Gehörlose Menschen brauchen mehr Förderung

Nachricht 13. März 2008

Hannover (epd). Gehörlose Menschen in Deutschland brauchen nach Ansicht der hannoverschen Pastorin Christiane Neukirch mehr Förderung. "Im Vergleich zu anderen Ländern hinken wir mit unseren Angeboten hinterher", sagte Neukirch als Gehörlosen-Seelsorgerin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers am Donnerstag im epd-Gespräch. In den USA werde die Gebärdensprache schon lange als Fremdsprache überall im öffentlichen Leben angeboten.

Im deutschen Fernsehen gebe es dagegen kaum Untertitel, und Gebärden-Dolmetscher bei öffentlichen Veranstaltungen seien selten. Durch das niedersächsische Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen, das seit Jahresbeginn in Kraft ist, erhofft Neukirch sich Verbesserungen. Etwa jeder tausendste Mensch in Deutschland ist gehörlos.

Menschen mit Hör- oder Sprechbehinderungen in Niedersachsen haben das Recht, mit öffentlichen Stellen in der Gebärdensprache zu kommunizieren. Sie erhalten dafür einen Dolmetscher. Neukirch sagte, dass die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bereits seit zwei Jahren die Kosten für einen Dolmetscher bei kirchlichen Amtshandlungen trage. Ein Gehörloser könne für Taufen, Konfirmationen, Trauungen oder Bestattungen einen Übersetzer anfordern.

Auch werde die Deutsche Gebärdensprache in Niedersachsen nun laut Gesetz als eigenständige Sprache anerkannt. Dies sei besonders für Kinder und Jugendliche wichtig, von denen viele ein so genanntes Cochlea-Implantat trügen, betonte Neukirch: "Für sie ist eine bilinguale Förderung mit Sprache und Gebärden unverzichtbar."

Ein Cochlea-Implantat ist eine Art Hörprothese für Gehörlose, deren Hörnerv noch funktioniert. Menschen mit einer Innenohr-Taubheit könnten damit wieder hören und verstehen, viele aber nur bis zu einem bestimmten Grad. Es sei für diese Kinder sehr anstrengend, sich ausschließlich in der Welt der Hörenden zu bewegen. Schon wenn eine Batterie des Hörgeräts ausfalle, seien sie wieder auf die Gebärdensprache angewiesen.

"Durch das Cochlea-Implantat wachsen viele Gehörlose heran, die in kein System hinein passen", sagte Neukirch. Integration dürfe nicht nur so verstanden werden, dass ein Behinderter in eine Nicht-Behinderten-Welt eingegliedert werde: "Hörbehinderte Menschen müssen lernen, sich sowohl unter Hörenden zu bewegen als auch in Gehörlosen-Gruppen." Genau dafür fehle aber oft die nötige Förderung.

In der hannoverschen Landeskirche gibt es 24 Gehörlosen-Gemeinden zwischen Göttingen und Stade. Bis zu 8.000 Menschen in Niedersachsen gelten als gehörlos, rund 3.000 sind im Gehörlosen-Verband des Landes organisiert.

Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Gehörlosenseelsorge: www.dafeg.de


(epd Niedersachsen-Bremen/b0643/13.03.08)
Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen