Heiligabend einmal anders

Nachricht 20. Dezember 2008

Kirchengemeinden laden Alleinstehende ein

Osnabrück/Hannover/Bremen (epd). Monika Golda ist 62 Jahre alt und lebt allein. Wenn Weihnachten vor der Tür steht, hat sie trotzdem viel tun. Denn sie bekommt Besuch. Nicht in den eigenen vier Wänden, sondern im Gemeindehaus der Lutherkirche in Osnabrück. Gemeinsam mit Waltrud Sieme (80) gestaltet sie den "Heiligabend für Alleinstehende": "Wir schmücken und decken die Tische, bekleben Joghurtbecher, die wir mit Süßigkeiten füllen, suchen Vorlese-Geschichten aus und kochen Punsch." Jahr für Jahr engagieren sich Ehrenamtliche in Kirchengemeinden vor allem der großen Städte und zunehmend auch auf dem Land, damit sich an Weihnachten niemand einsam fühlen muss.

Nach dem Festgottesdienst am Heiligen Abend steht das Gemeindehaus offen. Kommen kann jeder. Anmelden muss man sich nicht. Salate, Würstchen und Nachtisch spenden Gemeindemitglieder. "Meistens kommen etwa 30 Leute", sagt Waltrud Sieme. Die meisten sind 60 Jahre und älter. Aber auch einige Jüngere sind dabei. Und das ein oder andere Ehepaar, das nicht zu Hause vor dem Fernseher sitzen will. Es gibt Stammgäste, aber auch jedes Jahr neue Besucher: "Wir singen gemeinsam Weihnachtslieder, lesen und hören Geschichten, essen und klönen."

Viele der ehrenamtlichen Helfer organisieren die Feiern nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst, sagt Pastor Klaus Meyerbröker von der Diakonie Hannover: "Sie wollen Weihnachten nicht alleine oder einfach mal ganz anders feiern." In Hannover besteht die Tradition der "Weihnachtsstuben" seit 1962. Zehn gibt es mittlerweile über die ganze Stadt verteilt. Rund 500 Menschen haben sie im vergangenen Jahr besucht.

Zur größten Feier mit über 100 Gästen im Haus der Diakonie kommen seit einigen Jahren auch viele Obdachlose. In Osnabrück verbringt der katholische Bischof Franz-Josef Bode seit Jahren gemeinsam mit Wohnungslosen und Alleinstehenden den Heiligen Abend. Wenn es auch insgesamt eher darum gehe, der Einsamkeit zu entgehen, so "nimmt doch die Armutsproblematik zu", sagt Jutta Schulte von der Diakonie Hannover. In Bremen finanziert in diesem Jahr erstmals die Anneliese-Loose-Hartke-Stiftung in 15 Stadtteilen Weihnachtsfeiern. Stadtteilgruppen organisieren die Feste gemeinsam mit Kirchengemeinden, Bürgerhäusern und Begegnungsstätten.

In Syke, in der eher ländlich geprägten Umgebung südlich von Bremen, bietet die evangelische Gemeinde ebenfalls zum ersten Mal eine Feier am Heiligen Abend an. "Wir haben viele Anfragen bekommen und probieren das jetzt mal aus", sagt Pastorin Albertje van der Meer. Der Lüchower Propst Stephan Wichert-von Holten ist skeptisch angesichts der vielen Angebote für die "armen Einsamen". Er sagt: "Niemand möchte zu einem kläglichen Rest gehören, für den die anderen an Weihnachten eine Feier organisieren." Vor allem auf dem Lande kämen vorgefertigte Angebote oft nicht gut an.

Dabei gebe es mit dem Wegbrechen der Großfamilien immer mehr einsame alte Menschen in den Dörfern, viele von ihnen seien arm. "Aber sie haben keine Erfahrung damit, Weihnachten außerhalb der Familie zu verbringen oder sich etwas vorsetzen zu lassen", sagt Wichert von Holten, der bis vor rund einem Jahr Pastor beim Kirchlichen Dienst auf dem Lande in der hannoverschen Landeskirche war. Er möchte die Gemeinden ermuntern, Spaziergänge und Gemeindefeste an Weihnachten zu organisieren nach dem Motto: "Alle machen mit, dann sind auch alle dabei."

Wenn die Gäste verabschiedet sind, das Geschirr abgewaschen und der Gemeindesaal aufgeräumt ist, geht Monika Golda allein nach Hause. Sie freut sich auf die Ruhe in ihrer kleinen, weihnachtlich geschmückten Wohnung. "Ich packe dann die Geschenke aus, die mir meine Kinder geschickt haben." Wehmütig betrachtet sie ein Foto ihrer beiden kleinen Enkel. Sie wohnen einige hundert Kilometer entfernt in München. Für eine Zugfahrt dorthin muss sie lange sparen. "Aber am ersten Weihnachtstag rufen sie mich immer an", sagt sie und wischt sich mit einem Taschentuch über die Augen.

Martina Schwager/epd-lnb mas mir/19.12.2008
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