Predigt der Landesbischöfin im Reformationstagsgottesdienst in der St. Andreaskirche Hildesheim

Nachricht 31. Oktober 2008

Stellen wir uns ihn so vor, Martin Luther? Ich habe einmal gehört, er hätte eine hohe Fistelstimme gehabt. Andere meinen, genau so, mit dieser Stimmkraft eines Ben Becker muss er geredet und die Menschen begeistert haben.

Martin Luther – ein Revolutionär oder ein Glückskind der Geschichte? Ein Nationalheld der Deutschen oder ein Ketzer? Ein großer Theologe oder ein Irrlehrer mit Blick auf die Juden etwa oder den Bauernkrieg?

Zuallererst war Martin Luther Christ. Ein Weihnachtschrist, wie er sich durchaus gern titulieren ließ. Dass Gott in diese Welt kam als Kind, diese Glaubensgrundlage hat ihn geprägt. Dass Gott sich den Menschen zuwendet, so wie Jesus das beschreibt: wie ein Vater, der den Sohn wieder aufnimmt, der auf Abwege geraten war. Und: dass Gott Schmerz, ja das Sterben selbst erlebt, aber dem Tod nicht das letzte Wort lässt - dieser Glaube trägt Martin Luther als Theologen und als Familienvater, als den Freund und Nachbarn.

Alles beginnt aber mit der Bibel. Das ist mir wichtig. Luther hat nicht große Theorien erdacht im Studierstübchen. Er hat die Bibel gelesen und dabei mit der Frage nach dem Sinn des Lebens gerungen. Daraus erst ist sein Glaube gereift, haben sich seine theologischen Grundlinien entwickelt. Auf dieser Grundlage sind seine persönliche Lebenshaltung und seine Auseinandersetzung mit Kirche und Staat entstanden.

Ich kann mir ihn schon vorstellen, diesen jungen Mann, wie er damit ringt, was denn aus seinem Leben werden soll. Wie kann ich sinnvoll leben? Und dann grübelt er an diesem wahrhaftig schwer verstehbaren Satz des Apostels Paulus. „Der Gerechte wird aus Glauben leben“ – du liebe Zeit, was hat das zu bedeuten?

Manche sprechen von einem „Turmerlebnis“, Luther habe quasi plötzlich – von einem Moment auf den anderen - ganz neu verstanden, was Glaube bedeutet. Das entspricht aber weder der menschlichen Erfahrung, noch der Biografie Luthers. Können wir uns das nicht heute eher so vorstellen: Da ringt ein junger Mann um den Sinn des Lebens. Gegen den Willen des Vaters geht er ins Kloster. Und ausgerechnet im Kloster gerät er in eine Sinnkrise.

Wenn ein Mensch sich die Zeit nimmt, darüber nachzudenken, was dem Leben Sinn gibt, können sich tiefe Abgründe auftun! Unsere Lebenszeit ist sehr begrenzt. Wir werden sterben, ich und du. Hinterlassen wir dann eine Spur? Sollten wir nicht doch anders leben, wenn wir uns klar machen: dieser Tag heute könnte der letzte meines Lebens sein? Was um Himmels willen muss ich tun, damit ich diese begrenzte Zeit nicht einfach verschenke?

Heutzutage können wir Luthers Erkenntnis vielleicht so übersetzen: Dein Konto ist schon im Plus, bevor du überhaupt geboren wirst! Niemand kann dein Lebenskonto in die roten Zahlen bringen oder deinen Lebenssinn verzocken. Du bist eine angesehene Person, weil Gott dich ansieht. Das gibt dir eine große Freiheit gegenüber allen, die dir vorgeben wollen, wie du zu leben hast, was Erfolg ist im Leben, wo Anerkennung zu finden ist. Lebenssinn wird mir von Gott geschenkt, das ist die zentrale Entdeckung Luthers. Diesen Sinn kann ich mir nicht schaffen, nicht durch Kreditkarte, nicht durch Schönheit, nicht durch Freunde.

„Kein Mensch kann durch die Werke des Gesetzes vor Gott gerecht sein“ – Niemand kann durch Leistung Gottes Liebe erobern. Das ist eine Provokation bis heute! Sind nicht diejenigen, die viel Verantwortung tragen, und Großes leisten doch irgendwie mehr wert als diejenigen, die versorgt werden? Will jemand die Lebensleistung der Bundeskanzlerin mit der eines mehrfach schwerstbehinderten Mädchens vergleichen? Das sind menschliche Maßstäbe, aber nicht die Maßstäbe Gottes. Ich finde diesen Gedanken bewegend: Vor Gott gibt es keine Hierarchien der Leistung und der Anerkennung. Gott sieht jedes Leben als wertvoll an.

