es uns trösten, dass auch die „Heilige Familie“ keine heile Familie ist. Schon die Schwangerschaft bereitet Josef Kopfzerbrechen. Für einen Augenblick denkt er an Flucht. Aber er steht zu seiner Frau und übernimmt Verantwortung für das Kind. Später schüttelt er oft den Kopf über seinen Ältesten. Er kommt nicht damit klar, dass er mit allen Konventionen bricht und die Beziehung zu Gott, die Gemeinschaft der Gottesfreundinnen und –freunde über die Familienbande stellt. Josef hat lernen müssen, seinen Sohn an Gott abzugeben – und ist trotzdem sein irdischer Vater geblieben.

Als vollwertiges Mitglied der Heiligen Familie erinnert Josef mich an meine Verantwortung in dem Beziehungsgeflecht zwischen Gott und den Menschen; zwischen Gott und mir, meiner Familie und den vielen anderen Menschen, mit denen ich zusammenlebe. Wo und wie berührt mich das, dass Gott in dem Menschenkind in der Krippe zur Welt gekommen ist? Was bedeutet das für meinen Umgang mit den Menschenkindern?

„Gott in der Krippe“, so heißt eine Arbeitshilfe für die religionspädagogische Arbeit in evangelischen Kinderkrippen. Mir gefällt dieser doppeldeutige Titel. Weil Gott sich selber klein und verletzlich gemacht hat, legt er uns die Kleinen besonders ans Herz. Es ist gut, dass viele Kirchengemeinden auf die politische Vorgabe reagiert und in ihrer Kindertagesstätte eine Krippe eingerichtet haben. Und es ist gut, dass die Landeskirche das Geld dafür zur Verfügung stellt. So übernehmen wir ein Stück weit die Rolle des Josef, indem wir mithelfen, dass unsere Kinder behütet und geborgen aufwachsen können.
„Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“

Aber die verlässlichen Rahmenbedingungen sind nur das eine. „Gott in der Krippe“ – diese Botschaft fordert uns auch heraus, schon den Kleinsten das grundlegende Lebensgefühl zu vermitteln: du bist von Gott gewollt! Gott sieht dich mit den Augen der Liebe an. Darum bist du unendlich wertvoll. Glaube, Hoffnung, Liebe: das ist keine Glaubenstheorie für Erwachsene. Das können schon Kleinkinder erleben und sinnlich wahrnehmen.

„Sinn und Geschmack für das Unendliche“, so hat der große Theologe Friedrich Schleiermacher einmal Religion definiert. In den Krippen und Kindertagesstätten wollen wir unsere Kinder auf diesen Geschmack bringen! Grundvertrauen und liebevolle Zuwendung; Lieder und Rituale und nicht zuletzt Geschichten gelingenden Lebens, wie sie die Bibel erzählt, sind Grundvoraussetzungen dafür, dass Kinder Zutrauen in das Leben fassen; dass sie zu selbstbewussten Menschen mit einer tragfähigen Werte-orientierung heranwachsen.

„Gott in der Krippe“: die armselige Behausung Gottes in der Welt richtet unseren Blick schließlich auf die gesellschaftlichen Verhält-nisse, unter denen Kinder oft besonders zu leiden haben. Gott kommt zur Welt, damit die Welt nicht zum Teufel geht! Wir können nicht die ganze Welt retten. Aber wir können Zeichen der Liebe und der Hoffnung setzen. Unsere Landeskirche tut das mit dem langfristig angelegten Programm

„Zukunft(s)gestalten – Kinderarmut hat viele Gesichter.“ Die Schulstarterpakete im vergangenen Sommer waren nur der Anfang. Der große Adventskranz auf dem Lüneburger Wasserturm ist ein weiteres Hoffnungszeichen: „Ein Licht für jedes Kind anzünden!“ Ich hoffe, ganz viele von Ihnen haben in der Adventszeit mit ihrem Telefonanruf ein Licht entzündet! Sonst haben Sie noch bis Neujahr Gelegenheit dazu. Die jungen Mütter und ihre Kinder, die von unserer diakonischen Einrichtung MaDonna betreut werden, werden es Ihnen ebenso danken wie die Straßenkinder in Tansania.

„Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ Josef und Maria, die Hirten und später die Weisen haben das Zeichen erkannt. Sie haben Gott in der Krippe, sie haben den Heiland der Welt gefunden. Was finden wir?

„Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.“ Ich bin dankbar, dass wir auch Josef an der Krippe finden; den Josef, der in dem weihnachtlichen Drama seinen Mann steht. Nicht nur wir Männer und besonders die Väter können uns an ihm orientieren. Josef spielt sich weder in den Vor-dergrund noch stiehlt er sich davon. Er weiß, was er kann, aber er kennt auch seine Grenzen. Er hält sich nicht selbst für Gottvater. Er übernimmt ganz selbstverständlich die Verantwortung, die ihm zufällt.

So tragen Typen wie Josef ihr Teil dazu bei, dass Gott zur Welt kommt. Damals in Bethlehem und heute bei uns.

Amen.

Kontakt: Hans-Hermann.Jantzen@evlka.de

Der Sprengel Lüneburg im Internet: www.sprengel-lueneburg.de