Briefe zwischen Anpassung und Widerstand - Landeskirche legt Quellensammlung über Bischof August Marahrens vor

Nachricht 08. Dezember 2008

Hannover/Stade (epd). Eine neue Quellensammlung aus der hannoverschen Landeskirche beleuchtet die umstrittene Rolle des evangelischen Landesbischofs August Marahrens (1875-1950) während der NS-Zeit. "Marahrens war in seinem Verhalten grundsätzlich ambivalent", sagte der Kirchenhistoriker und Stader Superintendent Thomas Jan Kück am Montag vor Journalisten in Hannover. Auf der einen Seite habe der Bischof sich schützend vor die Pastoren gestellt und die Eigeninteressen der Kirche gegenüber dem Staat bewahrt. Auf der anderen Seite habe er Zugeständnisse an den NS-Staat gemacht und zum Gebet für Hitler aufgerufen.

Kück legte eine dreibändige Sammlung der "Wochenbriefe" des Bischofs vor. Von September 1934 bis April 1947 schrieb Marahrens wöchentlich Briefe an den größten Teil der damals rund 1.200 Pastoren. Darin kommentierte er die aktuelle "Lage der Kirche", schrieb Predigthilfen für den kommenden Sonntag und ging seelsorgerlich auf Zuschriften von Pastoren ein. "Aus der Sicht der Nationalsozialisten war er ein Gegner", sagte Kück. Marahrens sei bespitzelt worden und habe in einigen Ländern des Deutschen Reiches Predigtverbot gehabt.

1941 jedoch habe er ein Votum mit unterzeichnet, nach dem Christen jüdischer Herkunft nicht mehr am Gemeindeleben beteiligt werden sollten. Zeitgleich war vom Staat verordnet worden, dass Juden einen gelben Stern an der Kleidung tragen mussten. "Das ist der Tiefpunkt der hannoverschen Kirchengeschichte", sagte der Leiter des landeskirchlichen Archivs, Hans Otte. Nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 dankte Marahrens in einem Telegramm für die "gnädige Bewahrung des Führers" und unterzeichnete ein entsprechendes Fürbittgebet.

Im Umgang mit Pastoren jüdischer Herkunft habe der Bischof einerseits dafür gesorgt, dass die Betroffenen sich im Ausland in Sicherheit bringen konnten oder bis zum Ende des Krieges Unterschlupf fanden, erläuterte Otte. Andererseits habe er sich nicht darum gekümmert, dass sie nach dem Krieg wieder eine Pfarrstelle bekamen. Marahrens habe dazu beigetragen, das NS-Regime zu stabilisieren. Das Eigeninteresse der Kirche habe aber auch immer eine störende Funktion für den Staat gehabt.

Im Tonfall der Briefe wirke Marahrens mal seelsorgerlich, mal amtlich-hölzern, sagte Kück: "Mir persönlich ist Marahrens, obwohl ich mich intensiv mit ihm beschäftigt habe, fremd geblieben." So erwähne der Bischof in den Briefen nicht, dass sein Sohn Erich bereits am 3. September 1939 als einer der ersten Kriegstoten gefallen war. Stattdessen gebe er Parolen aus, man müsse jetzt stark und tapfer bleiben.

Der Abt des Klosters Loccum und frühere hannoversche Landesbischof Horst Hirschler sagte, die Briefe zeigten ein ein "durchwachsenes" Bild zwischen Anpassung und Widerstand. "Die Sammlung ermöglicht eine faire Diskussion, weil man die ganze Breite hat", resümierte Hirschler, der als einer der Amtsnachfolger von Marahrens ein Geleitwort geschrieben hat. "Er war ein Deutschnationaler, aber kein Nationalsozialist."

Marahrens war von 1925 bis 1947 Landesbischof in Hannover. Er lehnte die Nazi-treuen "Deutschen Christen" ab und stellte sich auf die Seite der "Bekennenden Kirche".

Literaturhinweis: Thomas Jan Kück (Hg.), Zur Lage der Kirche - Die Wochenbriefe von Landesbischof D. August Marahrens 1934-1947, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, 1.899 Seiten in drei Bänden, 99,00 Euro

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