Die Logistik des Heiligen Abends

Nachricht 19. Dezember 2008

Viele Kirchen können den Besucheransturm kaum bewältigen

Hannover/Braunschweig/Celle (epd). Der Besucheransturm am Heiligen Abend stellt Kirchengemeinden oft vor logistische Herausforderungen. Im Braunschweiger Dom etwa versammeln sich in vier Gottesdiensten insgesamt mehr als 6.000 Besucher. In Hannover werden die Christvespern mit der evangelischen Bischöfin Margot Käßmann von Kameras aufgezeichnet und nach außen übertragen, weil die Marktkirche nur bis zu 1.700 Festgäste fasst. Und auch auf dem Land kommt Technik zum Einsatz, damit alle die Feiern miterleben können. So ist in Nienhagen bei Celle das Krippenspiel zugleich in der Kirche und auf Großleinwand in einem benachbarten ehemaligen Schafstall zu sehen. "Dort sitzen Kinder und Erwachsene teilweise auf Stroh und werden von zwei Kirchenvorstehern betreut", sagt Pastor Uwe Schmidt-Seffers.

Mehr als neun Millionen Menschen gehen laut Statistik der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Heiligen Abend in eine evangelische Kirche. Das sind fast 38 Prozent der Mitglieder und mehr als neun Mal so viele wie an einem Durchschnittssonntag. Weite Wege und Unbequemlichkeiten werden dabei in Kauf genommen. Die Zahlen stammen von 2006 und die Tendenz ist nach den Berechnungen noch steigend. "Das ist eine riesengroße Chance", sagt der Braunschweiger Domprediger Joachim Hempel.

Hempel hat in 15 Jahren am Dom reichlich Erfahrung gesammelt und weiß, "ohne gutes Management geht es nicht". Allein am Braunschweiger Krippenspiel wirken rund 300 Kinder und Jugendliche mit. Neben ehrenamtlichen Mitarbeitern helfen auch die Eltern beim Auf- und Abbau, damit eine Feier reibungslos auf die andere folgen kann. Auf dem Dorf in Nienhagen brennen vor dem Gottesdienst kleine Lagerfeuer vor der Kirche und an Wartende wird Gebäck verteilt. In der hannoverschen Marktkirche rät Pastorin Hanna Kreisel-Liebermann nach der ersten Vesper dazu, die Kirche durch die Seitentüren zu verlassen. Vor dem Hauptportal drängt sich bereits die nächste Festgemeinde.

Nicht nur in Hannover mussten Ordner aber schon erwartungsfreudige Besucher wieder wegschicken. "Uns liegt daran, dass sich möglichst viele Leute hier angenommen und nicht abgewiesen fühlen", betont Kreisel-Liebermann. Im vergangenen Jahr sahen sich deshalb erstmals rund 150 Menschen auf Leinwand die Gottesdienste mit Käßmann an. Auch auf dem Platz vor der Kirche wurden Liedzettel verteilt. Diesmal sollen die Feiern erneut nach außen übertragen werden, denn drinnen wird es noch enger. Für die Orgelrenovierung musste ein Seitenschiff gesperrt werden. Stehplätze und Besucher, die auf Altarstufen sitzen, gehören ohnehin zum Heiligen Abend. Ein Mitarbeiter mit Walkie-Talkie soll dirigieren, damit jeder freie Platz genutzt wird.

"Die Menschen haben große Erwartungen", sagt Domprediger Hempel. Die Musik und die besondere Atmosphäre der Kirchen tragen seiner Meinung nach zur Festtagsstimmung bei. Wichtig sei aber auch, was gesagt wird. In Braunschweig haben Hempel, Dompfarrer Christian Kohn und Landesbischof Friedrich Weber bereits miteinander über ihre Predigten geprochen. "Der biblische Appell 'Fürchtet Euch nicht' wird angesichts der Furcht, die sich in der Welt breitmacht, eine Rolle spielen", sagt Hempel.

Schelte für Weihnachtsgsgäste, die sich sonst nicht blicken lassen, gehöre an den meisten Orten längst der Vergangenheit an, sagt Kreisel-Liebermann. "Weihnachten ist nicht nur Konsum, und die Leute kommen hierher, weil sie genau das wissen." Die City-Kirchen in Braunschweig und Hannover haben auch an anderen Tagen wechselndes Publikum. Landpastor Schmidt-Seffers aber kennt die meisten, die am Heiligen Abend in die Kirche kommen, selbst wenn längst nicht alle regelmäßige Gottesdienstbesucher sind. Wie seine Frau, mit der er sich die Pfarrstelle teilt, ist er oft schon lange vor Beginn des Gottesdienstes bei den ersten Besuchern in der Kirche. "Hier entwickelt sich manches gute Gespräch", sagt er. Die Bescherung mit den eigenen zwei Kindern verschiebt das Ehepaar auf den ersten Weihnachtstag.

epd-lnb mir/16.12.2008/19.12.2008
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