Experten sehen immer noch Bedarf für Tschernobyl-Hilfe

Nachricht 25. April 2008

Rotenburg/Hannover (epd). 22 Jahre nach dem Reaktorunfall am 26. April 1986 im weißrussischen Tschernobyl brauchen die Opfer nach Angaben von Experten immer noch dringend Hilfe. "Das Gebiet um Gomel in Weißrussland ist nach wie vor verstrahlt", sagte am Donnerstag die Koordinatorin der "Hilfe für Tschernobyl-Kinder" im evangelischen Kirchenkreis Rotenburg bei Bremen, Barbara Koll. Nur 20 Prozent der Babys kämen dort gesund zur Welt. "Es gibt weiterhin Krankheiten wie Leukämie, Schilddrüsenkrebs und Missbildungen."

Auch Konvois vor allem mit medizinischen Hilfsmaterialien für bedürftige Kinder, Familien, Rentner, Invaliden, Kindergärten und Schulen seien nach wie vor nötig, ergänzte Koll. Die hannoversche Landeskirche startet jährlich eine Ferienaktion, mit der sie etwa 1.000 Kindern aus Weißrussland Erholungsaufenthalte in einer unverstrahlten Umgebung in Niedersachsen ermöglicht. Im vergangenen Jahr beteiligten sich daran landesweit 24 Kirchenkreise. Darunter war auch die Region Rotenburg, die in diesem Jahr nach eigenen Angaben 83 Kinder empfängt.

"Ziel unserer Einladungen ist es, die Kinder mit vitaminreicher und unverstrahlter Nahrung zu versorgen", erläuterte Barbara Koll. Dadurch sollten ihre Lebens- und Abwehrkräfte in einer wichtigen Wachstumsphase gestärkt werden. In Zukunft sei es auch denkbar, derartige Erholungsaufenthalte mit unverstrahltem Essen in Weißrussland selbst zu organisieren. Schon jetzt gebe es gemeinsame Projekte mit Partnern vor Ort: "Wir bauen zusammen eine Kühlanlage in einer Schule und errichten ein Kinderspielhaus in einer Behinderteneinrichtung."

Internet: www.kirche-rotenburg.de

(epd Niedersachsen-Bremen/b1092/24.04.08)
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Das aktuelle Stichwort: Tschernobyl

Rotenburg/Hannover (epd). Am 26. April 1986 ereignete sich im vierten Block des Atomkraftwerks im ukrainischen Tschernobyl auf Grund eines fehlgeschlagenen Experiments der "größte anzunehmende Unfall" (GAU): Der Reaktor explodierte. Allein im benachbarten Weißrussland wurden 70 Prozent der Landesfläche verstrahlt, 485 Dörfer und Siedlungen gingen verloren. Jeder fünfte Bürger lebt heute auf verseuchtem Gebiet, das sind 2,1 Millionen Menschen, unter ihnen 700.000 Kinder.

In der Ukraine sind mehr als drei Millionen Menschen als Betroffene registriert. Die Zahlen über die Todesopfer gehen weit auseinander. Noch
1991 wurde offiziell die Zahl 31 genannt. Heute schwanken sie je nach Standpunkt zwischen 10.000 und 250.000. Die meisten Todesfälle sind auf die Spätfolgen der Verstrahlung zurückzuführen, etwa auf Krebs, Immunschwäche- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie auf Depressionen, die im Suizid enden.

Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion rückte der von den Behörden lange Zeit totgeschwiegene Atomunfall wieder ins öffentliche Bewusstsein. In Westeuropa, den USA und Japan entstanden nach 1989 mehrere tausend Initiativen, Gruppen und Vereine. Sie helfen den Menschen in den verseuchten Gebieten mit Medikamenten, Kleidung und Nahrungsmitteln und organisieren in ihren Heimatländern oder in "sauberen" Regionen vor Ort Erholungsaufenthalte für Kinder.

(epd Niedersachsen-Bremen/b1093/24.04.08)
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