Selbstverständliche Ökumene in der "Friedensstadt"

Nachricht 17. Mai 2008

Zum Katholikentag werden 33.000 Dauergäste in Osnabrück erwartet

Osnabrück (epd). Osnabrück gilt als Stadt der Ökumene. Hier und in Münster wurde 1648 nach einem jahrzehntelangen blutigen Religionskrieg der Westfälische Friede geschlossen. Seither üben sich die heute rund 160.000 Bürger - ein Drittel katholisch, ein Drittel evangelisch - in Eintracht. Auch der 97. Deutsche Katholikentag vom 21. bis 25. Mai wird von Protestanten unterstützt: Die Ökumene und das künftige Miteinander der Religionen werden beim bevorstehenden Treffen in Osnabrück eine eigene Rolle spielen.

Die Frage nach der Zukunftsgestaltung soll den roten Faden im Programm des Katholikentags bilden. So verstehen das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode als Veranstalter auch das biblische Leitwort "Du führst uns hinaus ins Weite": Große gesellschaftliche und politische Themen wie Klimaschutz, Arbeitsmarktpolitik, Pflege und Bildung sollen auf ihr Potenzial für die Zukunft abgeklopft werden.

Zu prominenten Politikern, die auf den Podien mit diskutieren, gehören Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, der SPD-Vorsitzende Kurt Beck und Claudia Roth von den Grünen. Auch Bundespräsident Horst Köhler hat sein Kommen angekündigt, er spricht über die Zukunft der Demokratie. Insgesamt werden jeweils rund 10.000 Tagesgäste erwartet, 33.000 Dauerteilnehmer haben sich bereits angemeldet.

Das Treffen solle "ermutigen zu einer Zukunft aus Gottvertrauen", sagt ZdK-Präsident Hans-Joachim Meyer, zugleich auch Katholikentags-Präsident. Die Frage nach sozialer Gerechtigkeit, die vor zwei Jahren in Saarbrücken eine große Rolle spielte, werde weitergeführt. Aber es werde auch um die Spannung zwischen Freiheit und Gerechtigkeit gehen.

Mit der Entwicklung der katholischen Kirche befasst sich der Themenbereich 1 "Zukunft von Glaube und Kirche". Auch die Zukunft der Ökumene steht auf der Tagesordnung. Dazu ist ein "Ökumenezentrum" eingerichtet worden, das sich etwa mit dem praktischen Zusammenleben der Konfessionen in der Ortsgemeinde befasst. Kardinal Karl Lehmann wird einen Vortrag zur Ökumene im 21. Jahrhundert halten.

Ökumene werde in Osnabrück "mit großer Selbstverständlichkeit praktiziert", sagt der ZdK-Präsident. So soll es auch auf dem Katholikentreffen sein: Kein "Erfolgszwang" in Hinsicht auf bestimmte Ziele, wie ein gemeinsames Abendmahl, sondern selbstverständliches Miteinander. Auch der Catholica-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche (VELKD), der braunschweigische Bischof Friedrich Weber, erwartet kaum konkrete theologische Fortschritte, sondern "mehr Nähe".

Wie schon bei vergangenen Katholikentagen wurden bei den Vorbereitungen Protestanten direkt in die Planung einbezogen - nicht nur im "Ökumenezentrum": Evangelische Chöre und Posaunenensembles gestalten fast jeden der großen Gottesdienste mit. Hannovers Bischöfin Margot Käßmann und andere prominente Protestanten sind auf den Podien zu finden. Auf der "Kirchenmeile" stellen sich evangelische wie katholische Institutionen vor. Selbstverständlich öffnen die Protestanten ihre Kirchen und Gemeindehäuser für Veranstaltungen.

Brisanter als ökumenische Diskussionen dürfte die Debatte mit den Juden über die "Karfreitagsfürbitte" werden. In dem in neuer Form von Papst Benedikt XVI. zugelassenen Gebet wird zur "Rettung" der Juden durch den Gott der Christen aufgerufen, was diese als Respektlosigkeit kritisieren. Zwei Rabbiner und der Sozialwissenschaftler Michael Brumlik sagten deswegen im Frühjahr ihre Teilnahme ab, obwohl auch das ZdK sich ablehnend zum neuen Ritus geäußert hatte. Nun soll das Thema in Osnabrück auf den Tisch. Die Rabbiner Henry Brandt und William Wolff wollen - trotz Kritik - kommen. Und der ZdK-Präsident hofft auf Entspannung im jüdisch-katholischen Verhältnis.

Der Katholikentag solle den "Charakter des Ortes" aufgreifen, der von einem konfliktreichen Nebeneinander zu friedlichem Miteinander geführt habe, sagt Meyer. Musikalisches Sinnbild der ökumenischen Eintracht soll der Choral "Nun lob mein Seel den Herren" bei einer kleinen Prozession nach dem ökumenischen Hauptgottesdienst sein. Es ist der Choral, der Protestanten und Katholiken in Osnabrück nach dem Zustandekommen des Westfälischen Friedens 1648 anstimmten.

Renate Kortheuer-Schüring (epd)

(epd Niedersachsen-Bremen/b1280/14.05.08)
Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen