Kirchenkreise im Sprengel Hildesheim-Göttingen unterstützen die Jüdische Gemeinde Göttingen

Nachricht 29. Oktober 2008

Eine neue Synagoge wird am 9. November in Göttingen wiedereingeweiht

Zur Einweihung der neuen Synagoge am 9. November wird die stellvertretende Landessuperintendentin Ilse Lontke eine Spende des Sprengels in Höhe von 10.000 Euro überreichen. Das Geld stammt aus Kollekten der evangelisch-lutherischen Kirchenkreise im Sprengel Hildesheim-Göttingen und ist gedacht als finanzieller Beitrag für die Anschaffung einer neuen Tora-Rolle. Die Vorsitzende der Göttinger Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GcjZ) Bettina Kratz-Ritter hatte die Idee, der Jüdischen Gemeinde zur Wiedereinweihung der Bodenfelder Synagoge dieses Geschenk zu überreichen und bei den christlichen Kirchen um Unterstützung für dieses Projekt geworben. Der Sprengel Hildesheim-Göttingen hat diese Initiative gerne aufgenommen und freut sich, ebenso wie die GcjZ und die Arbeitgemeinschaft christlicher Kirchen zur Beschaffung der Tora-Rolle einen finanziellen Beitrag leisten zu können.

Der Regionalbischof im Sprengel Hildesheim-Göttingen, der am 9. November aus terminlichen Gründen nicht zur Einweihungsfeier kommen kann, freut sich mit der Jüdischen Gemeinde und allen Förderern über den Abschluss des Bauprojektes: „Ich bin dankbar für das enorme Engagement der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden zur Errichtung des Jüdischen Zentrums. Ich freue mich, dass 70 Jahre nach den bis heute spürbaren Untatenjüdisches Leben in Göttingen neu aufblühen wird.“

Bereits im Sommer 1999 hatten nach Auskunft des Schriftwartes Wolfgang Hinze vom Förderverein Jüdisches Zentrum e.V. die zehn Kirchenkreise des damaligen Sprengels Göttingen eine Spendenzusage in Höhe von insgesamt 382.000 DM (umgerechnet 195.313 Euro) gemacht. Damit sollte die Gründung eines Jüdischen Gemeindezentrums durch den Kauf des ehemaligen Pfarrhauses und Gründstückes an der Angerstraße in Göttingen unterstützt werden. In den folgenden Jahren wurde der Betrag in mehreren Raten an den Förderverein überwiesen. Auch die katholische Kirche und der Evangelisch-reformierte Gemeinde spendeten damals namhafte Beträge, so Hinze. Im Jahr 2001 wurde die Jüdische Gemeinde Göttingen Eigentümerin eines rund 3.000 Quadratmetergroßen Grundstückes mit einem barocken Fachwerkhaus am alten Wall in der Göttinger Innenstadt. Das ehemalige Pfarrhaus aus dem Jahr 1777 gehörte zuvor der St. Marien-Kirchengemeinde und wurde vom Förderverein der Jüdischen Gemeinde für etwa 500.000 DM gekauft und per Schenkungsvertrag der Jüdischen Gemeinde übergeben, teilte der Schriftwart mit.

Nach umfangreichen Umbau- und Sanierungsmaßnahmen ab Sommer 2002 konnte das jüdische Gemeindezentrum im Jahr 2004 bezogen werden. Zu diesem Zeitpunkt war das erste Obergeschoss eingerichtet, das seit dem als provisorischer Gebetsraum, Unterrichtsräume und Büro genutzt wird. Später wurde das Dachgeschoss fertig gestellt, in dem sich Versammlungsraum, Musikzimmer und Gästezimmer befinden. Noch nicht fertig hergerichtet sind das Erdgeschoss sowie die Gartenanlage. Im Herbst 2006 konnte die Bodenfelder Synagoge in Göttingen wieder aufgebaut werden. Das Fachwerkgebäude mit einer Grundfläche von acht mal acht Metern wird am 9. November im Anschluss an eine Feierstunde im Alten Rathaus, die um 11.15 Uhr stattfindet, feierlich eingeweiht.

Die Jüdische Gemeinde wurde im Jahr 1994 wieder belebt und hat zurzeit 170 Mitglieder. Sie gehört dem liberal ausgerichteten Landesverband Israelitischer Kultusgemeinden in Niedersachsen an und hat einen fünfköpfigen Vorstand, deren Vorsitzende Jacqueline Jürgenliemk ist. Daneben gibt es in Göttingen eine religiös konservative jüdische Gemeinde, die sich im Jahr 2005 als Abspaltung der jüdischen Gemeinde neu gegründet hat und dem zweiten Landesverband in Niedersachsen angehört.

Neben dem Förderverein hat auch die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V. den Wiederaufbau von Gemeinde, Gemeindezentrum und Synagoge unterstützt. Die Gesellschaft unter Vorsitz von Bettina Kratz-Ritter feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Unter anderen finden Vortragsveranstaltungen, eine Ausstellung in der St. Jacobi-Kirche Göttingen und Filmvorführungen statt. Das Programm und nähere Informationen sind unter www.gcjz-goettingen.de zu finden.

