Wenn der Zeitdruck chronisch wird

Nachricht 14. Mai 2008

Peer-Detlev Schladebusch (45) ist Pastor der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und Trainer im Projekt Spiritual Consulting. Er fragt: "Wo bleibt Zeit zum Verschnaufen, wenn die Last unserer Arbeit zunimmt?"

Besprechungen, Sitzungstermine und Verwaltungsvorgänge werden mehr statt weniger. Gleichzeitig rollen Fluten von Informationen über uns hinweg. Wo bleibt da Zeit zum Verschnaufen, Zeit zum Sammeln neuer Ideen?

„Wenn du keinen Raum mehr für die Besinnung vorsiehst, wie kannst du voll und echt Mensch sein?“ Vor über 850 Jahren stellte Bernhard von Clairvaux, der geistige Vater des Zisterzienserordens, einem seiner ehemaligen Kloster-Zöglinge diese Frage – keinem Geringeren als Papst Eugen III. Und Bernhard ging weiter:

„Du trägst die Mitra? Du glitzerst von Edelsteinen, prangst in Seide, bist in Federn geschmückt, mit kostbaren Metallen gespickt? Wenn du beim Nachdenken all das wie Morgengewölk zerstreust und von deinen Augen wegbläst; wenn du siehst, wie rasch das vorübergeht und wie schnell es vorbei ist, was tritt dann zutage? Der nackte, arme, erbärmliche und erbarmungswürdige Mensch.“ Nicht nur für römisch-katholische Verhältnisse fragte Bernhard seinen geistlichen Vorgesetzten sehr direkt und besorgt: „Soll ich dich da loben? Es ist viel klüger, du entziehst dich von Zeit zu Zeit deinen Beschäftigungen, als dass sie dich ziehen und dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst. Du fragst, an welchen Punkt? An den Punkt, wo das Herz hart wird. Frage nicht weiter, was damit gemeint sei; wenn du jetzt nicht erschrickst, ist dein Herz schon so weit.“ (Bernhard von Clairvaux: Werke. Hg. v. Bernhardin Schellenberger, Olten/Freiburg 1982)


Sich neu von Gott bilden lassen

Wenn der Zeitdruck chronisch wird, verliert sich der Mensch in der Beliebigkeit. Er reiht sich ein in das Räderwerk der Erfordernisse, wird zum Knecht der Vorgänge. Wo bleibt da etwas davon zu erkennen, dass Gott ihn zu seinem Ebenbild geschaffen hat? Wenn das Geschöpf sich erschöpft, entfernt es sich von seinem Schöpfer. Dabei ist es das große Privileg des Menschen, wie Gott ausruhen zu dürfen: Eine Zeit zu nutzen, in der Leib und Seele neue Kraft schöpfen können.

Die deutschen Mystiker des 13. und 14. Jahrhunderts wie Eckhart, Seuse und Tauler haben deshalb den Begriff „Bildung“ aus der Schöpfung des Menschen abgeleitet und interpretiert: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn“ (Genesis 1,27). Diese Bildung vollzieht sich nach ihrer Überzeugung das ganze Leben hindurch. Wer die von Gott geschenkten Zeiten der Ruhe wahrnimmt, gibt ihm besondere Gelegenheit, weiter auf sein Bild hin entwickelt zu werden. Diese Persönlichkeitsbildung braucht Zeiten der Ruhe und Besinnung.

Das wussten Bernhard von Clairvaux und die vielen Mönche vor seiner Zeit. Zu Beginn des Mönchswesens zogen sich einige bewusst in die Wüste zurück, fernab von menschlichen Siedlungen. Sie nahmen sich die Wüstenerfahrungen des Volkes Israel und das Fasten und Beten Jesu in der Wüste zum Vorbild. Andere ließen sich einschließen, gingen in Klausur. Immer wieder haben Menschen das Bedürfnis nach Besinnung und der Begegnung mit Gott verspürt und Formen des Rückzugs gesucht und erfunden.


