70. Jahrestag der November-Pogrome 1938: Neue Synagoge in Göttingen eingeweiht / Gemeinsame Erklärung / Besuch von Hanna

Nachricht 06. November 2008

Neue Synagoge in Göttingen eingeweiht

Göttingen (epd). 70 Jahre nach der Reichspogromnacht hat die Jüdische Gemeinde in Göttingen am Sonntag ihre neue Synagaoge eingeweiht. Die historische Fachwerk-Synagoge aus dem Jahr 1825 stammt aus dem rund 30 Kilometer entfernten Weserdorf Bodenfelde und entging 1938 als eine der wenigen Synagogen in Deutschland nur knapp der Zerstörung durch die Nationalsozialisten. Im August 2006 wurde das kleine Gebäude für 50 bis 60 Personen in Einzelteile zerlegt, nach Göttingen gebracht und dort auf einem Grundstück am Rand der Innenstadt originalgetreu wieder aufgebaut. Der Umzug der Synagoge ist nach Angaben der Gemeinde ein bundesweit einmaliges Projekt.

Rund 550 Gäste feierten das Ereignis mit einem Festakt in der Aula der Universität. Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann bezeichnete die Wiedereinweihung in einem schriftlichen Grußwort, das von der Osteroder Superintendentin Ilse Lontke verlesen wurde, als Zeichen der Hoffnung: "Dass 70 Jahre nach der Zerstörung der Synagogen heute wieder jüdisches Leben wächst, sehen wir als evangelische Kirche mit Freude und Dankbarkeit."

Käßmann blickte jedoch auch kritisch auf die Reichspogromnacht 1938 zurück: "Als Christen waren wir keine guten Nachbarn und haben versagt", erklärte sie. Die Kirche sei dankbar, dass nach dem Verbrechen des Holocaust heute wieder Begegnungen möglich seien. Die Kirchen übergaben der Jüdischen Gemeinde einen Gutschein über 10.000 Euro. Zudem wollen sie der Gemeinde eine besondere Torahrolle spendieren. Die Vorsitzende der Gemeinde, Jacqueline Jürgenliemk, nahm vom Architekten des Wiederaufbaus symbolisch den Schlüssel für die neue Synagoge in Empfang.

Gemeindeglieder und Festgäste zogen am Nachmittag vom Platz der alten, 1938 zerstörten Göttinger Synagoge am Rand der Innenstadt zur neuen Synagoge und übergaben dort die Torah-Rollen ihrer Bestimmung. Die Kosten für den Wiederaufbau des 64 Quadratmeter großen Gebäudes betragen rund 500.000 Euro. Der Göttinger Förderverein für ein Jüdisches Zentrum hatte dafür Spenden gesammelt. "Es erfüllt mich mit großer Dankbarkeit, dass wir dieses Vorhaben haben schultern können mit Hilfe der Göttinger Bevölkerung", sagte der stellvertretende Gemeindevorsitzende Harald Jüttner dem epd.

Die alte Bodenfelder Synagoge wurde 1937 an einen Landwirt verkauft, nachdem die dortigen Juden vor dem Nazi-Terror geflohen oder vertrieben worden waren. Als die Nazis in der Reichspogromnacht 1938 anrückten, schickte sie der neue Eigentümer wieder fort mit dem Hinweis, dies sei jetzt Privateigentum. Seit dieser Zeit wurde das Gebäude als Schuppen genutzt. Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Göttingen entdeckten die Synagoge vor mehr als zehn Jahren durch den Hinweis eines Lokalhistorikers und vereinbarten mit der Familie eine Option für den späteren Kauf.

Die liberal ausgerichtete Jüdische Gemeinde wurde 1994 wiederbelebt und hat zurzeit 170 Mitglieder. Der Förderverein hatte die Gemeinde bereits beim Kauf und der Renovierung des rund 3.000 Quadratmeter großen Grundstücks mit einem barocken Fachwerkhaus unterstützt. Das frühere evangelische Pfarrhaus von 1777 dient heute als jüdisches Gemeindezentrum. Allein rund 370.000 Euro dafür kamen von den Kirchen, rund 300.000 Euro aus staatlichen Mitteln.

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Anlässlich des 70. Jahrestages der November-Pogrome an der jüdischen Bevölkerung und den Synagogen haben die Vorsitzenden des Rates der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und der Deutschen Bischofskonferenz folgende Erklärung veröffentlicht:

Bischof Dr. Wolfgang Huber, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche
Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Mit Bestürzung und Trauer
Gemeinsame Erklärung zum 70. Jahrestag der November-Pogrome

Denk an deine Gemeinde, Gott, die du vorzeiten erworben!
Deine Widersacher lärmten an deiner heiligen Stätte,
stellten ihre Banner auf als Zeichen des Sieges.