Die neue Göttinger Synagoge wird zum zweiten Mal eingeweiht

Die Fachwerk-Synagoge wurde ursprünglich im Jahr 1825 in Bodenfelde errichtet. Das in der Grundfläche 64 Quadratmeter große Gebäude gehört zu den wenigen Synagogen, die die Pogromnacht im November 1938 ohne Schadenüberstanden hat. Ein Grund könnte nach Auskunft von Wolfgang Hinze, Schriftwart des Fördervereines gewesen sein, dass das Gebäude nach dem Verkauf durch die jüdische Gemeinde Bodenfelde seit 1937 als Schuppen genutzt worden war und sich auf Privatgelände befand.. Der Anstoß für das besondere Bauvorhaben kam von Professor Berndt Schaller. Die Stadtverwaltung nahm den Plan positiv auf, die ehemalige Synagoge aus Bodenfelde nach Göttingen zu holen. Seit 1997 wurde an dem Plan gearbeitet, der nun elf Jahre später verwirklicht wurde.

In einer Synagoge findet das religiöse Leben der Gemeinde statt. Nach Auskunft der jüdischen Gemeinde werden alle Gottesdienste, die Toralesungen, die Gebete und Feste in egalitärer Weise durchgeführt. Damit ist gemeint, dass Frauen und Männer in gleichberechtigter Weise beten, zur Toralesung aufgerufen werden und die dieselben Rechte in der Gemeinde haben, so Jacqueline Jürgenliemk, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. Darüber hinausbietet die Synagoge Platz für Konzerte und Vortragsveranstaltungen.

Die Synagoge wurde im Sommer 2006 abgebaut und im gleichen Jahr in Göttingen aufgebaut. Immer wieder musste nach Auskunft des Fördervereines beim Wiederaufbau eine Pause eingelegt werden, weil die finanziellen Mittel fehlten. Siebzig Jahre nach Zerstörung der Göttinger Synagoge kann die Jüdische Gemeinde am 9. November ihre neue Synagoge einweihen. Da das Gebäude bereits früher eine Synagoge war, handelt es sich bei der Feier am 9. November genau genommen um eine „Wiedereinweihung“, darauf wies Harald Jüttner hin, der zweiter Vorsitzender der Gemeinde ist.

Die im April diesen Jahres neu gewählte Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Jacqueline Jürgenliemk ist dankbar, dass dieses Projekt jetzt seinen Abschluss finden konnte. „Die Wiedereinweihung der Bodenfelder Synagoge ist für uns als Gemeinde ein weiterer, wichtiger Schritt auf dem langen Weg eines Heilungsprozesses. Zum einen knüpfen wir an die Traditionen einer bedeutenden Landgemeinde an, die 1937 ihr Ende fand. Zum anderen zeigt sich in der einzigartigen Weise, in der dieses Synagogenprojekt von Menschen außerhalb der Gemeinde unterstützt und verwirklicht wurde, dass jüdisches Leben wieder sichtbar werden kann und gesehen wird. Dies zu erhalten und zu fördern ist unser Ziel und eine gemeinsame Verantwortung: Die Gemeinde als ein offenes Haus, einen Ort der Begegnung aller Religionen und Weltanschauungen zu gestalten und zu nutzen. Dann können wir sagen: Nicht nur die Jüdische Gemeinde hat wieder eine Synagoge, Göttingen hat wieder eine Synagoge!“, so die Vorsitzende.

Der Förderverein Jüdisches Zentrum Göttingen e.V.

Mit dem Ziel, der „wiedererstandenen Jüdischen Gemeinde in Göttingen ein neues Zuhause zu geben,“ wurde am 13. Juli 1994 der Förderverein Jüdisches Zentrum Göttingen e.V. gegründet. Erster Vorsitzender wurde damals der SPD-Politiker Klaus Wettig. Zu den Gründungsmitgliedern gehörte auch der damalige Landessuperintendent und inzwischen verstorbene Hinrich Buß. Weitere Gründungsmitglieder waren unter anderem die damaligen Pastoren Dirk Tiedemann und Norbert Liebermann, der von 1998 bis 2004 den Vorsitz innehatte, der damalige Superintendent Klaus Steinmetz sowie von der katholischen Kirche der damalige Dechant Heinz Voges. Auch einige evangelisch-lutherische Kirchengemeinden sind Mitglied im Förderverein, der etwa 200 Mitglieder hat. Im Februar 2006 hat Michael Shelliem das Amt des Vorsitzenden von Hinrich Buß übernommen, der damals nach einem Jahr das Amt aus gesundheitlichen Gründen abgeben musste.

Stand zunächst die Hilfe beim Aufbau des jüdischen Zentrums im Mittelpunkt, ging es dem Verein immer auch darum, das kulturelle-religiöse Leben der Jüdischen Gemeinde zu unterstützen und finanziell zu fördern. So wurden vom Förderverein die Reisekosten der Rabbiner zu den hohen Feiertagen getragen oder auch Stipendium für die Ausbildung als Rabbiner gewährt. Auch bei der Anschaffung von 100 Stapelstühlen oder eines Klaviers war der Förderverein aktiv beteiligt. Große Anstrengungen hatte der Förderverein unternommen, die Finanzierung des Aufbaus der Synagoge zu ermöglichen. Da auch für den Ausbau des Erdgeschosses im Haupthaus noch erhebliche Mittel fehlen, sind Spenden an den Förderverein unter Konto 222 004 30 bei der Sparkasse Göttingen Bankleitzahl 260 500 01 sehr willkommen. Nähere Informationen mit Bildern sind unter www.juedisches-zentrum.de zu finden.

Göttingen, 28.10.2008
Bernd Ranke
Informations- und Pressestelle im Sprengel Hildesheim-Göttingen