Spirituelle Insolvenz vermeiden

Gerade die hohen Anforderungen im Beruf verstärken heute die Sehnsucht, sich zurückzuziehen. Neben dem Rückzug in die Familie oder in die Hobbies, suchen einige ganz bewusst wieder traditionell geprägte Orte der Christenheit auf. So eröffnen z. B. die ehemaligen Zisterzienserklöster Volkenroda (Thüringen), Loccum oder Amelungsborn (Niedersachsen) großartige Möglichkeiten, darüber nachzudenken, welche Werte Menschen hier seit über 800 Jahren bewegt haben, zu beten und zu arbeiten. Es gibt weltweit kein Unternehmen, das über Höhen und Tiefen auf so eine lange Tradition zurückblicken kann. Bezeichnenderweise nehmen deshalb sowohl Manager erfolgreicher als auch insolventer Firmen das Angebot einer geistlich geprägten Auszeit, einer Retraite, wahr. Der französische Begriff stammt aus dem Bereich der Kavallerie. Dort wurde durch ein Signal zum Rückzug gerufen, damit die Kräfte neu geordnet werden konnten.

Eine wachsende Zahl von Führungskräften ist sich bewusst, dass sie diese Entschleunigung zur Bewältigung ihres Alltags benötigt. Viele erkennen, dass eine finanzielle Insolvenz nicht so dramatische Folgen wie eine spirituelle Insolvenz hat. Sie entdecken – ähnlich wie die Mönche – die Zeiten des Gebets neu für sich. Zeitinseln wie die Tagzeitengebete werden als geschenkte Zeit erlebt. Plötzlich wird der Ausspruch Martin Luthers nachvollziehbar: „Heute habe ich viel zu tun, also bete ich viel.“ Und das waren bei ihm dann oft drei Stunden und mehr!


Zeit als Gnade erleben

Ähnliche Erfahrungen mache ich zusammen mit Managern auf geistlich geführten Pilgerwegen. Hier entdecken wir den Weg zwischen Zeit und Ewigkeit. So unterschiedliche Orte wie Kirchen und Industrieanlagen, Wälder und Klöster, Felder und Friedhöfe, Dörfer und Städte werden zum Sinnbild für die Stationen und den Weg des Lebens. Sie bekommen eine andere Bedeutung, wenn die Seele plötzlich zu Fuß geht. Der chronische Zeitdruck verfliegt. Zeit wird als Geschenk und Gnade erlebt.

Wenn Menschen dieser „Atem der Ewigkeit“ umweht, können sie die biblische Unterscheidung zwischen gefüllter und erfüllter Zeit besser nachempfinden: Im Neuen Testament ist der chronos dabei die Zeit, die einfach so dahinläuft und ohne besondere Bestimmung ist. Da wird der Zeitdruck chronisch. Dagegen ist der kairos der günstige Augenblick, den es zu erspähen und zu ergreifen gilt. Zeit wird schlagartig in einer göttlichen Dimension erlebt: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen“ (Markus 1,15a). Sie wird nicht mehr als Last empfunden, sondern als Gnade. Der Pilger zwischen Zeit und Ewigkeit wird zum Sammler der Spuren Gottes.

Da aller Anfang bekanntlich schwer ist, empfiehlt es sich, überhaupt erst einmal zu beginnen. Fast niemand wird es schaffen, acht Tagzeitengebete in seinen Tagesablauf zu integrieren. Aber Zeit für Gebete am Morgen und Abend hat jeder. Luthers Morgen- und Abendsegen zu sprechen, ist ein guter Anfang. Weitere Gebete zu verschiedensten Anlässen finden sich ebenfalls im Anhang des Evangelischen Gesangbuchs. Und ein Weiteres können wir Christen neu lernen: Mahlzeiten werden mit einem Gebet zu Segenszeiten! Christliche Spiritualität – die persönliche Beziehung zum Schöpfer, Erlöser und Tröster – will gepflegt werden, wenn das Leben gelingen soll.

Peer-Detlev Schladebusch

Internet: Spiritualität für Führungskräfte