Für unsere Leistungsgesellschaft ist das eine enorme Infragestellung. Machen wir uns nichts vor, da zählt doch mehr, wer öffentlich wahrgenommen wird. Weniger: „Ich denke, also bin ich“, wie es der Philosoph Descartes formulierte, als: “Ich kann konsumieren, also bin ich“, oder „Ich war im Fernsehen, also bin ich“. Nun ist das ein Fernsehgottesdienst und ich freue mich, dass er am Reformationstag übertragen wird. Aber dass Menschen derart viel Lebenszeit vor dem Fernseher verbringen, statt den alten Nachbarn zu besuchen, ihren Kindern vorzulesen, sich sozial zu engagieren, ist eine Tragödie. Wie sagte Luther: "Worauf du nun dein Herz hängst und verläßt, das ist eigentlich dein Gott."

Noch schwieriger empfinde ich, wenn Menschen im Fernsehen ihre tiefsten Gefühle, ihre intimsten Probleme präsentieren, ohne eine Grenze von Selbstwertgefühl und Scham zu kennen. Das zeigt einen Mangel an Selbstachtung und Anerkennung. Wer sich von Gott gehalten weiß, ist davon frei, sich beweisen zu müssen. Diese innere Freiheit hat Martin Luther entdeckt. Und diese Freiheit hat ihm Mut gemacht, sich auch gegen Papst und Kaiser zu stellen. Dabei ist in Luthers Leben deutlich: du hast nicht plötzlich und ein für alle Mal die Gewissheit: Gott hält mich. Da gibt es immer auch Zweifel und Ringen, Phasen der Trauer und Einsamkeit. Wer über das eigene Leben wirklich nachdenkt, kommt nicht darum herum, auch das zu empfinden.

„Der Mensch wird gerecht allein durch den Glauben“ – ja, ein komplizierter Satz. Gerecht, das heißt wohl: Gott recht sein. Ein Leben führen, das ich verantworten kann. Die Freiheit, von der Luther spricht, ist ja nicht nur eine Freiheit von allen Dingen, sondern eben auch eine Freiheit zu allen Dingen. Wer auf solche Weise frei ist, übernimmt auch Verantwortung, will sich einmischen in die Welt, weil sie Gottes Welt ist. Dann werde ich eintreten für Gerechtigkeit und Frieden, weil ich schon in dieser Welt eine Spur der kommenden Welt Gottes legen will.

Das betrifft viele Fragen unserer Gesellschaft. Ich denke etwa an die aktuelle Bankenkrise. Wenn in den letzten Jahren immer vom freien Markt die Rede war, der sich selbst reguliert, dann war das eine ganz andere Freiheit als die, von der Martin Luther spricht. Seine Freiheit bedeutet immer, Verantwortung zu übernehmen für andere, für die Gesellschaft und nicht, sich selbst so schnell wie möglich zu bereichern. Es ist eine Freiheit, die den Mut mit sich bringt, widerständig zu sein, wo viele hilflos die Schultern zucken und sich ausgeliefert fühlen.

Mich bewegt, wie Martin Luther ringt. Mich beeindruckt, wie mutig er auftritt. Ja auch, dass er den Mut hatte, zu heiraten. Was war das für ein Skandal, und was wäre das heute. Die BILD-Überschriften können wir uns doch vorstellen: „Ehemaliger Mönch heiratet entlaufene Nonne!“ Hexenkinder sollten da angeblich zur Welt kommen. Da wird dieser Martin Luther, der ins Kloster ging, Familienvater, sorgt sich, denkt an Frau und Kinder….

Ich wünsche mir, dass die Reformation auf dem Weg zum 500-jährigen Jubiläum 2017neu wahrgenommen wird. Sie öffnet in der Tat das Tor vom Mittelalter zur Neuzeit. Luther, Melanchthon und die Mitstreiterinnen und Mitstreiter entdecken, dass Gott jeder und jedem einzelnen Lebenssinn zusagt, unabhängig von unserer Leistung und Anerkennung. Die Individualität des Menschen wird entdeckt. Der Einzelne soll sich bilden, die Bibel lesen. Schulen und damit Bildung für alle fordert Luther – ein revolutionärer und zugleich höchst aktueller Vorgang.

Das können wir aus dem Glauben heraus. Glaube ist ein tiefes Vertrauen, dass Gott mich hält und trägt, was immer auch geschieht, was immer sich in meinem Leben ereignet, auch dann, wenn ich sterben muss. Darauf können wir uns verlassen, denn Gott hat in Jesus Christus selbst Leiden und Sterben erlebt. In dieser Überzeugung unterscheidet sich der christliche Glaube von allen anderen Religionen. Gott kennt die Wirklichkeit dieser Welt. Deshalb können wir uns Gott anvertrauen mit all unserem Kummer, mit unserem Glück, mit unseren Fragen. In aller Freiheit. Amen.