Rund 180 ehemalige Heimkinder melden sich bei hannoverscher Diakonie

Nachricht 25. November 2008

Hannover (epd). Rund 180 ehemalige Heimkinder haben nach Angaben der Diakonie in den vergangenen beiden Monaten beim hannoverschen Diakonischen Werk angerufen und über ihre Gewalterfahrungen in den Heimen während der 50er und 60er Jahre berichtet. Mitte September war bekannt geworden, dass es auch in evangelischen Erziehungsheimen der hannoverschen Landeskirche in den Nachkriegsjahren zu schweren Misshandlungen bis hin zu sexuellem Missbrauch gekommen ist.

Die Erlebnisse der Betroffenen sollen in eine Studie zu "Gewalt und Unrecht in der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre" einfließen. Die Diakonie hat die Studie auf Anregung von Landesbischöfin Margot Käßmann in Auftrag gegeben. Diese soll bis zum Sommer 2009 ausgewertet werden. Die Opfer berichteten hier bisher unter anderem, dass es in den Heimen auch Vergewaltigungen gegeben habe. "Das muss aufgedeckt werden", forderte Käßmann: "Die Opfer müssen gehört und die Täter ermittelt werden."

Auch der Diakonie-Bundesverband hat nach eigenen Angaben eine unabhängige Studie über die konfessionelle Heimerziehung begonnen. Das Material dazu wird von der Ruhr-Universität Bochum bearbeitet.

An diesem Mittwoch will der Bundestag in Berlin über die Einrichtung eines runden Tisches beschließen. Neben den Betroffenen sollen auch Vertreter von Bund und Ländern, Kommunen, Kirchen und Wohlfahrtsverbänden daran teilnehmen. Aufgabe des Gremiums soll sein, die Geschehnisse aufzuarbeiten und Wege zur Wiedergutmachung aufzuzeigen, teilte der Petitionsausschuss des Bundestages mit, der sich seit zwei Jahren mit dem Thema befasst. Einen Entschädigungsfonds, wie ihn die Grünen im Bund gefordert haben, werde es aber vermutlich nicht geben.

Die hannoversche Diakonie richtete unter der Nummer 0511/3604-344 eine Hotline für Betroffene ein. Sie sollte zunächst nur für wenige Tage geschaltet bleiben, läuft aber aufgrund der starken Nachfrage aus ganz Deutschland immer noch, sagte Diakonie-Sprecher Bernd Prigge.

Die niedersächsische Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann (CDU) hat ehemalige Heimbewohner ebenfalls ermutigt, sich mit detaillierten Informationen über erlittene Misshandlungen an ihre Behörde zu wenden: "Das Leid der Betroffenen rechtfertigt auch ein halbes Jahrhundert später noch jede Anstrengung", sagte sie. Bisher haben sich einem Sprecher zufolge rund 100 Menschen mit Briefen, Mails und Anrufen im Ministerium gemeldet. Die niedersächsischen Grünen starteten unterdessen eine parlamentarische Initiative im Landtag zu den Misshandlungen. Sie wollen klären, in welcher Weise das Land mitverantwortlich ist.

epd-lnb mil mir
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