Ärztin muss sich wegen Morphium-Gaben verantworten

Nachricht 28. Februar 2008

Hannover (epd). Eine 58-jährige Fachärztin für innere Medizin muss sich seit Donnerstag vor dem Landgericht Hannover wegen des Todes von acht schwerkranken Patienten verantworten. Die Ärztin Mechthild B. soll den meist an Krebs erkrankten Patienten zwischen 52 und 96 Jahren von Dezember 2001 bis Mai 2003 zur Schmerzbekämpfung unangemessen hohe Gaben an Morphium und des Beruhigungsmittels Diazepam verabreicht haben, erklärte die Staatsanwaltschaft.

"Sie hat bewusst nicht entsprechend der ärztlichen Heilkunst gehandelt", sagte Oberstaatsanwältin Regina Dietzel-Gropp. Dabei habe sie den Tod der Patienten in Kauf genommen. Die Verteidiger wiesen den Vorwurf des achtfachen Totschlags zurück. "Sie war stets der festen Überzeugung, dass ihr Handeln von der Zustimmung der Patienten und ihrer Angehörigen getragen war", sagte Rechtsanwalt Albrecht Wegener. Den Vorwurf, den Tod bewusst und willentlich herbeigeführt zu haben, habe die Ärztin "erschüttert" zur Kenntnis genommen. Sie habe den Patienten beim Sterben zur Seite stehen und ihre Schmerzen lindern wollen.

Vor dem Gerichtsgebäude demonstrierten rund 40 ehemalige Patienten und Unterstützer für die Ärztin. Auf Transparenten forderten die Demonstranten "Gerechtigkeit - Freispruch für Mechthild B." Für den Prozess sind acht Verhandlungstage angesetzt. Das Gericht will alle acht Fälle eingehend erörtern und dabei 40 Zeugen und vier Gutachter hören. Die Anklageschrift ist 192 Seiten lang. Zu Beginn der Verhandlung stellten die Verteidiger den Antrag, zwei Gutachter wegen der "Besorgnis der Befangenheit" nicht zuzulassen.

Der Bochumer Palliativmediziner Professor Michael Zenz habe voreingenommen, fehlerhaft und unvollständig gearbeitet, sagte Rechtsanwalt Matthias Waldraff. Entlastendes Material sei nicht berücksichtigt worden. Ein zweites Gutachten des Hamburger Toxikologen Professor Achim Schmoldt wertete die Verteidigung als parteiliches "Privatgutachten" im Auftrag der AOK Niedersachsen, die Anzeige gegen Mechthild B. erstattet hatte. Das Gericht wies die Anträge jedoch zurück. Einleuchtende Gründe für die Ablehnung lägen nicht vor.

Mechthild B. wollte sich in dem Prozess nicht äußern. Sie ließ ihre Anwälte jedoch eine ausführliche persönliche Erklärung verlesen. Darin werden die christlich-humanistische Prägung der Ärztin, die in einer evangelisch-reformierten Gemeinde aufwuchs, und ihre fachmedizinische Kompetenz unterstrichen.

Mechthild B., die bis 2003 als Belegärztin in der Paracelsus-Klinik in Langenhagen bei Hannover arbeitete, wurde im Mai 2003 von der AOK angezeigt, weil hohe Morphin-Gaben aufgefallen waren. In der Klinik wurden daraufhin Patienten-Akten beschlagnahmt. Die Ärztin saß 22 Tage in Untersuchungshaft, kam jedoch gegen eine Kaution von 40.000 Euro frei. Ihre Zulassung als Ärztin ruht seither. Seit Mai 2006 betreibt sie in Bad Salzdetfurth bei Hildesheim eine privatwirtschaftliche Praxis für "Präventologie" zur Vorbeugung gegen Krankheiten.

Verteidiger Albrecht Wegener räumte bei der Verhandlung ein, dass es bei der Ärztin zum Teil Lücken in den Akten gegeben habe: "Für sie stand die optimale Betreuung und seelische Versorgung der Patienten im Mittelpunkt. Das ging oft zu Lasten der Dokumentation."

(epd Niedersachsen-Bremen/b0539/28.02.08)
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