Diakonie erforscht Heimerziehung in der Nachkriegszeit

Nachricht 15. September 2008

Presseerklärung des Diakonischen Werkes der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers:

Seit einem Jahr forscht ein Projektmitarbeiter im Auftrag des Diakonischen Werkes zu „Gewalt und Unrecht in der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre“. Damit reagiert die Diakonie auf die Berichte ehemaliger Heimkinder über Misshandlungen, Erniedrigungen und wirtschaftliche Ausbeutung in konfessionellen und staatlichen Heimen.

Ziel der Untersuchung ist es, herauszufinden, in welchem Ausmaß solche Vorfälle auch in evangelischen Heimen im Bereich der hannoverschen Landeskirche vorkamen.

Das Projekt befindet sich noch in der Phase der Materialsammlung. Die Archive der Einrichtungen und Ämter wurden zum Teil konsultiert – eine aufwändige Recherche, wenn man ein Gesamtbild erlangen will. Daneben wurden Interviews mit Betroffenen geführt.
Deutlich wird, dass es Fälle von Gewalt und anderen Übergriffen auch hier gegeben hat.

Für ein Gesamturteil oder auch nur einen Überblick über die Situation in allen Heimen ist es allerdings noch zu früh. Die Auswertung der Ergebnisse wird nicht vor Mitte nächsten Jahres vorliegen.

Auch auf Bundesebene laufen entsprechende Untersuchungen. Der Diakonie Bundesverband hat mit den anderen konfessionellen Trägern der Erziehungshilfe eine unabhängige Studie über die konfessionelle Heimerziehung in der Nachkriegszeit initiiert und mit Drittmitteln unterstützt. Diese Studie wird im Rahmen einer DFG-Forschungsgruppe an der Ruhr-Universität Bochum durchgeführt.

Auch wenn noch keine gesicherten Ergebnisse vorliegen, lassen sich bereits Aussagen treffen. Die Berichte der Betroffenen machen deutlich, dass es Übergriffe gegeben hat und diese – zumindest in einigen Heimen – keine seltenen Ausnahmen bildeten.

Daneben gibt es allerdings auch ehemalige Heimkinder, die ihre Zeit im Heim als fürsorglich und geborgen erlebt haben. Ein pauschales Urteil über die Heimerziehung ist offenbar nicht möglich und sinnvoll. Aus diesem Grund steht das Diakonische Werk auch pauschalen Lösungsansätzen kritisch gegenüber.

Den Betroffenen ist am besten geholfen, wenn ihre Erfahrungen im Kontakt mit den Einrichtungen, in denen sie wohnten, bearbeitet werden. Dazu bietet die Diakonie ihre Unterstützung an, indem sie Kontakte herstellt und den Zugang zu noch vorhandenen Akten ermöglicht. Für Diakonie-Direktor Manfred Schwetje steht fest: „Wir können noch nicht sagen, in welchem Ausmaß es in unseren Heimen zu Übergriffen gekommen ist. Aber klar ist: Jeder Fall ist ein Fall zuviel.“

Hannover, 15. September 2008
Manfred Schwetje / Dr. Jörg Antoine
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Isabel Martin
Diakonisches Werk der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers
Pressesprecherin
Ebhardtstr. 3A
30159 Hannover
Tel. 0511 / 3604-252
Fax 0511 / 3604-119
www.diakonie-hannovers.de

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Diakonie will Misshandlung in Erziehungsheimen aufklären

Hannover (epd). Die Diakonie der hannoverschen Landeskirche will Fälle von Misshandlungen in evangelischen Erziehungsheimen in der Nachkriegszeit so weit wie möglich aufklären. "Jeder Fall ist ein Fall zu viel", sagte Diakonie-Direktor Manfred Schwetje am Montag in Hannover vor Journalisten. Er räumte ein, dass es Übergriffe gegeben habe und diese zumindest in einigen Heimen keine Ausnahme bildeten.

"Daneben gibt es allerdings auch ehemalige Heimkinder, die ihre Zeit im Heim als fürsorglich und geborgen erlebt haben", sagte Schwetje. Er bestritt, dass die Misshandlungen zum System gehörten. Vergewaltigungen und schwere körperliche Züchtigungen mit langfristigen Schäden seien auch damals schon verboten gewesen. "Ein pauschales Urteil über die Heimerziehung ist offenbar nicht möglich und sinnvoll", sagte Schwetje.
Allerdings sei in vielen Heimen Disziplin ein wesentliches Ziel gewesen.

Der mit der historischen Erforschung der Vorfälle beauftragte Diakonie-Mitarbeiter Hans Bauer hatte in Interviews berichtet, dass es in Erziehungsheimen der Landeskirche in den 50er- und 60er-Jahren zu schweren Misshandlungen bis hin zu sexuellem Missbrauch gekommen sei.
Unter anderem habe es körperliche Gewalt wie Stockschläge gegeben, sagte Bauer: "Heiminsassen mussten Fliesen mit der Zahnbürste schrubben oder wurden tagelang in fensterlose Verliese eingesperrt". Solche Schikanen seien auch in Heimen der Caritas und in staatlichen Heimen vorgekommen.

Mit dem Projekt "Gewalt und Unrecht in der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre" wolle die Diakonie das Unrecht aufarbeiten, sagte Schwetje.
Derzeit werde noch Material gesammelt: "Für ein Gesamturteil ist es noch zu früh." Eine abschließende Auswertung werde nicht vor Mitte des nächsten Jahres vorliegen. Auch der Diakonie-Bundesverband habe eine unabhängige Studie über die konfessionelle Heimerziehung gestartet. Das Material dazu wird an der Ruhr-Universität in Bochum ausgewertet.

Nach Recherchen des Hörfunk-Senders NDR 1 Niedersachsen waren bundesweit eine halbe Million Kinder von Gewalt in kirchlichen Heimen betroffen. Es habe Fußtritte, Schläge, Demütigungen und sogar Vergewaltigungen von Kindern durch Aufseher gegeben, teilte der Sender mit. Außerdem seien Formen von Zwangsarbeit verordnet worden wie Torfstechen oder Straßenbau. "Die Jugendämter und die Heimaufsicht haben einen Großteil des Unrechts geduldet und sind mitverantwortlich", sagte Bauer dem epd.

Schwetje betonte, die Diakonie wolle betroffene ehemalige Heimkinder so weit wie möglich unterstützen. Sie wolle Kontakte herstellen und den Zugang zu noch vorhandenen Akten ermöglichen. Die Frage einer möglichen Entschädigung müsse politisch geregelt werden, unter Umständen über einen bundesweiten Fonds.

(epd Niedersachsen-Bremen/b2583/15.09.08)
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