Sie sagten in ihrem Herzen: "Wir zerstören alles."
Und sie verbrannten alle Gottesstätten ringsum im Land.
Wie lange, Gott, darf der Bedränger noch schmähen,
darf der Feind ewig deinen Namen lästern? (aus Psalm 74)

Der 9. November ist ein denkwürdiges Datum in der deutschen Geschichte. Im Jahre 1918 wurde an diesem Tag die Republik ausgerufen. Für uns Heutige ist vor allem der 9. November 1989 mit lebhaften Erinnerungen verbunden - der Tag, an dem die Berliner Mauer geöffnet und ein neues Kapitel der Freiheit und Einheit in Deutschland aufgeschlagen wurde. Im Jahr 2008 aber muss unser Blick sich in besonderer Weise auf die dunkelste Epoche unserer Geschichte richten.

Während die Jahrestage 1918 und 1989 deutsche und europäische Aufbrüche der Freiheit und des Rechts symbolisieren, steht der 9. November 1938 für Hass und Gewalt, für Niedertracht und das Erblinden des Gewissens. Er war ein Widerruf jener Freiheitsversprechen, mit denen die erste deutsche Republik einst angetreten war, und bedeutete für die deutschen Juden, dass sie keine sichere Heimstatt im eigenen Lande mehr besaßen.

In den November-Pogromen von 1938 wurden wehrlose Menschen gedemütigt, gepeinigt und ermordet, Gotteshäuser geschändet und zerstört. Die schrecklichen Bilder von brennenden Synagogen haben sich in unser Gedächtnis gebrannt. Sie lehren auch heute: Wo es keinen Respekt vor dem Heiligen und dem für den menschlichen Zugriff Unverfügbaren gibt, dort gibt es auch keinen Respekt vor den Menschen.

Die Pogrome waren nicht nur bewusst geplant, sondern ihnen gingen auch Jahre der propagandistischen und politischen Vorbereitung voraus - eine Zeit der offenen antisemitischen Hetze, der systematischen rechtlichen Ausgrenzung, menschenverachtenden Diskriminierung und Verfolgung. Die November-Pogrome waren zugleich der Auftakt zum Holocaust, zu einer Epoche ungeahnter Zerstörung und Vernichtung, an deren Folgen Europa, die Welt und vor allem die jüdische Gemeinschaft noch heute zu tragen haben.

Unzählige Menschen sind Opfer des Nationalsozialismus geworden. Anlässlich der Pogrome des Jahres 1938 richtet sich unser Gedenken besonders auf die Juden, deren systematische Verfolgung und Ermordung ein beispielloses Menschheitsverbrechen darstellen. Ihr Leiden, ihre Einsamkeit und ihre Verzweiflung angesichts einer Gewaltmaschinerie, die mit Demütigung und Entrechtung begann und mehr und mehr von absolutem Vernichtungswillen angetrieben wurde, erfüllen uns mit Bestürzung und Trauer.

Die offen zur Schau gestellte Gewalt des November 1938 fand in der deutschen Bevölkerung weniger Rückhalt als die rechtliche Diskriminierung, der die Juden seit 1933 ausgesetzt waren. Doch es gab viel schweigendes Zuschauen und achselzuckendes Hinnehmen. Neben den Schlägern, Brandschatzern und Marodeuren sowie jenen, die ihnen verdeckt oder gar offen lebhaften Beifall zollten, gab es nicht wenige, die der Anblick des staatlich verordneten Terrors irritierte; eine grundsätzliche Erschütterung des Vertrauens in den nationalsozialistischen Staat war damit allerdings meist nicht verbunden. Und es gab auch die - gerade auch in den christlichen Kirchen -, die die Gewalttaten entschieden ablehnten, jedoch in Furcht und einem Gefühl der Ohnmacht verharrten. Aber es war auch die Stunde jener Wenigen, die den Zerstörungen Einhalt gebieten wollten und den Bedrängten Unterschlupf gewährten.

Als Christen und Kirchen erinnern wir uns dankbar des katholischen Priesters und Berliner Dompropstes Bernhard Lichtenberg, der am Abend des 9. November 1938 öffentlich für die Juden und die nichtarischen Christen betete und dafür wegen volksfeindlicher Hetze angeklagt wurde. Seinen Weg an der Seite der Verfolgten hat er später mit dem Leben bezahlt. Ebenso berührt uns der Mut des evangelischen Pfarrers Helmut Gollwitzer, der in einer Predigt wenige Tage nach den Pogromen für die Verfolgten Stellung bezog und die Gemeinde in Berlin-Dahlem davon überzeugte, die Familienangehörigen inhaftierter Juden zu unterstützen. Das Zeugnis dieser und anderer Christen und Kirchenvertreter kann das Verzagen oder Versagen anderer nicht zudecken. Es erinnert uns immerhin daran, dass die Stimmen von Humanität und Nächstenliebe auch im Angesicht des schlimmsten Abgrundes der Unmenschlichkeit nie ganz verstummt sind.

