Katholikentag diskutiert gerechte Klimapolitik / Bundeskanzlerin will effizientere Technologien / Zollitsch ruft zu Respekt vor Juden auf

Nachricht 22. Mai 2008

Osnabrück (epd). Angesichts des Klimawandels hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf dem Katholikentag in Osnabrück ein gesellschaftliches Umdenken gefordert. Die Klimadebatte war neben sozialen Themen wie der Arbeitsmarkt einer der großen Schwerpunkte des Christentreffens am Donnerstag. Bei strahlendem Wetter hatten rund 15.000 katholische Christen am Vormittag im Osnabrücker Schlossgarten einen Fronleichnamsgottesdienst gefeiert.

Merkel, die mit stürmischem Beifall begrüßt wurde, forderte vor allem effizientere Technologien zur Reduzierung der CO2-Emissionen. Bis zum Jahr 2050 müsse der Ausstoß an Treibhausgasen halbiert werden, sagte sie. Dabei müssten die Industrieländer des Nordens als Hauptverantwortliche am meisten tun, aber auch Schwellenländer wie China seien gefordert. Die Bundeskanzlerin appellierte zugleich an die Bereitschaft, sich etwa beim Auto oder beim Hausbau für eine teurere, aber umweltfreundliche Technik zu entscheiden.

Der SPD-Vorsitzende und rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck setzte sich beim Katholikentag für gesetzliche Mindestlöhne ein. "Es darf nicht sein, dass man in Hamburg 280 Euro für ein Hotelzimmer bezahlen muss, und das Zimmermädchen, das dort putzt, von seinem Geld nicht leben kann", sagte Beck bei einer Podiumsdiskussion über Chancen und Risiken auf dem Arbeitsmarkt. Es sei unerträglich, dass Menschen mit einem vollen Job so wenig verdienten, dass sie zusätzlich auf staatliche Hilfe angewiesen seien.

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) appellierte an die Wirtschaft, die Kompetenzen von Eltern stärker zu nutzen. Unternehmen bräuchten Organisationstalente, die fünf Dinge gleichzeitig tun könnten, sagte die Ministerin. Sie forderte die Unternehmen auf, vermehrt auch Vätern Erziehungszeit zuzugestehen.

Theologisch stand am Donnerstag das christlich-jüdische Gespräch im Mittelpunkt. Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, rief die Christen zum Respekt gegenüber dem jüdischen Volk auf. "Nach den Jahrhunderten des Hochmuts und der Verfolgung ist ein neues Hören auf Gottes bleibend gültige Verheißung für sein Volk gefordert", sagte Zollitsch am Abend bei einer Christlich-jüdischen Gemeinschaftsfeier zum Katholikentag in Osnabrück: "Das ist ein Akt der Umkehr."

Zwischen Juden und Katholiken hatte es in den vergangenen Monaten erhebliche Verstimmungen gegeben, weil Papst Benedikt XVI. eine alte lateinische Form der Messe wieder freigegeben hatte. In einem darin enthaltenen Gebet zum Karfreitag sahen jüdische Kritiker einen Aufruf zur Bekehrung der Juden zum Gott der Christen. Einige jüdische Referenten sagten daraufhin ihre Teilnahme ab. Zollitsch betonte, die Gespräche zwischen Juden und Christen dürften nicht eingefroren, sondern müssten vertieft werden.

Bei einer Dialog-Veranstaltung von Christen und Juden am Nachmittag kritisierte der Braunschweiger Rabbiner Jonah Sievers die umstrittene Fürbitte. "Wenn Christen für die Bekehrung der Juden beten, scheint es, dass es etwas bei uns gibt, das defizitär ist", sagte er. In der Fürbitte heißt es unter anderem: "Lasst uns beten für die Juden, dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte."

Beim zentralen Fronleichnamsgottesdienst im Osnabrücker Schlossgarten rief der gastgebende Bischof Franz-Josef Bode die Menschen dazu auf, trotz vieler globaler Krisen einen Aufbruch zu wagen. Der Glaube an Gott gebe eine "unverschämte Zuversicht" auch angesichts des Hungers in der Welt, des drohenden Klimawandels oder der Naturkatastrophen in Birma und China, sagte er. Unter den Gästen waren neben zahlreichen Bischöfen auch Bundeskanzlerin Merkel und der SPD-Vorsitzende Beck.

Aus allen Teilen des Osnabrücker Bistums waren Gläubige mit insgesamt 72 Pilgerstäben zu dem Gottesdienst gekommen. Bode hatte die Stäbe im vergangenen Jahr verteilt mit der Aufforderung, sie zu gestalten und sie zum Katholikentag mit in die Stadt zu bringen. Der größte Gemeindechor Deutschlands mit 1.800 Sängern aus ganz Niedersachsen begleitete den Gottesdienst. Im Anschluss zogen die Gläubigen in einer feierlichen Prozession durch die Innenstadt.


(epd Niedersachsen-Bremen/b1401/22.05.08)
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