Unsere Erinnerung an die Reichspogromnacht 1938 würde ins Leere laufen, wenn wir sie nicht mit der Frage nach der praktischen Solidarität verbänden, die wir den in unserer Zeit zu Unrecht Verfolgten und den Opfern von Gewalt schulden. Leider sind Antisemitismus und Rassismus auch heute nicht überwunden. Auch in Europa prägen Ausgrenzung und Diskriminierung den Alltag vieler Menschen. Die Sünde der Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid der Anderen stirbt nicht aus. Allzu schnell legt sich der Schleier der Abgrenzung über unsere Augen und versperrt die Sicht auf das Antlitz des Nächsten.

Jedem Menschen, gleich welcher Hautfarbe, Volkszugehörigkeit oder Religion, ist das Bild Gottes eingeprägt. Keiner darf preisgegeben werden. Davon in Wort und Tat Zeugnis abzulegen, sind wir als Christen in besonderer Weise gefordert. Die Erinnerung an die Schreckensnacht und ihre Folgen ist gerade auch heute, da die Zeitzeugen allmählich verstummen, von großer Bedeutung. Mahnt sie uns doch, alles zu tun, um eine Gesellschaft in Freiheit und gegenseitiger Achtung zu gestalten, die sich ihrer Verantwortung vor Gott und den Menschen stellt.

Hannover/Berlin, 07. November 2008
Bonn, 07. November 2008

Pressestelle der EKD
Pressestelle der Deutschen Bischofskonferenz

Christof Vetter
Stefanie Uphues

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Gedenkfeier „Feuerriss durch die Welt“

Vor dem Bild der zerstörten Synagoge wird am Vorabend des siebzigsten Jahrestages der Pogromnacht am 8.11.2008 um 18.00 Uhr ein Gedenkkonzert in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis, Rote Reihe 8, in unmittelbarer Nachbarschaft der Synagoge stattfinden.

In dem Konzert unter dem Titel „Feuerriss durch die Welt“, zu dem Landessuperintendentin Dr. Ingrid Spieckermann zusammen mit den Kirchen auf der so genannten Straße der Toleranz einlädt, wird die Stimme des Oberkantors der Synagoge, Israel Alter, und seines Neffen, des heute in Toronto lebenden Kantors Benjamin Z. Maissner zu hören sein. Maissner kam erstmals zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen nach Deutschland zurück. Er wird das Kaddish (aramäisch: Heiligung), das traditionelle Totengebet in Erinnerung an die Opfer der Shoa (hebräisch: Holocaust), und andere synagogale und jüdische Gesänge vortragen.

„Die Gräueltaten fanden in unserer unmittelbaren Nähe statt, ohne dass jemand einschritt. Es ist mir ein Anliegen, daran zu erinnern und damit zugleich ein Zeichen für ein tolerantes Miteinander der Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen zu setzen. Wir werden darum im Gegenbild zur brennenden Synagoge am Ende des Konzerts mit Kerzen in einer Prozession zum Mahnmal ziehen“, erläutert Landessuperintendentin Spieckermann.

In der Calenberger Neustadt herrschte, anders als in Hannovers Altstadt, Religionsfreiheit. So entstanden seit dem 17. Jahrhundert auf der so genannten „Straße der Toleranz“ die evangelisch-lutherische Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis, die evangelisch-reformierte (Hugenotten-)Kirche, die katholische St. Clemenskirche und das größte Gotteshaus Hannovers, die Neue Jüdische Synagoge. Stellvertretend für alle Nachbarkirchen wird Landessuperintendentin Dr. Ingrid Spieckermann Texte und Gebete sprechen.

Kantor Benjamin Z. Maissner wird begleitet durch das Ensemble für Synagogale Musik unter Leitung von Andor Izsák und Alexander Ivanov an der Orgel. Es werden Werke von Israel Alter, Louis Lewandowski und Salomon Sulzer sowie verschiedene Psalmenvertonungen erklingen.
Die Veranstaltung findet im Rahmen der Herbsttage der Jüdischen Musik 2008 statt.


Stefan Heinze
Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit
im Evangelisch-lutherischen Sprengel Hannover

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Besuch von einem kleinen Mädchen

Kira, die Kirchenelster auf www.kirche-entdecken.de, freut sich in diesen Tagen über die kleine Besucherin Hanna in ihrer Kirche. Hanna lebte in den 1930er Jahren mit ihrer Familie in Berlin. Ihre Geschichte auf kirche-entdecken erzählt von der Hoffnung in düsterer Zeit, als die Nationalsozialisten im Deutschen Reich gezielt jüdisches Leben und Eigentum zerstörten. Anlass ist der 70. Jahrestag der Pogromnacht am 9. November 1938.

www.kirche-entdecken.de ist das erste Internetangebot der evangelischen Kirchen für Kinder im Grundschulalter. Es wurde im Mai 2005 auf dem Kirchentag in Hannover gestartet.